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Elisabeth Noelle gestorben : Ihr Einfallsreichtum kannte keine Grenzen

  • -Aktualisiert am

Bild: Barbara Klemm; F.A.Z.

Die Gründerin des Instituts für Demoskopie Allensbach, Elisabeth Noelle, ist im Alter von 93 Jahren gestorben. Nach Lehrjahren in Amerika avancierte sie nach dem zweiten Weltkrieg in Deutschland zur Pionierin der politischen Meinungsforschung, die sie bis ins hohe Alter prägte. Ein Nachruf von Georg Paul Hefty.

          Sie war eine der beherrschenden Frauengestalten der ersten fünfzig Jahre der Bundesrepublik Deutschland. Da sie nie ein Amt und auch kein Mandat hatte, war sie unabhängig von der demokratischen Willens- und Karrierebildung sowie von der Gunst des Volkes. Bekannt war sie stets, anerkannt und angesehen ebenso, aber niemals sonderlich beliebt.

          Elisabeth Noelle hatte die Statur, mehr noch das Gesicht und erst recht die Augen einer Diva. Sie hatte ihren Blick an den Großen ihrer Zeit, an Kanzlern, Staatsoberhäuptern und Prinzgemahlen erprobt, und wer von ihrer Lehre nichts verstand, hörte ihr dennoch zu, um ihre Gesellschaft zu genießen. Niemand hatte sie aufgebaut und daher konnte sie auch von niemandem abberufen werden. Nicht einmal auf die Altersgrenze brauchte sie Rücksicht zu nehmen. Trotz der Emeritierung lehrte sie an ihrer Universität Mainz, aber auch bei Gastprofessuren in München oder Chicago einfach weiter, denn sie sprühte bis ins Alter von mehr als achtzig Jahren vor Ideen, Neugierde, stellte stets interessante Fragen und hat genauso interessante Erkenntnisse und Antworten.

          Schon in der Schulzeit schwer zu bändigen

          Elisabeth Noelle, am 19. Dezember 1916 in Berlin geboren, wurde eigenständiger als selbst in ihren Herkunftskreisen aus Industriellen und Künstlern üblich. In ihrer Schulzeit war sie schwer zu bändigen, vielmehr schlug sie andere in ihren Bann, etwa Emil Dovifat, den Säulenheiligen deutscher Zeitungswissenschaft, den sie sich noch zu Schülertagen in einem städtischen Linienbus zum Doktorvater erkor - nicht still und verschwiegen, sondern mit einer klaren Anfrage. Nicht nur zu wissen, was sie wollte, sondern das Gewollte auch zu erreichen, blieb ihre hervorstechende Eigenschaft. Reisen während des Studiums der Geschichte und Zeitungswissenschaft auf dem Balkan oder über Nordamerika und Japan rund um die Welt waren für sie nicht standesgemäßer Zeitvertreib, sondern Forschung. Folgerichtig wurde sie Journalistin, selbstredend eine aufmüpfige, was in der Hitlerzeit gefährlich war. Es adelte sie, dass der Nazi-Propagandaminister Goebbels sie in jungen Jahren mit einem Berufsverbot belegte, dem sie freilich zu entkommen verstand.

          Die leidenschaftliche Demoskopin veröffentlichte auch im hohen Alter (hier bei einer Buchpräsentation Anfang August 2005)
          Die leidenschaftliche Demoskopin veröffentlichte auch im hohen Alter (hier bei einer Buchpräsentation Anfang August 2005) : Bild: AP

          Nach dem überstandenen Weltkrieg verwirklichte sie einen Schülertraum und zog mit ihrem Mann, dem Journalisten und späteren CDU-Bundestagsabgeordneten Peter Neumann, nach Allensbach an den Bodensee. Dort begann sie, angespornt von einem französischen Besatzungsoffizier, die Meinung der Jugend zu erkunden. Dass ihre erste Datensammelstelle eine Garage war, mag heutigen Jugendlichen als Allegorie überragenden künftigen Erfolges erscheinen. 1947 gründete sie das Institut für Demoskopie Allensbach, womit der beschauliche Ort zur Wiege der deutschen Meinungsforschung wurde.

          Von da an prägte die zunächst kaum Dreißigjährige immer mehr das Bild der Deutschen von sich selber, vor allem aber den Eindruck, den die Bonner Regierungen von der Bevölkerung, deren Vorlieben, Wünschen und Ängsten gewannen. Denn die Erhebungen der Noelle-Neumann-Mitarbeiter hatten einen großen Vorzug gegenüber den persönlichen Eindrücken, den die Bundeskanzler und ihre Minister auf eigenen Überlandreisen sammelten: Sie spiegelten den Stand der Meinungsbildung gleichzeitig an allen Ecken der Republik wider. Und sie waren anhand der von der Demoskopin immer weiter verfeinerten Fragetechnik raffinierter als die Zwischenrufe auf Parteikundgebungen oder die Vorträge örtlicher Bürgermeister und Parteifunktionäre.

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