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Donnerstag, 20. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Ende des Geiseldramas „Wir verbinden Sie mit dem Minister“

 ·  Wie die Menschen in Bennewitz und Leipzig den Ausgang des Geiseldramas erlebten: Außenminister Steinmeier überraschte den Pfarrer der Nikolaikirche, der wochenlang die Mahnwachen organisiert hatte, mit einem Anruf aus Chile.

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„Jetzt will ich noch zur Nikolaikirche“, sagt Peter Bienert bestimmt. Seit 19 Uhr gibt er nun schon am Telefon oder vor Fernsehkameras am Tor seines kleinen Anlagenbau-Unternehmens Cryotec im sächsischen Bennewitz geduldig Auskunft darüber, wo ihn die Nachricht von der Freilassung seiner beiden Mitarbeiter erreicht habt und wie er sich fühlt. „Es ist herrlich“, sagt der große stämmige Mann immer wieder und die Strenge in seinem Gesicht weicht einem Lächeln. „Aber das richtige Glück begreifen wir noch nicht.“

Ein wenig ungelenk, mit rufender Stimme, erzählt der 62 Jahre alte Unternehmer, was seine Mitarbeiter und er in den vergangenen 99 Tagen unternommen haben, um ihre Solidarität mit Rene Bräunlich und Thomas Nitzschke zu zeigen: von den grünen Bändern der Hoffnung, der Internetseite und vielem anderen. Im Hintergrund stellt derweil eine Nachbarin eine Vase mit Blumen auf den Sims des Pförtnerhäuschens. Auf ein grünes Pappschild hat sie geschrieben: „Gemeinsam mit den Familienangehörigen und Kollegen von Rene und Thomas freuen wir uns über deren Freilassung. Willkommen in der Heimat Rene und Thomas.“

Nicht ausreichend um die Sicherheit gekümmert?

Einer wie Bienert macht eigentlich nicht viele Worte. Die Öffentlichkeit sucht er schon gar nicht. Als im Januar bekannt wurde, daß seine Mitarbeiter im Irak entführt worden waren, wehrte er Medienanfragen zunächst unwirsch ab. Manchen Journalisten warf er damals eigenhändig vom Firmengelände. Er habe sich doch an die mit dem Außenministerium und dem Bundeskriminalamt vereinbarte Verschwiegenheit halten müssen, erklärte er später sein Verhalten.

Schwer zu schaffen machten ihm freilich auch die von manchen Politikern und Medien erhobenen Vorwürfe, er habe sich nicht ausreichend um die Sicherheit seiner beiden Techniker gekümmert. Bienert schob das alles irgendwann einfach zur Seite, sagte sich, wenn du etwas erreichen willst, dann über die Medien. Erstaunlich schnell wurde der Ingenieur danach immer professioneller im Umgang mit Journalisten.

Erfahrenes Unternehmen

Bienert hofft nun, daß sich durch die Aussagen von Nitzschke und Bräunlich klärt, warum sie im Irak an einem anderen Ort untergebracht waren als vereinbart und deshalb am 24. Januar auf ihrem Weg zur Arbeit entführt werden konnten. Eigentlich hätten der 32 Jahre alte Bräunlich und der 28 Jahre alte Nitzschke während ihrer kurzen Dienstreise auf dem Gelände einer Raffinerie im nordirakischen Baidschi wohnen sollen, wo sie eine Anlage aufbauen und in Betrieb nehmen wollten.

Schon zuvor hatte die in den neunziger Jahren gegründete Spezialfirma für Industriegas-Anlagen, dank Verbindungen aus DDR-Zeiten, mehrfach in den Irak geliefert. Cryotec gilt deshalb als ein erfahrenes Unternehmen im Irak-Geschäft. Auch Bienert selbst war schon mehrfach in dem Land. Nach den Erfahrungen der vergangenen Wochen will er aber nun darauf verzichten, eigene Mitarbeiter in den Irak zu schicken. Freilich sei Cryotec auf den Export angewiesen, weshalb man in Bennewitz womöglich künftig Iraker für Aufträge in ihrem Land ausbilden müsse.

„Ich muß dorthin“

Nun wolle er aber wirklich zur Nikolaikirche, sagt Bienert. „Ich muß dorthin, wo wir in den vergangenen Wochen während 27 Mahnwachen gebangt, gehofft, gebetet haben. Es ist mir ein Bedürfnis nach all der Angst und Hektik, dort Ruhe zu finden.“ Also macht sich ein kleiner Konvoi nach Leipzig auf. An der Spitze fährt ein Zivilfahrzeug der Polizei mit Blaulicht. Die 25 Kilometer sind in weniger als einer halben Stunde zurückgelegt.

Im sanften Wind des Frühlingsabends flackern mehr als tausend Kerzen, die die Teilnehmer der Mahnwachen in den vergangenen Wochen an die Nikolaikirche gestellt haben. An einigen Fenstern des Gotteshauses hängen Transparente und Plakate mit Aufschriften wie „Thomas komm nach Haus“. Und wenn dazwischen nicht der weiße Zettel hinge, auf den Pfarrer Christian Führer „Die Geiseln sind frei. Gott sei Dank!“ geschrieben hat, könnte man meinen, die Zeit des Bangens sei noch nicht vorüber.

Viele der Menschen, die am frühen Abend auf den Nikolaikirchhof gekommen waren, um beim Glockenläuten gemeinsam mit Pfarrer Führer und dem Leipziger Oberbürgermeister Burkhard Jung zu feiern, sind längst nach Hause gegangen. Aber Bienert ist dennoch keine Ruhe gegönnt. Kaum ist er aus dem Auto gestiegen, stürmen mehrere Fernsehteams auf den Unternehmer zu. Im grellen Licht der Kameras, sagt er abermals gerne, was er zu sagen weiß: Daß es ein Tag der Befreiung sei, daß er sich aber auch an den bitteren Moment erinnere, als er von der Entführung erfuhr, daß er sich für den Rückhalt bedanke, den die beiden Geiseln, seine Firma und er in den vergangenen Wochen bekommen hätten.

„Wir haben es geschafft“

Dann endlich können Bienert, Pfarrer Führer und Winfried Helbig von der Aktion Friedenskreis Leipzig, die die Mahnwachen organisiert hat, sich umarmen. „Wir haben es geschafft.“ Die Herren beschließen, es sei nun Zeit, mit einem Glas Wein auf die frohe Botschaft anzustoßen. Eingeladen ist, wer mitkommen mag. Rasch sind in der Kneipe „Alte Nikolaischule“ gleich gegenüber der Kirche sechs Tische zusammengeschoben. Noch einmal sitzt der engste Kreis der Solidaritäts-Organisatoren zusammen - endlich in fröhlicher Runde: Cryotec-Prokuristin Karin Berndt, Bienert, Helbig, Führer, der Leipziger Superintendent Henker.

Helbig, ein Mann von gut 60 Jahren mit jugendlicher Löwenmähne und Bart, berichtet, daß man noch am Nachmittag geplant habe, zum 100. Tag der Entführung am Mittwoch 100 weitere Kerzen zu entzünden. „Das werden wir jetzt ganz einfach im Dankgottesdienst machen.“ Pfarrer Führer erzählt von den grünen Bändern der Hoffnung. Wer auf die Idee gekommen sei, sie als Zeichen der Anteilnahme an Schicksal der beiden entführten Techniker zu tragen, wisse man nicht mehr.

So sei das eben seit 1981 in der Nikolaikirche, der Keimzelle der Friedlichen Revolution in der DDR. „Wir leben von der Begabung der Leute, die zu uns kommen.“ Frau Berndt berichtet lachend vom neuen Geschäftsfeld ihrer Firma: Herstellung und Vertrieb von grünen Bändern sowie Organisation von Solidarität.

Steinmeier telefoniert mit dem Pfarrer

Um kurz nach 23 Uhr kommt ein aufgeregter junger Mann in den Gastraum und sagt: „Ein Ferngespräch für Herrn Pfarrer.“ Jemand aus der Runde flachst: „Das ist bestimmt Steinmeier.“ Da Führer kein Handy besitzt, einigt man sich darauf, daß sich ein Polizist anrufen läßt. Und tatsächlich erscheint wenig später ein Beamter, zieht korrekt seine Mütze vom Kopf und reicht dem Pfarrer sein Funktelefon. Führer, wie stets in legerer Jeans-Weste und mit praktischem Stoppelhaarschnitt, steht auf, als wolle er jemandem Respekt erweisen. Ohne eine Miene zu verziehen, wiederholt er, was man ihm am Apparat sagt: „Hier ist das Auswärtige Amt, wir verbinden Sie mit dem Minister in Chile.“

Steinmeier spricht eine ganze Weile mit dem Pfarrer und erkundigt sich schließlich, wann denn der Dankgottesdienst stattfinde. Nein, am Montag könne er leider nicht kommen, da müsse er schon in Washington sein. Natürlich ist Führer ein wenig enttäuscht. Aber daß der Außenminister ihn, den einfachen Pfarrer, angerufen hat, das beeindruckt ihn sehr. „Man stelle sich das zu DDR-Zeiten vor! Das ist der menschliche Unterschied.“

Eine Weile sitzen die Herrschaften noch zusammen. Dann muß Bienert aufbrechen. Am frühen Mittwochmorgen hat er einen Termin mit seinem Steuerberater, um den Cryotec-Jahresabschluß zu erledigen. Als die frohe Nachricht kam, war es zu spät, um den Termin noch zu ändern. Der Alltag läßt sich auch an diesem Freudentag nicht ganz verschieben. Aber Bienert nimmt die Sache als Zeichen dafür, daß in diesen Tagen manches im Guten zum Abschluß kommt.

Quelle: reb, Frankfurter Allgemeine Zeitung
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Jahrgang 1969, politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

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