17.05.2011 · Das Elterngeld gibt es seit 2007. Ob das etwas bringt in Sachen Geburtenzuwachs, ist noch lange nicht erwiesen. Zu vermuten ist bisher nur, dass die Reisebranche profitiert.
Von Katrin HummelWer hätte gedacht, dass sich Moscheen mit flauschigen Teppichböden hervorragend als Indoorspielplatz für Krabbelkinder eignen? Wer kennt sich aus mit dem biometrischen Passbild für Säuglinge? Und wer kann eine günstige Auslandsreiseversicherung für Familien mit Baby empfehlen, die nach Neuseeland fliegen?
Das sind nur einige der Fragen, die sich immer mehr junge Eltern in Deutschland nicht nur auf der Internetseite nepomuksreisen.de stellen. Denn seit die schwarz-rote Koalition 2007 das Elterngeld eingeführt hat, werden so viele Kleinkinder mit auf Reisen rund um den Globus genommen wie wohl nie zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik. Sogar einen eigenen Namen gibt es inzwischen dafür: Elternzeitreise. Der Staat macht's möglich, zahlt er doch Paaren, die gleichzeitig in Elternzeit gehen, maximal sieben Monate lang bis zu 3600 Euro im Monat, steuerfrei. Ob sie sich in dieser Zeit zu Hause um ihren Nachwuchs kümmern oder in Timbuktu, bleibt ihnen selbst überlassen.
Fast 15 Milliarden Euro hat den Steuerzahler das Elterngeld mittlerweile gekostet. Es galt als die Maßnahme schlechthin, um gut ausgebildete Eltern zum Kinderkriegen zu bewegen. Ob das etwas bringt in Sachen Geburtenzuwachs ist noch lange nicht erwiesen. Zu vermuten ist bisher nur, dass die Reisebranche vom Elterngeld profitiert.
Reisen mit Kind boomen: So spricht man im Berliner Reisebüro „Prenzlauer 200“ von einem „starken Zuwachs“ bei Abschlüssen von Familien mit Kindern zwischen sechs Monaten und drei Jahren. Und die zweitgrößte deutsche Fluggesellschaft, Air Berlin, hat nach eigenen Angaben 2010 im Vergleich zum Vorjahr einen Zuwachs im zweistelligen Prozentbereich bei den unter Zweijährigen verbuchen können.
„Abenteuer Elternzeit“
Auch der Buchhandel hat sein Sortiment ans Elterngeld angepasst. Die Journalistin und Buchautorin Inka Schmeling zum Beispiel hat mit Mann und Kind eine „Elternzeitreise“ auf der Seidenstraße gemacht und ein Buch darüber geschrieben. Ihr Sohn mit dem Pseudonym Nepomuk hat ein Viertel seines ersten Lebensjahres auf Reisen verbracht und ist auf einem Kamel durch die syrische Wüste geritten, bevor er laufen konnte. In Schmelings Reiseführer „Abenteuer Elternzeit: Ein Ratgeber über das Reisen mit Baby und Kleinkind“ erzählen außerdem etliche andere Mütter und Väter von ihren „Elternzeitreisen“ ins Baltikum, nach Chile, Neuseeland, Thailand, Kalifornien, durch Alaska und Kanada.
Im Ministerium für Familie gibt man sich angesichts dieser exotischen Verwendung des Eltergeldes locker: Eine gemeinsame Auslandsreise könne „das Zusammenwachsen der jungen Familie ebenso befördern und dem Neugeborenen die Nähe und Zuwendung seiner Eltern ebenso sichern“, wie wenn man zu Hause bleibe. Vater und Mutter sollten selbst entscheiden, was für sie und ihr Kind am besten sei. Kontrollieren, ob wirklich viel Gutes für das Kind dabei herauskomme, wolle und könne man nicht. Das Elterngeld sollten jedenfalls nicht nur Eltern bekommen, die sich zwischen Wickeltisch und Einbauküche um ihr Baby kümmern.
„Mit Geld werden wir die Gebärfreude nicht steigern können“
Von einem Quantensprung bei der Fortpflanzungsfreude kann trotz dieser ausgewiesenen Elternfreundlichkeit nicht die Rede sein. Wissenschaftlich verlässliche Aussagen über die Wirkung des Elterngeldes werden erst zehn bis 15 Jahre nach seiner Einführung möglich sein. Die Zahl der geborenen Kinder je Jahr ist nämlich nicht die richtige Kennziffer dafür. Wichtig ist vielmehr, wie viele Kinder eine Frau durchschnittlich über ihre gesamte fruchtbare Phase bekommt, sagen Statistiker.
Bert Rürup, früherer Regierungsberater und Miterfinder des Elterngeldes, ist sich angesichts der Geburtenentwicklung aber jetzt schon sicher, dass er sich „leider geirrt“ habe: „Mit Geld werden wir die Gebärfreude nicht steigern können.“ Auch FDP-Generalsekretär Christian Lindner kritisierte zuletzt, das Elterngeld habe sein Ziel nicht erreicht. Mit den dafür verwendeten vier Milliarden Euro könne man „viel Besseres tun“, sagte er, was prompt Widerspruch in der Union hervorrief.
Erste Korrekturen hat es freilich Anfang des Jahres schon gegeben: Das Elterngeld für Spitzenverdiener mit einem Einkommen von mehr als 250.000 Euro (Verheiratete: 500.000 Euro) fällt seit dem 1. Januar weg. Und wer mehr als 1200 Euro im Monat verdient, erhält nicht mehr 67, sondern nur noch 65 Prozent seines letzten Nettogehalts. Die Obergrenze von 1800 Euro bleibt in allen Fällen erhalten.
Diese Feinabstimmung wird allerdings nichts daran ändern, dass die meisten Eltern zwar zumindest einige Wochen oder Monate lang gleichzeitig in Elternzeit gehen, danach aber flugs wieder zu alten Rollenmodellen zurückkehren. Nur vierzehn Prozent der Frauen nehmen nach der Elternzeit wieder eine volle Stelle an. Wenn sie zwei Kinder haben, sind es sogar noch weniger. Bei den Männern hingegen tun das 90 Prozent.
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Katrin Hummel Jahrgang 1968, Redakteurin im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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