Home
http://www.faz.net/-gpf-75u8j
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Ein Mordfall und Mobilfunkdaten Eine Nummer zu viel

Ein Augsburger Mordfall führte schnell zu den Tätern: Die Frau und deren Geliebter waren es. Eine Telefonnummer verriet sie, die auf Vorrat gespeichert war. Heute wären sie entkommen.

© Polizeipräsidium Augsburg Auch Funkdaten sind nur Spuren: Nutzlos, wenn sie gelöscht werden

Weil er A. über alles liebte, nahm B. einen Kredit auf und kaufte für seine Ehefrau und sich eine geräumige Eigentumswohnung in Augsburg. Er arbeitete tagsüber in einer Kunststofffabrik und fuhr danach bis in die Nacht Taxi. Die Wohnung wollte er so schnell wie möglich abbezahlen. Denn A. sollte es gut haben bei ihm. Die Liebe würde dann von ganz allein kommen, das war der Plan. Auch A.s Familie sah es so. Schon vor der Hochzeit hatte sie die Einwände ihrer Tochter gegen die arrangierte Ehe mit B. abgetan. Doch es half alles nichts. A. würde B. nie lieben.

Karin Truscheit Folgen:

Während B. arbeitete, traf sich A. mit Freundinnen im Café. Und mit M., einem entfernten Verwandten, den sie seit ihrer Kindheit kannte und der in England wohnte. Die Liebe, die sie B. nicht entgegenbringen konnte, empfand sie für M. Aber auch M. war verheiratet. Die Sache war aussichtslos. Eine Scheidung verboten Kultur und Familienehre. Man traf sich also im Verborgenen, jahrelang. In Deutschland oder auch in der Türkei, wo A. oft viele Monate ohne ihren Mann bei ihrer Familie verbrachte. Wenn man sich nicht sah, wurde telefoniert. Und es wurden unzählige SMS verschickt, meistens wenn B. arbeitete. Er werde sie befreien, sagt M. immer wieder. Er werde B. umbringen.

Tödliche Messerstiche

Es dauerte, bis A. und M. gemeinsam beschlossen, das wirklich zu tun. Am 8. September 2009 sollte es so weit sein. Schon im Juli war A. in die Türkei gereist. Einen Monat später folgte ihr M. aus England in die Türkei. Niemand würde sie als Täter verdächtigen, wenn sie doch beide in der Türkei waren. Am 8. September flog M. von Ankara nach München, im Gepäck den Schlüssel zur Wohnung von A. und B. Er wusste von A., dass B. erst um 22.30 Uhr von seiner Schicht nach Hause kam. Um kurz vor acht Uhr rief er vom Festnetzanschluss der Augsburger Wohnung bei A. in der Türkei an. A. sagte ihm, wo in der Küche die großen Messer und wo eine große Vase zu finden seien. Also holte sich M. zwei Messer und eine Marmorvase, zweieinhalb Kilogramm schwer. Er streifte sich Einmalhandschuhe über, wie man sie im Baumarkt kaufen kann. Dann versteckte er sich in der Wohnung.

Gegen 22.30 Uhr kam B. nach Hause. Noch vor der Tür zog er wie immer die Schuhe aus, öffnete die Haustür und ging zum Flur, um aus dem Schuhschrank seine Pantoffeln zu holen. Als er gerade seine Hausschuhe anziehen wollte, kam M. aus seinem Versteck und schlug B. die Vase auf den Hinterkopf. B. stürzte, M. schlug weiter zu und stach mit beiden Messern auf B. ein. Die Klingen verbogen, so dass sich M. ein weiteres Messer aus der Küche holte. Dann schlug er mit dem Rest der Vase weiter auf seinen Kopf ein, bis die Vase vollständig zerbrach. Zu diesem Zeitpunkt lag B. schon schwer verletzt am Boden. Zwei Messerstiche schließlich waren tödlich. M. ging ins Badezimmer, wusch sich und nahm aus B.s Kleiderschrank frische Kleidung. Er löschte das Gespräch, das er vorher mit A. geführt hatte, aus dem Festnetzspeicher des Telefons. Er warf die blutige Kleidung und die Einmalhandschuhe, die während des Kampfes gerissen waren, in den Müll. Dann fuhr er zum Hauptbahnhof in Augsburg und mit dem Zug nach München. Von dort nahm er die S-Bahn zum Flughafen. Am nächsten Morgen flog er zurück nach Ankara.

Deutsche Wirtschaft fordert von EU Klarheit bei Vorratsdatenspeicherung © dapd Vergrößern Im Internet geben Viele viele Daten preis - nur der Zugriff des Staates gilt da noch als verwerflich

Vor der Tat hatte er mit A. 37 SMS ausgetauscht, nach der Tat und bis zu seiner Ankunft in der Türkei rund 50 SMS. Am 9. September wurde B. von einem Arbeitskollegen in der Wohnung tot aufgefunden, noch am selben Tag wurde seine Ehefrau in der Türkei verständigt. Einen Tag später besuchte M. sie in ihrem Elternhaus in der Türkei, um ihr zu kondolieren. Kurz darauf flog die junge Witwe mit Verwandten nach Deutschland. Am 24. September, 16 Tage nach der Tat, wurde sie festgenommen. M. blieb zunächst in der Türkei, flog erst am 29. Oktober zurück nach London. Am Flughafen wartete schon die Polizei.

1 | 2 | 3 | 4 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Urteil zur Robenpflicht Im Namen der Robe

Anwälte müssen zur Verhandlung in Robe erscheinen, wie heute ein Augsburger Gericht entschieden hat. Ein Anwalt hatten Klage gegen den Freistaat Bayern erhoben. Wegen falscher Kleidung musste er im letzten Jahr eine Verhandlung abbrechen. Mehr Von Albert Schäffer

30.06.2015, 19:04 Uhr | Gesellschaft
Berlin Gabriel besteht Zerreißprobe über Datenspeicherung

Im Streit über die Vorratsdatenspeicherung hat sich die SPD-Spitze unter Parteichef Sigmar Gabriel nur mit einem knappen Ergebnis durchgesetzt. Nach fast dreistündiger Debatte votierte der Parteikonvent am Samstag für die Zulassung der Speicherung von Telefon- und Internetdaten zur Verbrechensbekämpfung. Mehr

21.06.2015, 10:07 Uhr | Politik
Zur Tigerjagd nach Sumatra Sisyphos in Planquadrat AA 130

Wer als Fußsoldat der Wissenschaft zwei Wochen lang im Regenwald Daten über den bedrohten Sumatra-Tiger sammelt, muss mit immer nassen Hemden, gierigen Blutegeln und dornigen Lianen zurechtkommen - und gerät manchmal auch ins Zweifeln. Mehr Von Franz Lerchenmüller

28.06.2015, 15:33 Uhr | Reise
Bundesliga-Vorschau Millionenspiel in Mönchengladbach

Wie haben die Bayern das späte Debakel von Barcelona verarbeitet? In der Bundesliga kommt Augsburg zum Derby nach München. Das Topspiel am 32. Spieltag findet aber in Mönchengladbach statt. Mehr

08.05.2015, 12:00 Uhr | Sport
Mutmaßliche Islamisten Bombenbastler von Oberursel weiter in U-Haft

Ihre Festnahme geriet zum spektakulären Ereignis. Schließlich sollen der Deutsch-Türke und seine Frau einen Anschlag auf das Radrennen rund um Frankfurt geplant haben. Ein Ende der Ermittlungen ist noch nicht abzusehen, wie es heißt. Mehr

30.06.2015, 14:54 Uhr | Rhein-Main
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 25.01.2013, 16:10 Uhr

Die wirklichen Fluchtursachen

Von Nikolas Busse

Unter den Asylsuchenden, die über das Mittelmeer kommen, stammen die meisten aus Syrien, Afghanistan und Eritrea. Das legt andere Schlüsse über die Gründe ihrer Flucht nahe als wirtschaftliche. Mehr 2 2