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Erklärung zur „Pille danach“ : Die Gretchenfrage der katholischen Sexualmoral

Äußert sich auch ohne Absprachen: Kardinal Meisner Bild: dpa

Und er dreht sich doch: Die Erklärung des Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner zur “Pille danach“ ist grundsätzlicher und folgenreicher, als es auf den ersten Blick den Anschein hat. Auslöser war der Fall einer mutmaßlich vergewaltigten Frau, die in zwei katholischen Krankenhäusern abgewiesen worden war.

          Der Kardinal kam auf leisen Sohlen. Um die Mittagszeit des vergangenen Donnerstags verbreitete die Pressestelle des Erzbistums Köln eine „Erklärung“ von Joachim Kardinal Meisner zur „Pille danach“. Überrascht waren Freund und Feind des Kölner Erzbischofs aber nicht nur von dem Umstand, dass Meisner sich in einer heiklen Angelegenheit wieder einmal auf eigene Faust und ohne jede Rücksprache mit den anderen Bischöfen geäußert hatte. Noch überraschender war der Inhalt der Erklärung, zumal Meisners Pressestelle gleichzeitig eine Erklärung zu der Erklärung veröffentlichte.

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

          Was war geschehen? Zwei Wochen zuvor war bekanntgeworden, dass eine mutmaßlich vergewaltigte Frau in zwei katholischen Krankenhäusern abgewiesen worden war. Die Ärzte, die auf Verlangen einer Notfallpraxis eine anonyme Spurensicherung hätten durchführen sollen, sahen sich dazu außerstande. Sie wollten sich nicht in eine Situation bringen, in der sie im Rahmen eines Beratungsgesprächs auf die „Pille danach“ hätten aufmerksam machen müssen. Deren Verschreibung, so dachten bis zum vergangenen Donnerstag nicht nur die beiden Ärzte, sei mit der katholischen Sittenlehre, wie sie das Lehramt der Kirche verbindlich ausgelegt habe, nicht zu vereinbaren.

          „Wirkweise nicht immer zu Gänze bekannt“

          In der Tat. Noch im Jahr 2008 und damit schon im Pontifikat von Papst Benedikt XVI. hatte die vatikanische Kongregation für die Glaubenslehre die katholische Doktrin auf den neuesten Stand gebracht. Wie bislang grundsätzlich abgelehnt wurde die älteste, in Deutschland in den neunziger Jahren unter dem Namen Mifegyne zugelassene Abtreibungspille. Deren Wirkweise sei keine andere als die „beabsichtigte und direkte Tötung eines menschlichen Lebens in dem zwischen Empfängnis und Geburt liegenden Zeitraum“ und daher unter allen erdenklichen Umständen abzulehnen. Kein günstigeres Urteil fällte die Glaubenskongregation über neuere Mittel, die nicht kontragestiv, also abtreibend, sondern intergestiv wirkten, indem sie die Einnistung (Nidation) eines befruchteten Embryos in die Gebärmutter verhinderten.

          „Wahr ist“, befand die Glaubenskongregation, „dass die Wirkweise der verschiedenen angewandten Mittel nicht immer zur Gänze bekannt ist. Experimentelle Studien zeigen aber, dass die nidationshemmende Wirkung gewiss vorhanden ist.“ Wer also ein solches Mittel wünsche oder verschreibe, der handele mit dem Vorsatz zur Abtreibung. Roma locuta, causa finita? Bis zum vergangenen Donnerstag.

          Denn Kardinal Meisner führte in seiner Erklärung einen dritten Typ der „Pille danach“ ein. Dieser solle geeignet sein, nicht erst die Nidation zu verhindern, sondern schon die Zeugung: „Wenn nach einer Vergewaltigung ein Präparat...mit der Absicht eingesetzt wird, die Befruchtung zu verhindern, dann ist das aus meiner Sicht vertretbar“, ließ der Kardinal die Öffentlichkeit wissen. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen und erst recht nicht den Verdacht, der Kölner Kardinal schreibe eigenmächtig ein neues Kapitel der katholischen Sexualmoral, sekundierte die Pressestelle mit einer Erklärung. Der Kardinal berücksichtige wissenschaftliche Erkenntnisse, wenn er sich im Vergewaltigungsfall für Präparate einsetze, die den Eisprung oder die Befruchtung verhinderten. „Bisher wurde davon ausgegangen, dass die nidationshemmende Wirkung das zentrale Wirkprinzip der Präparate sei, die als ,Pille danach‘ bezeichnet werden. Das ist offenbar nicht mehr Stand der Wissenschaft.“

          Der aber lautet keineswegs so, dass bei einer ovulationshemmenden „Pille danach“ eine nidationshemmende Wirkung gänzlich ausgeschlossen sei. Zu diesem Ergebnis kommen jedenfalls die Mitglieder eines trägerübergreifenden Ethikrates im Bistum Trier, die seit dem vorvergangenen Jahr an Empfehlungen über dem Umgang mit Notfallantikonzeptiva in katholischen Krankenhäusern arbeiten. In einer Arbeitsfassung der Empfehlungen heißt es über den seit dem Jahr 2009 zugelassenen Wirkstoff Ulipristal, der eine Verhinderung von Schwangerschaften bis zu 120 Stunden nach ungeschütztem Geschlechtsverkehr ermöglicht, indem der Eisprung verhindert oder verzögert wird: „Eine Einwirkung auf die Nidation, mithin eine abortive Wirkung, ist nicht ausgeschlossen.“ Daher sei sein Einsatz mit dem Gebot der Achtung des menschlichen Lebens von seinem Beginn an nicht vereinbar.

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