05.11.2007 · Die Vertriebenen-Vorsitzende hat ihr Ziel fast erreicht: Pläne für ein Zentrum gegen Vertreibungen sind auf den Weg gebracht. Warum Erika Steinbachs Arbeit damit aber noch nicht erledigt ist, erklärt sie im F.A.Z.-Interview.
Die Vertriebenen-Vorsitzende hat ihr Ziel fast erreicht: Pläne für ein Zentrum gegen Vertreibungen sind auf den Weg gebracht. Doch damit ist Erika Steinbachs Arbeit noch nicht erledigt.
Frau Steinbach, der Pulverdampf scheint sich verzogen zu haben, das Zentrum gegen Vertreibungen ist auf dem Weg. Wie geht es jetzt weiter?
Jetzt wird das Kabinett sicherlich in einer Vorlage die Grundsatzposition beschließen, und dann muss der Staatsminister für Kultur sehen, dass er das in geeigneter Form umsetzt.
Wie geht es mit Ihnen weiter?
In der von CDU/CSU und SPD ausgehandelten Grundsatzentscheidung ist vorgesehen, dass der BdV vertreten ist. Und mein Verband kann sich nicht reinreden lassen, wer ihn vertreten darf.
Es ist noch nicht entschieden, wer den BdV vertritt?
Das wird geschehen, wenn es so weit ist.
Haben Sie sich etwas vorzuwerfen?
Noch bevor die Stiftung gegründet wurde, habe ich alle Botschafter angeschrieben, aus deren Ländern Deutsche vertrieben worden sind, das war im Juli 2000. Und ich habe dem damaligen polnischen Außenminister Wladyslaw Bartoszewski einen herzlichen Brief geschrieben und ihn um einen Termin gebeten. Aber es kam nie eine Antwort. Aber trotzdem würde ich sagen, rückblickend war es nicht verkehrt. Es machte deutlich, dass wir den Dialog mit unseren Nachbarn wollten und wollen. Und wenn man sich in dem einen oder anderen Land mit dem Dialog schwertut, dann muss eher dort die Aufarbeitung stattfinden.
Polnische Politik war unter Ministerpräsident Jaroslaw Kaczynski antideutsch grundiert. Sehen Sie Anknüpfungspunkte mit einer neuen Regierung unter einem Ministerpräsidenten Donald Tusk?
Man muss das innenpolitische Klima in Polen betrachten. Es wäre für Tusk unmöglich, eine Neunzig-Grad-Wende zu machen. Dass er sehr viel liberaler denkt und auch das deutsch-polnische Verhältnis wieder begradigen möchte, davon bin ich überzeugt. Das Erfreuliche war für mich, dass in den Regionen, wo früher Deutsche gelebt haben, die Kaczynski-Brüder niemals eine Mehrheit hatten. Die engen Kontakte der Vertriebenen zu den heutigen Bewohnern haben Vertrauen wachsen lassen.
Wenn das Zentrum gegen Vertreibungen kommt, hat sich dann Ihre Arbeit erledigt?
Nein. Unsere Stiftung wird weiterarbeiten.
Mit welchem Schwerpunkt? Spielt das Recht auf Heimat eine Rolle?
Diese Stiftung will beständig mahnen, Vertreibung als Mittel der Politik zu ächten. Darüber hinaus bringen wir gerade eine Ausstellung zur Siedlungsgeschichte der Deutschen auf den Weg.
Aber was haben die deutschen Vertriebenen davon? Ihr Verband hat schon auf Vermögensansprüche hingewiesen und ein Rückkehrrecht gefordert.
Vermögensansprüche sind kein Thema unserer Stiftung. Dass die europäische Niederlassungsfreiheit kein Rückkehrrecht ist, liegt juristisch auf der Hand. Es sind jetzt mehr als sechzig Jahre seit Kriegsende vergangen, und die Mehrheit der deutschen Heimatvertriebenen hat sich mit dem Status quo arrangiert. Aber es gibt die Sehnsucht nach Mitgefühl, Verständnis und Zuwendung.
Ihr Zentrum verfolgt also einen universellen Ansatz.
Wir haben auch die heutigen Vertreibungen im Fokus und die Solidarität mit Vertreibungsopfern. Am Schicksal der Armenier wird das deutlich. Übrigens, die Tatsache, dass sich die Türkei bis heute nicht mit dem Völkermord an den Armeniern konstruktiv auseinandersetzt, sondern ihn leugnet, zeigt, dass durch eine solche Haltung ein Thema selbst neunzig Jahre danach lebendig bleibt. Ein Land, das nicht bereit ist, sich mit seiner eigenen Geschichte auseinanderzusetzen wird solche Themen nicht los. Das ist geradezu ein Lehrstück.
Die Vertriebenen wurden nach dem Krieg nicht besonders herzlich aufgenommen.
Gerade deshalb ist die Leistung ja so gigantisch. Als wir in Schleswig-Holstein ankamen, sagte der erste Bauer, bei dem wir untergebracht waren, zu meiner Mutter: „Ihr seid ja schlimmer als die Kakerlaken.“ Diese Ausgrenzung der Vertriebenen hätte dazu führen können, dass man sich gewaltbereit zusammenrottet. Aber die gesamte politische Klasse, wenn man von der kommunistischen Partei im Westen absieht, hat sich solidarisch an die Seite der Vertriebenen gestellt. Und die Vertriebenen selbst haben den Friedensweg gewählt.
Dennoch gelten Vertriebene als Störenfriede.
Opferorganisationen sind immer unbequem. Sie sind ja eine beständige Mahnung an das Gewissen. Das beunruhigt.
Die Vertriebenen waren für die sozialliberale Koalition ein Hindernis für die Ostpolitik.
Inwiefern?
Herr Thierse hat Sie persönlich zum Stein des Anstoßes in den Beziehungen zu Polen erklärt. Ist das nicht derselbe Duktus wie vor dreißig Jahren?
Ich versuche immer, mich in andere Menschen hineinzuversetzen. Wolfgang Thierse ist sozialisiert in der DDR, und in der DDR waren Vertriebene im Westen Deutschlands allesamt Revanchisten. Vielleicht ist seine für mich unerklärbare Haltung so nachvollziehbar.
Der estnische Präsident Lennart Meri hat einst die Vertriebenen zur Rückkehr eingeladen. Ist das auch in Polen vorstellbar?
Ungarn hat das ja ähnlich gemacht. Aber es kommt gar nicht so sehr darauf an, ob ein Staat gerade diesen Weg geht. Der gute Wille, ein Unrecht im Rahmen des Möglichen zu heilen, das ist wichtig.
Wie weit ist der BdV mit der Aufarbeitung seiner Geschichte?
Unser erster Präsident war offensichtlich belastet, aber er war nicht sehr lange Präsident. Herbert Czaja war ein ausgesprochener Gegner des Nationalsozialismus, er hat sich geweigert, der NSDAP beizutreten. Wenzel Jaksch war in der Emigration, Reinhold Rehs war Sozialdemokrat, und Fritz Wittmann war damals nicht erwachsen. Ich selbst bin erst 1943 geboren. Ich sehe der Sache gelassen entgegen.
Sie haben kürzlich gesagt: „Dieses Amt hat mich sehr gefordert, und es hat Kräfte in mir geweckt, von denen ich keine Ahnung hatte.“
Von uns vier Kindern war ich das schüchternste. Meine Eltern waren immer bass erstaunt, dass ich in der Politik den Mund aufgemacht habe. Beim BdV bin ich mit so vielen menschlichen Schicksalen konfrontiert worden - das hat mir Kraft gegeben. Wir erwarten von unseren Eltern oder Großeltern, dass sie im Dritten Reich hätten tapfer sein sollen, dann werde ich es in einer Demokratie doch aushalten können, wenn ich um einer gerechten Sache willen angegriffen werde. Ich muss aber leider erschreckt feststellen, dass viele Menschen in unserer Demokratie es nicht wagen, den Mund aufzumachen. Das sollte uns zu denken geben. Die Vertreibung war ein stigmatisiertes Thema. Dass es jetzt zu einem hoffentlich guten Ende kommt mit der Dokumentationsstätte, ist die Ausfüllung eines weißen Flecks in unserer historischen Gedenkstättenlandschaft. Das ist überfällig, dient unserer gesamtdeutschen Identität und tröstet die Betroffenen.