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Energieabhängigkeit von Russland : Die Deutschen und das russische Gas

Bald ungenutzt? Eine Pipeline von Gasprom Bild: REUTERS

Deutschland ist der größte Kunde des Gasproms-Konzerns - aber bei weitem nicht so abhängig wie andere EU-Länder. Sind am Ende die Russen stärker auf die Energielieferungen nach Europa angewiesen als wir? 

          Das Erdgasgeschäft läuft durch die wechselvolle deutsch-russische Geschichte wie eine Konstante. Politische Krisen zwischen Ost und West konnten den Energiebeziehungen nie etwas anhaben: nicht der sowjetische Einmarsch in Afghanistan, nicht der Nato-Doppelbeschluss. Die Krim–Krise hat nun eine Debatte über die Abhängigkeit Deutschlands und Europas von Russland befördert, da Moskau offen damit gedroht hat, Wirtschaftssanktionen hätten Reaktionen zur Folge, die Europa am Ende mehr schaden könnten.

          Nikolas Busse

          Verantwortlicher Redakteur für die Frankfurter Allgemeine Woche und stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Außenpolitik (F.A.Z.).

          Majid Sattar

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Beschwichtigen die Deutschen, weil sie ihre Gaspolitik nicht ändern wollen? Oder versteckt sich Osteuropa, das viel mehr an russischen Energieimporten hängt, hinter Berlin? In Europa wird derzeit zwar allgemein über eine „Neubetrachtung der europäischen Energiepolitik“ (Angela Merkel) gesprochen, die im deutschen Energiewendeland bereits begonnen habe, immer wieder aber fällt der Satz: In den dunkelsten Stunden des Kalten Krieges, so haben es die Bundeskanzlerin, ihr Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel und die Energiewirtschaft formuliert, hätten die Russen die Lieferverträge stets eingehalten.

          „Wandel durch Handel“

          Ende der fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts unternahm Berthold Beitz für den Krupp-Konzern den ersten Versuch eines Tauschgeschäftes „Röhren gegen Erdgas“ mit der Sowjetunion. Aufgrund eines amerikanischen Embargos versandeten die Gespräche zunächst. 1970 kamen dann andere im Zeichen der Entspannungspolitik zu einem Abschluss: Jährlich sollte die Sowjetunion drei Milliarden Kubikmeter Erdgas an die Essener Ruhrgas AG liefern – im Gegenzug exportierten die Stahlkonzerne Mannesmann und Thyssen hochwertige Röhren für eine 2.000 Kilometer lange Pipeline, welche den extremen klimatischen Bedingungen standhalten sollte.

          1973 wurde das erste russische Gas im oberpfälzischen Waidhaus ins europäische Ferngasleitungsnetz eingespeist. Die Deutschen und das Russengas – die wechselseitigen Bindungen wurden hierzulande lange mit dem „Wandel durch Handel“-Ansatz erklärt. Nun sind sie jedoch Gegenstand einer Kontroverse. In der Europäischen Union führte das Erdgasgeschäft zu galligen Bemerkungen in Richtung Berlin – und das ausgerechnet aus einem Land, das in jüngster Zeit enge Beziehungen zur Bundesrepublik gepflegt hat.

          Der polnische Ministerpräsident Donald Tusk sagte jüngst, dass Deutschlands Abhängigkeit von russischem Gas „Europas Souveränität verringern könnte“. In Tusks Worten verbarg sich zwar sein Widerstand gegen die ambitionierte deutsche Klimapolitik und sein Interesse, an der Förderung heimischer Kohle festzuhalten. Doch kam in dem Angriff auch noch einmal der Ärger über die Nord-Stream-Pipeline zum Ausdruck, die russisches Gas unter Umgehung Osteuropas direkt nach Deutschland liefert. In Berlin wurden Tusks Worte als ungerechte Unterstellung empfunden.

          Es folgte die Empfehlung an die nervösen Osteuropäer, erst einmal nachzurechnen, wer denn in der EU nun wirklich von russischem Gas abhängig ist und wer nicht. Deutschland ist zwar der größte Kunde Gasproms, von dem halbstaatlichen Konzern aber bei weitem nicht so abhängig wie andere EU-Länder: Etwa 35 Prozent des deutschen Gasverbrauchs stammt aus Russland. In Litauen, Lettland, Estland und Finnland sind es 100 Prozent, in Bulgarien 98, in der Tschechischen Republik 88, in der Slowakei 79, in Slowenien 62 sowie in Ungarn und Polen je 60 Prozent.

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