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Elisabeth Noelle gestorben Ihr Einfallsreichtum kannte keine Grenzen

25.03.2010 ·  Die Gründerin des Instituts für Demoskopie Allensbach, Elisabeth Noelle, ist im Alter von 93 Jahren gestorben. Nach Lehrjahren in Amerika avancierte sie nach dem zweiten Weltkrieg in Deutschland zur Pionierin der politischen Meinungsforschung, die sie bis ins hohe Alter prägte. Ein Nachruf von Georg Paul Hefty.

Von Georg Paul Hefty
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Sie war eine der beherrschenden Frauengestalten der ersten fünfzig Jahre der Bundesrepublik Deutschland. Da sie nie ein Amt und auch kein Mandat hatte, war sie unabhängig von der demokratischen Willens- und Karrierebildung sowie von der Gunst des Volkes. Bekannt war sie stets, anerkannt und angesehen ebenso, aber niemals sonderlich beliebt.

Elisabeth Noelle hatte die Statur, mehr noch das Gesicht und erst recht die Augen einer Diva. Sie hatte ihren Blick an den Großen ihrer Zeit, an Kanzlern, Staatsoberhäuptern und Prinzgemahlen erprobt, und wer von ihrer Lehre nichts verstand, hörte ihr dennoch zu, um ihre Gesellschaft zu genießen. Niemand hatte sie aufgebaut und daher konnte sie auch von niemandem abberufen werden. Nicht einmal auf die Altersgrenze brauchte sie Rücksicht zu nehmen. Trotz der Emeritierung lehrte sie an ihrer Universität Mainz, aber auch bei Gastprofessuren in München oder Chicago einfach weiter, denn sie sprühte bis ins Alter von mehr als achtzig Jahren vor Ideen, Neugierde, stellte stets interessante Fragen und hat genauso interessante Erkenntnisse und Antworten.

Schon in der Schulzeit schwer zu bändigen

Elisabeth Noelle, am 19. Dezember 1916 in Berlin geboren, wurde eigenständiger als selbst in ihren Herkunftskreisen aus Industriellen und Künstlern üblich. In ihrer Schulzeit war sie schwer zu bändigen, vielmehr schlug sie andere in ihren Bann, etwa Emil Dovifat, den Säulenheiligen deutscher Zeitungswissenschaft, den sie sich noch zu Schülertagen in einem städtischen Linienbus zum Doktorvater erkor - nicht still und verschwiegen, sondern mit einer klaren Anfrage. Nicht nur zu wissen, was sie wollte, sondern das Gewollte auch zu erreichen, blieb ihre hervorstechende Eigenschaft. Reisen während des Studiums der Geschichte und Zeitungswissenschaft auf dem Balkan oder über Nordamerika und Japan rund um die Welt waren für sie nicht standesgemäßer Zeitvertreib, sondern Forschung. Folgerichtig wurde sie Journalistin, selbstredend eine aufmüpfige, was in der Hitlerzeit gefährlich war. Es adelte sie, dass der Nazi-Propagandaminister Goebbels sie in jungen Jahren mit einem Berufsverbot belegte, dem sie freilich zu entkommen verstand.

Nach dem überstandenen Weltkrieg verwirklichte sie einen Schülertraum und zog mit ihrem Mann, dem Journalisten und späteren CDU-Bundestagsabgeordneten Peter Neumann, nach Allensbach an den Bodensee. Dort begann sie, angespornt von einem französischen Besatzungsoffizier, die Meinung der Jugend zu erkunden. Dass ihre erste Datensammelstelle eine Garage war, mag heutigen Jugendlichen als Allegorie überragenden künftigen Erfolges erscheinen. 1947 gründete sie das Institut für Demoskopie Allensbach, womit der beschauliche Ort zur Wiege der deutschen Meinungsforschung wurde.

Von da an prägte die zunächst kaum Dreißigjährige immer mehr das Bild der Deutschen von sich selber, vor allem aber den Eindruck, den die Bonner Regierungen von der Bevölkerung, deren Vorlieben, Wünschen und Ängsten gewannen. Denn die Erhebungen der Noelle-Neumann-Mitarbeiter hatten einen großen Vorzug gegenüber den persönlichen Eindrücken, den die Bundeskanzler und ihre Minister auf eigenen Überlandreisen sammelten: Sie spiegelten den Stand der Meinungsbildung gleichzeitig an allen Ecken der Republik wider. Und sie waren anhand der von der Demoskopin immer weiter verfeinerten Fragetechnik raffinierter als die Zwischenrufe auf Parteikundgebungen oder die Vorträge örtlicher Bürgermeister und Parteifunktionäre.

Vor allem aber waren sie unabhängig von den Meinungsvermittlern in den Medien. Bundeskanzler Adenauer lernte die Aussagekraft der Umfragen und deren Analyse durch Frau Noelle schätzen - und alle seine Nachfolger bis Helmut Kohl taten es ihm nach. Jahrzehnt um Jahrzehnt beeinflusste die „Pythia vom Bodensee“ die Gestaltung der west-, schließlich der deutschen Politik.

Einfach Gegner hatte sie nie

Seit sie in der Lage war, Bundestagswahlergebnisse zumindest annäherungsweise vorauszusagen - die Vorarbeiten dauerten lange, die politischen Gewohnheiten der Bürger wechselten, sobald sie sich gefestigt zu haben schienen, und die Wahlen waren von Anfang an eine Bewährungsprobe der Demoskopie, denn die sonst unwiderlegbaren Umfragewerte wurden auf dem Fuße bestätigt oder Lügen gestraft - , wuchs auch die Zahl ihrer Feinde. Einfach Gegner hatte sie nie, ihre Überheblichkeit ließ wenig Raum für sachliche Entgegnungen und wer ihre Überlegenheit zu spüren bekommen hatte, konnte sich nur emotional dagegen wehren. Ihr Einfallsreichtum kannte keine Grenzen, in ihren Fragebögen konnte sie sich sprachlich dem kleinen Mann auf der Straße annähern, in ihren Gefühlslagen nicht. Ihre bekannteste Entdeckung, die „Schweigespirale“, war eine geniale Erklärung, klang aber wie ein Vorwurf an die unbeachtliche Masse.

Unter dem Einfluss nordamerikanischer Wissenschaftler und Lebensauffassungen deutete sie Begriffe radikaler als sie in Deutschland gebraucht wurden. Unauslöschlich hat sich im Allensbacher Archiv mit Milliarden von Daten die originär amerikanische, für die deutsche Mentalität untypische Deutung und Bewertung des ständigen Noelleschen Kontrastpaares Freiheit und Gleichheit eingebrannt.Legenden ranken sich um Elisabeth Noelles Lehrtätigkeit. Seit ihrer Heirat mit dem weltbekannten Physiker trug sie nicht nur voller Stolz den Vierfachnamen Noelle-Neumann-Maier-Leibnitz, sondern hatte auch Zugang gefunden zu den Naturwissenschaften, eine für Gesellschaftswissenschaftler seltene Kombination. Sie begründete nicht nur eine auf ihre Person bezogene Schule der Kommunikationswissenschaft, die sich in heutigen Professoren fortsetzt, sondern sie entfaltete eine schier unübersehbare Fülle von Untersuchungen und Publikationen, von denen viele in alle Weltsprachen übersetzt wurden.

So wurde sie mit ihrem Lehrstuhl und ihrem Institut zu einer erfolgreichen Unternehmerin, ein Erfolg, der in den Geisteswissenschaften einzigartig, allenfalls in den Ingenieurwissenschaften anzutreffen ist. Mit einer Mischung aus Weitsicht und Herrschaftsanspruch ordnete sie auch die Zukunft ihres Instituts. Vor mehr als zwei Jahrzehnten berief sie Renate Köcher zur Geschäftsführerin und blieb doch selbst bis zu ihrem Tode in der Geschäftsführung. Als die Gesetze der Natur ihren Tribut forderten, stellte sie allmählich ihren Anteil an der Autorenschaft der Allensbacher Monatsberichte ein, die seit Jahrzehnten diese Zeitung schmücken. Am 25. März ist Elisabeth Noelle gestorben.

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