09.05.2007 · Sein Ernährungsverhalten zu ändern ist schwer - und mit staatlichen Vorschriften nicht zu erreichen. Daher ist die Forderung nach Ernährungsunterricht in der Schule abwegig. Denn Maßhalten ist ganz einfach eine Frage von Vernunft und Selbstkontrolle. Heike Schmoll kommentiert.
Von Heike SchmollNichts ist schwerer zu ändern als das Ernährungsverhalten. Jeder Arzt weiß von Diabetikern zu berichten, die kurz nach der Blutzuckeruntersuchung im Cafe ein Stück Torte verzehren. Denn die Lust an der Übertretung steigt, selbst wenn Ernährungsvorschriften gesundheitliche Gründe haben. Mit staatlichen Vorschriften zur Ernährung ist deshalb nichts zu erreichen.
Es kann Bundesgesundheitsministerin Schmidt (SPD) zwar nicht gleichgültig sein, dass die Zahl fettleibiger Kinder und Erwachsener so gestiegen ist, dass die Gesundheitskosten durch Folgeerkrankungen explodieren werden, doch ihre Forderung nach Ernährungsunterricht in der Schule ist abwegig. Das ist ein weiterer Versuch, gesellschaftliche Defizite in Erziehungs- und Lebensfragen auf die Schule abzuschieben.
Ernährung ist und bleibt auch eine Bildungsfrage
Die Schulen aber haben alle Hände voll zu tun, ihr Unterrichtspensum zu erfüllen und zusätzliche Ausfälle des Sportunterrichts zu verhindern. Nur wenn Schulen und Kindergärten über eine eigene Kantine verfügen, können sie bei entsprechender Finanzierung eine ausgewogene und frische Ernährung anbieten. Solange Eltern sich selbst einseitig ernähren und nur tiefgekühlte Essen in die Mikrowelle schieben, nützt das nichts.
Ernährung ist und bleibt immer auch eine Bildungsfrage. Überlegtes Einkaufen und Kochen hängen mit Initiative und Anstrengungsbereitschaft, aber auch mit mündiger Verantwortung für das eigene Leben zusammen. Erschwerend kommt hinzu, dass die Verbraucher angesichts der ständig wechselnden Auffassungen über gesunde Ernährung nur verwirrt sein können.
Maßhalten eine Frage der Vernunft und Selbstkontrolle
Wurden noch vor kurzem kalorienreduzierte Produkte und Kohlehydrate angepriesen, während Fett verteufelt wurde, werden jetzt hochwertige Fette (einfach und mehrfach ungesättigte Fettsäuren) mit einer Reduktion des Weißmehl- und Kohlehydratanteils und mit hochwertigem Eiweiß propagiert. Bedenklich sind die Zuckerzusätze in fast allen Lebensmitteln, die durch starken Anstieg und Abfall des Insulinspiegels zu Dauerappetit und Gewöhnung führen.
Solange Essen und sportliche Betätigung nicht mit Lustgewinn verbunden bleiben, sind Vorschriften wirkungslos. Das Maßhalten lässt sich nun einmal in keinem Lebensbereich verordnen, sondern ist eine Frage der Vernunft und Selbstkontrolle.
Heike Schmoll Jahrgang 1962, politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.
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