Home
http://www.faz.net/-gpg-76z69
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Erneuerbare Energien Die Ideologiewende

Vor mehr als drei Jahrzehnten warnten die Grünen als Urahnen der Energiewende vor einer Diktatur. Heute dagegen wird die Diskussion von pragmatischen, finanziellen und technischen Fragen bestimmt.

© dpa Vergrößern Wann werden die Netze ausgebaut und wie viel kostet das? Die Diskussionen rund um die Energiewende

Die Diskussion über die Energiewende wird von zwei großen Themen bestimmt. Was kostet das? Und: Wann werden die Kabelnetze so ausgebaut sein, dass der im Übermaß vorhandene Ökostrom dahin kommt, wo er gebraucht wird? Das sind pragmatische Fragen, finanzielle und technische. Dabei gerät aus dem Blick, dass das Ziel, ohne Kohle, vor allem aber ohne Atomenergie auszukommen, einen zutiefst ideologischen Ausgangspunkt hat. Vor mehr als drei Jahrzehnten starteten die Urahnen der Energiewende mit der Warnung vor einer Diktatur.

Eckart Lohse Folgen:  

Diese Ahnen sind die Grünen. Im März des Jahres 1980 gab die erst kurz zuvor gegründete Partei sich in Saarbrücken ihr erstes Programm. Eines der radikalsten Kapitel galt der Energiepolitik. Zuerst wird nur vor einem „Wachstumswahn“ gewarnt. Eine Fortsetzung des unbegrenzten Energiewachstums sprenge alle natürlichen Grenzen und führe zur Selbstzerstörung des ökologischen Systems.

„Diktatur aus der Steckdose“

Dann aber wird es politisch. Die bisherige Energiepolitik mit dem Ausbau der Atomstromerzeugung fortzusetzen stelle „eine fundamentale Bedrohung unserer Demokratie dar“. Die Monopole der Energieversorgungsunternehmen entzögen sich nahezu jeder demokratischen Kontrolle, wetterten die Grünen in ihrem Saarbrücker Programm. Dadurch werde die Gesellschaft einer „Diktatur aus der Steckdose“ unterworfen. Demokratische Grundrechte und bürgerliche Freiheiten seien im „vollausgebauten Atomstaat“ nicht mehr möglich. Begründung: Die Störanfälligkeit der Atomanlagen werde genutzt, um die vorhandenen Tendenzen zu einem „Polizei- und Überwachungsstaat“ zu verstärken. Als Konsequenz aus ihrer apokalyptischen Weltsicht forderten die Programmschreiber, das Monopol der großen Energieversorger aufzuheben und auch privaten Stromerzeugern das Recht zu geben, ihren Strom ins Netz einzuspeisen.

Mehr zum Thema

Vor diesem Hintergrund hat die Ökopartei heute allen Grund zur Zufriedenheit. Kaum ein Tag vergeht ohne Meldungen über neu gegründete Stadtwerke oder Genossenschaften, die mit Ökokraftwerken, Windrädern und Solardächern selbst Strom erzeugen wollen. Mehr als drei Viertel der Ökoenergie sollen von Privatleuten, Gewerbetreibenden, Landwirten, Finanzinvestoren und anderen Akteuren, jedenfalls nicht von der klassischen Strombranche erzeugt werden. Es gibt die Voraussage, dass sich der Marktanteil der großen Energieversorger bis zum Jahr 2030 halbiert haben wird. Die Stromerzeugung der Zukunft liege „in Bürgerhand“, heißt es etwa in der Solarstromlobby. Immer mehr Menschen machten die Energiewende einfach selbst.

Allerdings ist die Individualisierung bisher bloß eine halbe. Die meisten Selbsterzeuger speisen ihren Strom für langfristig vom Staat garantierte Abnahmepreise ins Netz ein und lassen ihn sich dann teuer abkaufen. Seit die Politik jedoch angefangen hat, die Einspeisevergütung zu deckeln, wird es interessanter, den Strom selbst zu nutzen. Das ist allerdings auch noch kein Idealmodell: Vor allem die Speicher für die auf dem Dach erzeugte Energie sind noch teuer, sie kosten um die 10.000 Euro. Viel Geld für jemanden, der gerade ein Haus baut. Immerhin gibt es von diesem Jahr an staatliche Zuschüsse und günstige Kredite in Höhe von 2000 bis 3000 Euro für ein Einfamilienhaus. Seit CDU und CSU vor zwei Jahren ihre eigene Energiewende vollzogen und der Atomkraft über Nacht vollständig abgeschworen haben, ist die Belastung der Steuerzahler und Stromkunden für den Vormarsch der erneuerbaren Energien noch einmal kräftig gewachsen. Kritiker dieses Kurses reagieren darauf mit einer Wiederbelebung des einst von den Grünen gebrauchten Begriffs: „Ökodiktatur“ wird die Energiewende von ihnen genannt.

Das Ende des ideologischen Charakters

Verglichen mit den ideologischen Schlachten der achtziger Jahre, ist die heutige Auseinandersetzung bloß eine rhetorische Rangelei. Die Diskussion bleibt sachlich. Die Union wirft den Grünen vor, die Rede „von der Demokratisierung der Energieerzeugung“ sei nichts als eine leere Sprechblase. Die Grünen verweisen im Gegenzug darauf, dass es manchen Menschen ungeachtet der Kosten wichtig sei, eine persönliche Anlage zur Stromerzeugung zu haben - nach dem Motto: Hauptsache, unabhängig. „Die Dezentralisierung ist der treibende Faktor der Energiewende“, sagt etwa der energiepolitische Sprecher der Grünen, Hans-Josef Fell.

Dokumentieren lässt sich das Ende des ideologischen Charakters dieser Auseinandersetzung leicht an den Programmen der Grünen. Vor der Bundestagswahl 2009 formulierten sie zur Energiepolitik brav: „Mit uns wächst zusammen, was zusammengehört: Klima, Gerechtigkeit und Freiheit.“ Das könnte auch die CDU beschließen. Geradezu jämmerlich im Vergleich zu Saarbrücken. Da wurde noch markerschütternd gewarnt: vor dem „Marsch in den totalitären Atomstaat“.

Quelle: F.A.S.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 17.02.2013, 09:14 Uhr