http://www.faz.net/-gpf-75u8j
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 25.01.2013, 16:10 Uhr

Ein Mordfall und Mobilfunkdaten Eine Nummer zu viel

Ein Augsburger Mordfall führte schnell zu den Tätern: Die Frau und deren Geliebter waren es. Eine Telefonnummer verriet sie, die auf Vorrat gespeichert war. Heute wären sie entkommen.

von
© Polizeipräsidium Augsburg Auch Funkdaten sind nur Spuren: Nutzlos, wenn sie gelöscht werden

Weil er A. über alles liebte, nahm B. einen Kredit auf und kaufte für seine Ehefrau und sich eine geräumige Eigentumswohnung in Augsburg. Er arbeitete tagsüber in einer Kunststofffabrik und fuhr danach bis in die Nacht Taxi. Die Wohnung wollte er so schnell wie möglich abbezahlen. Denn A. sollte es gut haben bei ihm. Die Liebe würde dann von ganz allein kommen, das war der Plan. Auch A.s Familie sah es so. Schon vor der Hochzeit hatte sie die Einwände ihrer Tochter gegen die arrangierte Ehe mit B. abgetan. Doch es half alles nichts. A. würde B. nie lieben.

Karin Truscheit Folgen:

Während B. arbeitete, traf sich A. mit Freundinnen im Café. Und mit M., einem entfernten Verwandten, den sie seit ihrer Kindheit kannte und der in England wohnte. Die Liebe, die sie B. nicht entgegenbringen konnte, empfand sie für M. Aber auch M. war verheiratet. Die Sache war aussichtslos. Eine Scheidung verboten Kultur und Familienehre. Man traf sich also im Verborgenen, jahrelang. In Deutschland oder auch in der Türkei, wo A. oft viele Monate ohne ihren Mann bei ihrer Familie verbrachte. Wenn man sich nicht sah, wurde telefoniert. Und es wurden unzählige SMS verschickt, meistens wenn B. arbeitete. Er werde sie befreien, sagt M. immer wieder. Er werde B. umbringen.

Tödliche Messerstiche

Es dauerte, bis A. und M. gemeinsam beschlossen, das wirklich zu tun. Am 8. September 2009 sollte es so weit sein. Schon im Juli war A. in die Türkei gereist. Einen Monat später folgte ihr M. aus England in die Türkei. Niemand würde sie als Täter verdächtigen, wenn sie doch beide in der Türkei waren. Am 8. September flog M. von Ankara nach München, im Gepäck den Schlüssel zur Wohnung von A. und B. Er wusste von A., dass B. erst um 22.30 Uhr von seiner Schicht nach Hause kam. Um kurz vor acht Uhr rief er vom Festnetzanschluss der Augsburger Wohnung bei A. in der Türkei an. A. sagte ihm, wo in der Küche die großen Messer und wo eine große Vase zu finden seien. Also holte sich M. zwei Messer und eine Marmorvase, zweieinhalb Kilogramm schwer. Er streifte sich Einmalhandschuhe über, wie man sie im Baumarkt kaufen kann. Dann versteckte er sich in der Wohnung.

Gegen 22.30 Uhr kam B. nach Hause. Noch vor der Tür zog er wie immer die Schuhe aus, öffnete die Haustür und ging zum Flur, um aus dem Schuhschrank seine Pantoffeln zu holen. Als er gerade seine Hausschuhe anziehen wollte, kam M. aus seinem Versteck und schlug B. die Vase auf den Hinterkopf. B. stürzte, M. schlug weiter zu und stach mit beiden Messern auf B. ein. Die Klingen verbogen, so dass sich M. ein weiteres Messer aus der Küche holte. Dann schlug er mit dem Rest der Vase weiter auf seinen Kopf ein, bis die Vase vollständig zerbrach. Zu diesem Zeitpunkt lag B. schon schwer verletzt am Boden. Zwei Messerstiche schließlich waren tödlich. M. ging ins Badezimmer, wusch sich und nahm aus B.s Kleiderschrank frische Kleidung. Er löschte das Gespräch, das er vorher mit A. geführt hatte, aus dem Festnetzspeicher des Telefons. Er warf die blutige Kleidung und die Einmalhandschuhe, die während des Kampfes gerissen waren, in den Müll. Dann fuhr er zum Hauptbahnhof in Augsburg und mit dem Zug nach München. Von dort nahm er die S-Bahn zum Flughafen. Am nächsten Morgen flog er zurück nach Ankara.

Deutsche Wirtschaft fordert von EU Klarheit bei Vorratsdatenspeicherung © dapd Vergrößern Im Internet geben Viele viele Daten preis - nur der Zugriff des Staates gilt da noch als verwerflich

Vor der Tat hatte er mit A. 37 SMS ausgetauscht, nach der Tat und bis zu seiner Ankunft in der Türkei rund 50 SMS. Am 9. September wurde B. von einem Arbeitskollegen in der Wohnung tot aufgefunden, noch am selben Tag wurde seine Ehefrau in der Türkei verständigt. Einen Tag später besuchte M. sie in ihrem Elternhaus in der Türkei, um ihr zu kondolieren. Kurz darauf flog die junge Witwe mit Verwandten nach Deutschland. Am 24. September, 16 Tage nach der Tat, wurde sie festgenommen. M. blieb zunächst in der Türkei, flog erst am 29. Oktober zurück nach London. Am Flughafen wartete schon die Polizei.

1 | 2 | 3 | 4 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Entwarnung in Brüssel Polizei gibt Hauptbahnhof nach Sicherheitsalarm wieder frei

Nach einer Räumung hat die Polizei den Brüsseler Hauptbahnhof am Sonntagmittag wieder für die Öffentlichkeit freigegeben. Zuvor waren dort zwei verdächtige Koffer gefunden worden. Mehr

19.06.2016, 12:56 Uhr | Politik
Vertriebene nach 1945 Ohne Willkommenskultur

Die Integration der Heimatlosen nach dem Zweiten Weltkrieg ist gelungen. Aber sie hatte ihren Preis. Mehr Von Antje Schmelcher

09.06.2016, 11:51 Uhr | Politik
Wissbegieriger Möbelkonzern Der Speicher, die Daten und Ikea

Wir wissen viel über euch, aber noch nicht genug, sagt der schwedische Möbelkonzern – und sammelt Daten, um herauszufinden, wie man wohnt und lebt auf schrumpfendem Raum. Ein Besuch in Älmhult, wo Ikea zuhause ist. Mehr Von Tobias Rüther

15.06.2016, 07:24 Uhr | Feuilleton
Ascona Traum mit dabei zu sein für Nachwuchsspieler Kimmich und Weigl

Löw will den EM-Kader Anfang der kommenden Woche, nach dem Freundschaftsspiel gegen die Slowakei am Sonntag in Augsburg, festlegen. Mehr

27.05.2016, 12:23 Uhr | Sport
Mordfall Ursula Herrmann Immer noch offene Punkte

Vor 35 Jahren erstickte die zehnjährige Ursula Herrmann in einer Holzkiste. Jetzt verklagt der Bruder des Opfers den Entführer auf Schmerzensgeld. Er will damit den Fall neu aufrollen. Mehr Von Karin Truscheit, München

16.06.2016, 16:36 Uhr | Gesellschaft

Zu viel der Höflichkeit

Von Martin Benninghoff

Bundestagspräsident Lammert bedankt sich bei der Türkischen Gemeinde in Deutschland dafür, dass sie sich von Mordaufrufen und Drohungen gegenüber türkischstämmigen Abgeordneten distanziert. Das geht zu weit. Mehr 822