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Ein Psychologe im Interview : „Wen liebt Mutter Merkel mehr?“

Bundeskanzlerin Merkel könnte mit ihrer Flüchtlingspolitik Teilen der Gesellschaft einen Kulturschock verpasst haben, glaubt der Psychologe Stefan Grünewald. Bild: AP

Spaltet der Hass in rechten Foren die Gesellschaft? Der Psychologe Stefan Grünewald glaubt, dass die Silvesternacht in Köln wie ein Kulturschock wirkt – und Willkommensromantiker und Untergangsapologeten wieder versöhnt.

          Nach der Silvesternacht in Köln nimmt der Hass im Netz zu, in Leipzig haben Rechtsradikale einen Stadtteil demoliert, die AfD erfährt immer mehr Zuwachs. Kippt die Stimmung in Deutschland?

          Timo Steppat

          Redakteur in der Politik.

          Was jetzt über die Gesellschaft hereingebrochen ist, kann man als Wirklichkeitsschock bezeichnen. Die Stimmen, die der Zuwanderung positiv gesinnt waren, sind ernüchtert. Diejenigen, die schon immer kritisch zur Zuwanderung standen, fühlen sich bestätigt. Für viele Bürger ist es gerade eine schwierige Situation. Wenn sie sich kritisch zu Flüchtlingen äußern, stehen sie gleich in der rechten Ecke. Wer zu freundlich ist und trotz der Geschehnisse der Silvesternacht sich weiterhin für eine starke Einwanderung einsetzen, gilt als links und weltfremd.

          Stephan Grünewald ist Psychologe und Gründer des „Rheingold Instituts“ in Köln. Er schrieb u.a. „Deutschland auf der Couch“ und befasst sich mit der Gefühlslage des Landes.
          Stephan Grünewald ist Psychologe und Gründer des „Rheingold Instituts“ in Köln. Er schrieb u.a. „Deutschland auf der Couch“ und befasst sich mit der Gefühlslage des Landes. : Bild: Edgar Schoepal

          Das entspricht einer Polarisierung.

          Ja. Allerdings hat sich die Spaltung der Gesellschaft schon vor Monaten vollzogen, lange vor den Übergriffen der Silvesternacht. Der Prozess geht in zwei Richtungen: Die Untergangsapologeten haben verdrängt, dass der Zuzug von Flüchtlingen große Chancen birgt, die Willkommensromantiker wollten nicht über mögliche Probleme sprechen, die entstehen können.  

          Aus diesem Kampf gehen die besorgten Bürger aber zunächst als gefühlte Gewinner hervor. Viele glauben, sie hätten immer schon Recht gehabt.

          Das Problem bisher war, dass ein großer Teil der Bevölkerung sich einfach nicht mehr verstanden fühlte. Es gibt unterschiedliche Zahlen darüber. Ein geschätztes Drittel oder Viertel hat sich in den Medien nicht mehr wiedergefunden und ist in andere Echoräume geflohen, in Internetforen und Verschwörungstheorien. Dadurch setzte sich die Polarisierung nur noch weiter fort. Jetzt berichten die Medien aber über die Probleme, die mit Migration einhergehen. Aus diffusen Ängsten sind faktische Probleme geworden.

          Was Sie beschreiben klingt aber nicht nach einem Ende der Spaltung der Gesellschaft. Es handelt sich vielmehr um eine Radikalisierung.

          Nein, beide Teile der Gesellschaft haben verdrängt, die Untergangsapologeten und die Willkommensromantiker. Jetzt geben Sie ein Stück von Ihren Positionen ab und bewegen sich dadurch stärker aufeinander zu. Es entsteht ein gemeinsames Blick- und Aufgabenfeld: Beide müssen einen Konsens für Felder wie Geld, Sicherheit, Wohnraum und Bildung finden. Auf diese Weise könnte auch die Zahl der Ausgeschlossenen abnehmen, sie finden in den gesellschaftlichen Diskurs zurück.

          Ist die Angst vor Migration ein Phänomen der gesellschaftlich Abgehängten?

          Ja, das ist es. Das sind die Menschen, die Angst haben, dass sie im Zuge von Veränderungen zurückgelassen werden. Deutschland geht es eigentlich gut, aber es gibt eine Vollkaskomentalität. Kein Risiko, keine Gefahren, eine multioptionale Beliebigkeit. Die Menschen, die jetzt in unser Land kommen, sind das Gegenteil davon. Sie kennen ihre Rollen sehr genau, sie haben einen starken familiären Zusammenhalt und haben sich todesmutig nach Europa auf den Weg gemacht. Das bedeutet auch: Sie haben Gewissheiten, die manche Deutsche nicht haben, sie wollen mehr erreichen und dabei die saturierten Teile der Gesellschaft überflügeln.

          Dort setzen die Ängste an.

          Je stärker man sich selbst nicht ernst genommen fühlt, desto größer wird das eigene Ressentiment, in diesem Fall gegen Flüchtlinge. Die Kanzlerin konnte ihr „Wir schaffen das“ einfach nicht mit Leben füllen. Es gibt kein Wir, es entstand der Eindruck, dass eine Macht kommt, die überlegen ist. Das war ein Kulturschock.

          Was meinen Sie mit Kulturschock?

          Angela Merkel war beliebt, weil sie für Stabilität stand, für ein Weiterso der Gesellschaft. Jetzt fragen sich viele Deutsche: Wen liebt Mutter Merkel mehr? Die eigenen Kinder oder die fremden, die in Turnhallen leben?

          Die Mitläufer bei Pegida fühlen sich einfach nicht geliebt?

          Zumindest für die Mitläufer gilt das, ja. Die Bundesrepublik steht vor einer doppelten Integrationsaufgabe: Sie muss diejenigen, die sie verloren hat, wieder in die Gesellschaft integrieren, genauso wie die Fremden, die neu ins Land kommen.

          Quelle: FAZ.NET

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