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Enoch zu Guttenberg : Ein Freiherr kämpft gegen den „Windkraft-Wahn“

„Als kämen Invasoren von einem fernen Planeten über ein Zwergenvolk“: Windkrafträder hinter der oberfränkischen Ortschaft Trogen nahe der Stadt Hof und an der Landesgrenze zu Sachsen. Bild: Picture-Alliance

Der Dirigent Enoch zu Guttenberg wanderte einst durch die oberfränkischen Täler – verwunschen und wild. Doch jetzt kommen auch dorthin immer mehr Windräder. Für ihn ist das ein brutaler Frevel an Landschaft und Menschen.

          Am Anfang steht ein Wort. „Blutstrom“ – damit hat Enoch zu Guttenberg die Energieerzeugung mit Windrädern gegeißelt, deren mächtige Rotoren Vögeln und Fledermäusen den Tod bringen. Alles klar? Ein fränkischer Freiherr, der Landschaftsträumereien nachhängt? Ein Dirigent und Musenkopf, der nicht mit den harten Realitäten des Lebens zurechtkommt? Die Rückkehr der deutschen Innerlichkeit im Adelswams? Diese Etiketten ließen sich schnell prägen. Sie haben nur einen Nachteil: Sie haben wenig mit der Wirklichkeit zu tun.

          Albert Schäffer

          Politischer Korrespondent in München.

          „Blutstrom“ hat Guttenberg zwar gesagt, im vergangenen Monat in der Stadthalle in Göppingen auf einer der Veranstaltungen, auf denen er gegen die Windkraft streitet. Doch niemand leidet mehr darunter als er, wenn er darauf angesprochen wird. Die unheilvollen Assoziationen mit den Unwörtern des Nationalsozialismus sind Guttenberg bewusst; sie bereiten ihm fast körperliche Pein. Zu seiner Familie gehörte Karl Ludwig zu Guttenberg, der als Widerstandskämpfer in den letzten Kriegstagen von den Schergen des Reichssicherheitshauptamts ermordet wurde.

          Über subjektive Wahrhaftigkeit lässt sich nicht streiten: Dirigent und Windkraftgegner Enoch zu Guttenberg
          Über subjektive Wahrhaftigkeit lässt sich nicht streiten: Dirigent und Windkraftgegner Enoch zu Guttenberg : Bild: Jan Roeder

          Enoch zu Guttenberg ist, das wird in einem langen Gespräch deutlich, kein Ökofundamentalist, kein Rechthaber, kein Rabauke. Ihn treibt die Sorge um, dass mit dem Errichten großer Windkraftanlagen die letzten natürlichen, nicht urbanisierten Lebensräume in Deutschland zerstört werden; ein Preis, den er verglichen mit dem ökonomischen Nutzen für zu hoch hält.

          „Kult der unbegrenzten Energie“

          Er sei anfangs selbst für die Windkraft gewesen, sagt er; doch habe er lernen müssen, dass sie ein ökologischer und ökonomischer Irrweg sei. Auf seinem Mobiltelefon hat er die Aufnahme einer Ortschaft, über die riesige Windräder aufragen, als kämen Invasoren von einem fernen Planeten über ein Zwergenvolk.

          Guttenberg hat viele Statistiken und Berechnungen parat, um für seine Sache zu werben; sie finden sich auf den Websites des Bündnisses „Vernunftkraft“, zu deren prominenten Köpfen er gehört. Natürlich wandelt sich der künstlerische Feuerkopf Guttenberg nicht zum trockenen Zahlenmenschen, wenn er das Dirigenten- mit dem Rednerpult vertauscht und gegen die Windkraft spricht.

          Er wettert mit großem emotionalen Gestus gegen das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG), das eine „gigantische Verschleuderungs- und Geldumverteilungsmaschine“ sei; er sieht in den großen Windrädern „Riesentotems eines Kults der unbegrenzten Energie“; er beklagt, dass der Naturschutz in die Hände von Technokraten gefallen sei.

          Zerstörung der Natur und der Seele

          Abschaffung des EEG, ein Stopp des subventionierten Ausbaus der Windenergie – und auch der Photovoltaik –, eine „weitestgehende“ Schonung von Natur und Lebensraum, Fokussierung gesellschaftlicher Ressourcen auf Forschung und Einsparung: Diese Forderungen von „Vernunftkraft“ interpretiert Guttenberg auf expressive, ja mitunter ekstatische Weise. Wie sollte es anders sein, wollte er nicht seine Persönlichkeit in Dirigent und Umweltschützer spalten. Anders könnte er nicht die Authentizität ausstrahlen, die Menschen in großer Zahl zu seinen Reden wider die Windkraft zieht.

          Guttenberg ist als Umweltschützer kein Spätberufener. In einem 2010 erschienenen Gesprächsbuch hat er die Wurzeln seines Engagements benannt – wie er in seinen Kindheitstagen auf Schloss Guttenberg in Oberfranken nahe Kulmbach die Natur als Geborgenheit und Heimat empfunden hat. Als von einem Tag auf den anderen Straßen in die verwunschensten Täler gebaut worden seien, da sei das für ihn gewesen, „als würde meine Seele zubetoniert“.

          Am schlimmsten sei für ihn gewesen, dass „unsere zwanzig Ackerpferde innerhalb eines Jahres alle einen Kopf kürzer gemacht und von fünf Traktoren ersetzt wurden“. Als Kind habe er das nicht in Worte fassen können, aber ihm sei klar gewesen, „dass wir begonnen hatten, einen ganz furchtbaren Weg zu gehen, der uns trennt vom einigermaßen symbiotischen Leben mit der Natur“.

          Unruhiger Dirigent und Umweltschützer

          1975 gehörte Guttenberg – damals noch keine dreißig Jahre alt – zu den Gründern des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland. Herrlich, wenn er aus den Anfangsjahren der Organisation schildert, wie er 1978 zusammen mit Bernhard Grzimek und Hubert Weinzierl beim Kurienkardinal Joseph Ratzinger versucht habe, die Kirche als Mitstreiterin für die Bewahrung der Schöpfung zu gewinnen. Ratzinger habe ihnen freundlich beschieden, Rom sei gerade erst mit dem Fall Galilei fertig, da wolle man nicht schon wieder mit etwas Neuem anfangen.

          Guttenberg war nicht nachtragend: 2010 reiste er mit der Chorgemeinschaft Neubeuern und dem Orchester „KlangVerwaltung“ – den beiden Zentralgestirnen seines musikalischen Kosmos – in den Vatikan und führte zu Ehren Ratzingers, nun Papst Benedikt XVI., Verdis Requiem auf. In seinen Dankesworten zitierte Benedikt den Kirchenvater Augustinus, dass das Herz unruhig sei, bis es Ruhe finde in Gott. Wer wollte, konnte es auch als ein Psychoprogramm aus päpstlichem Mund verstehen – ein unruhiges Herz ist Guttenberg, als Dirigent und als Umweltschützer.

          Mit 69 kein Ruhestand

          2012 verließ er den Bund für Umwelt und Naturschutz. Bis in die Führung des Verbands werde die weitgehende Zerstörung der Landschaftsschutzgebiete und Naturparks durch Windkraft- und Photovoltaikanlagen nicht nur geduldet, sondern sogar unterstützt, zürnte er. Es war mehr als die Kündigung einer Mitgliedschaft, es war der Abschied von einer zweiten Heimat.

          Guttenberg ist unerbittlich in dem, was er für richtig hält – das bekommen auch Standesgenossen zu spüren: Gegen das Fürstenhaus Hohenlohe-Langenburg, das seine Besitzungen nicht mehr länger als Sperrgebiet für die Windkraft betrachtet, hat er im vergangenen Monat eine veritable Brandrede gehalten – nicht irgendwo, sondern im Herzen des Hohenloher Lands, in Langenburg.

          Im Juli wird Guttenberg 69 Jahre alt. Er könnte es sich bequem machen, seine Besitztümer und den Ruhm als Dirigent und als Intendant der Festspiele auf Herrenchiemsee genießen. Er könnte sich auf die Freuden mit seiner Familie beschränken, mit den beiden noch jungen Söhnen aus seiner zweiten Ehe und seinen fünf Enkelkindern. Er könnte sich von einem gesundheitlichen Schlag erholen, der ihn im vergangenen Jahr heimgesucht hat.

          Salzsäure über Landschaften

          Doch Guttenberg ist landauf, landab unterwegs, um gegen die Windkraft zu streiten. Auf die Frage, was ihn antreibe, gibt er eine einfache Antwort: Er sei doch seine Pflicht, sich für die Bewahrung der „letzten erhaltenen Kulturlandschaften“, die dem „Windkraft-Wahn“ geopfert werden sollten, einzusetzen.

          Enoch zu Guttenberg ist kein Politiker – anders als sein Sohn Karl-Theodor, der frühere Bundesverteidigungsminister, anders als sein Vater Karl Theodor, der ein Wegbereiter der Großen Koalition unter der Kanzlerschaft von Kurt Georg Kiesinger war. In seiner Unbedingtheit könnte er auch nicht Politiker sein. Er nimmt sich die Freiheit, an Grenzen politischer Korrektheit zu rühren.

          Wer in der Alten Pinakothek in München Salzsäure über ein Gemälde von Albrecht Altdorfer gösse, käme in eine psychiatrische Klinik oder ins Gefängnis, sagt er; lebende Landschaften durch monströse Windkraftanlagen zu zerstören, gelte aber als fortschrittlich und zeitgerecht. Es sind Worte eines unruhigen Herzens, über die sich streiten lässt. Über ihre subjektive Wahrhaftigkeit lässt sich nicht streiten.

          Quelle: F.A.Z.

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