03.03.2010 · Heute vor einem Jahr ist das Historische Stadtarchiv in Köln eingestürzt. Seitdem versucht die Stadt, die Reste der Erinnerung zu bewahren und das Unglück aufzuklären. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft werden sich wohl noch lange hinziehen.
Von Reiner Burger, KölnAm frühen Nachmittag des 3. März 2009 ist es ruhig geworden im Friedrich-Wilhelm-Gymnasium im Stadtzentrum von Köln. Nur noch die Leistungskurse Kunst und Biologie haben Unterricht im Trakt D, einem leicht heruntergekommenen Gebäude aus dem Jahr 1957. Im ersten Stockwerk, direkt über dem Haupteingang der Schule an der Severinstraße, ist Direktor Peter Jansen mit allerlei Verwaltungskram befasst, als sich ein tiefes Grollen ausbreitet, auf ihn zurollt, sich dabei in Hunderte andere Geräusche aufteilt. Schließlich bündelt sich das Getöse wieder zu einem infernalischen Zischen. So, als würden 100 Laster Kies ihre Ladeflächen hinunterstürzen lassen. Eine dicke, braun-graue Staubwolke quillt auf das Fenster des Direktorats zu. Dann absolute Stille.
Erst als er mit den anderen Lehrern in Windeseile alle rund 300 anwesenden Schüler aus den verschiedenen Flügeln der Schule nach hinten hinaus auf den Schulhof geleitet hat, geht Direktor Jansen zum Haupteingang und begreift, dass es das Historische Stadtarchiv nicht mehr gibt und dass seine Schule nur knapp der Katastrophe entgangen ist. Denn jene Trümmer des in den siebziger Jahren errichteten Archivs, die nicht mehr in die Baugrube der U-Bahn am Waidmarkt passten, haben sich ebenso wie zwei zerquetsche Autos nahe an die Pfeiler vor dem Haupteingang seiner Schule geschoben. „Da schießt mir durch den Kopf: Solche Bilder gibt es doch gar nicht in Deutschland.“
Größere Katastrophe verhindert
Das Historische Archiv war nicht nur das „Gedächtnis der Stadt Köln“, sondern auch eines der bedeutendsten kommunalen Archive Europas. Die älteste der insgesamt 65.000 Urkunden, die dort lagerten, stammte aus dem Jahr 922, hinzu kommen eine halbe Million Fotos, Hunderttausende Karten und Pläne, Tausende Handschriften, Tonbänder und Videos sowie unzählige Nachlässe - auch jener von Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll.
Es ist eine Gruppe Bauarbeiter, die vor einem Jahr eine noch größere Katastrophe verhindert. Sie warnen Anwohner und Archivmitarbeiter, als sie Unregelmäßigkeiten in der Baugrube und einen Riss in der Vorderfront eines der Häuser neben dem Archiv feststellen, der immer breiter wird. Im Archiv sind zu diesem Zeitpunkt 34 Mitarbeiter und zehn Nutzer. Alle können sich retten. Für einen 17 und einen 24 Jahre alten Mann kommt jede Warnung zu spät. Sie werden unter den Trümmern von zwei angrenzenden Häusern begraben, die das Archiv mit herabreißt.
Nur wenige Stunden nach dem Unglück beginnt auch die Bergung des Archivguts. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit. Denn die Dokumente drohen durch den Regen und das eindringende Grundwasser weiteren Schaden zu nehmen. Tatsächlich gelingt es in den folgenden Wochen, einen großen Teil der Archivalien aus dem trichterförmigen Krater zu holen. Dreißig Kilometer betrug einst die Gesamtlänge der Regale. „85 Prozent davon haben wir geborgen“, berichtet Archivleiterin Bettina Schmidt-Czaia.
Doch das heißt noch lange nicht, dass die Dokumente auch gerettet sind. Denn nach Angaben der Archivleiterin haben wiederum 85 Prozent der aufgefundenen mittelschwere bis schwerste Beschädigungen. Rund 30 Jahre wird die Restaurierung der Dokumente in Anspruch nehmen. Und vielleicht ebenso lange wird es dauern, bis Köln seinen kollektiven Schock überwunden hat. Die Aufarbeitung des Ereignisses, aus dem bisher einzig Oberbürgermeister Fritz Schramma (CDU) politische Konsequenzen zog und nicht mehr zur Wahl antrat, hat nur zögerlich begonnen.
Hunderte von Toten hätte es geben können
„Wir hatten unglaubliches Glück im Unglück“, sagt Peter Jansen. Nur ein paar Tage vor dem Einsturz habe doch direkt am Archiv entlang der Rosenmontagsumzug vorbeigeführt. Unzählige Schüler, Eltern und Ehemalige hätten zwischen dem Friedrich-Wilhelm-Gymnasium und dem Archiv gestanden, direkt vor dem Archiv sei eine Tribüne aufgebaut gewesen. Hunderte von Toten hätte es geben können, wenn das Archiv schon am Rosenmontag in die Baugrube gefallen wäre. Dass auch am 3. März weder Lehrer noch Schüler zu Schaden gekommen sind, ist für ihn ebenfalls ein Wunder.
„Hätten sich die Schuttmassen nur ein bisschen weiter nach vorn geschoben, hätten sie die Stützpfeiler meiner Schule mitgerissen und Trakt D wäre mitsamt der 50 Oberstufenschüler auch noch zusammengefallen.“ Der Direktor des Friedrich-Wilhelm-Gymnasiums erinnert sich an lange Stunden der Ungewissheit: „Ich dachte erst, unter den Trümmern des Archivs lägen auch Dutzende meiner Schüler begraben. Denn auf der Severinstraße trafen sich immer die Raucher, und in einem kleinen Bäckerladen direkt neben dem Archiv haben sich die Oberstufenschüler ihren Kaffee geholt.“ Erst nach fünf Stunden, nach vielen Telefonaten, ist sich Jansen sicher, dass keiner seiner Schüler vermisst wird.
Thorsten Fröhlich verkauft in seinem Rahmen-Fachgeschäft auch Karten mit dem sogenannten Kölschen Grundgesetz. Artikel drei der Redensarten-Sammlung lautet: „Et hät noch immer joot jejange.“ Der Spruch passe ja nun nicht mehr, meint der Geschäftsmann trocken und schlägt deshalb bitter-ironisch Artikel vier oder fünf vor: „Wat fott es, es fott“ und „Et bliev nix wie et wor.“ Fröhlich ist Vorsitzender der „Interessengemeinschaft Severinstraße“, in der sich 120 Händler und Hausbesitzer zusammengeschlossen haben. Die Severinstraße ist eine der wichtigsten Straßen Kölns - nicht nur weil an der Severinstorburg der Rosenmontagszug beginnt.
„Seit die U-Bahn gebaut wird, blutet das Viertel aus“
Zwar gibt es in der Straße nicht die edelsten Restaurants und Boutiquen, dafür aber seit Jahrhunderten das pralle Kölner Leben. Einst bauten die Römer die Straße. Das „Vringsveedel“, wie die Kölner das Severinsviertel nennen, ist das älteste Quartier der Stadt. Weit aus dem Umland her kamen die Kunden, um in der Severinstraße einzukaufen. „Doch seit die U-Bahn gebaut wird, blutet das Viertel aus“, sagt Fröhlich. Der Archiv-Einsturz hat die Lage der Geschäftsleute verschärft, denn seither ist die Severinstraße eine Sackgasse.
Wann der vermeintliche Ausnahmezustand endlich endet, ist völlig offen. „Mittlerweile sagt niemand mehr, wenn die Bahn fertig sein soll.“ Tatsächlich werden sich alleine die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft noch lange hinziehen, denn zunächst muss in der Grube am Waidmarkt ein sogenanntes Besichtigungsbauwerk errichtet werden, damit die Fachleute der noch immer völlig unklaren Unglücksursache endlich auf den Grund gehen können.
Hermann Bluhme betreibt in dritter Generation eine Zoo- und Samenhandlung in der Severinstraße. „Ich bin in den Trümmern der Kölner Nachkriegszeit aufgewachsen, da erschüttert mich nicht viel, dachte ich“, sagt er. Doch angesichts der in den vergangenen Wochen aufgedeckten U-Bahn-Skandale wie dem massenhaften Diebstahl von Bewehrungseisen oder den gefälschten Protokollen wachse seine Empörung täglich. „Ich musste auf eigene Kosten eine Strebe in meinem Gewölbekeller einziehen lassen vor dem Bau der Bahn“, sagt Bluhme. „Alles wurde bei mir penibel überprüft. Aber selbst haben die nichts im Griff.“