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Ein Makel im Lebenslauf : Deutsche Spitzenpolitiker verschleiern ihre Studienabbrüche

Politiker versuchen ihr abgebrochenes Studium zu verbergen Bild: dpa

Politiker, die ihr Studium abgebrochen haben, empfinden das als Makel. Sie löschen die Angaben im Internet oder legen sich seltsame Berufe zu. Konservative wollen nicht darüber sprechen - andere scheinen fast darauf gewartet zu haben.

          Sie sprechen nicht gern darüber. Es gehört zu ihrem Leben, aber es macht sich schlecht im Lebenslauf. Doch wenn sie begonnen haben, darüber zu reden, sprudelt es aus ihnen heraus. Dass es so kam, dafür nennen sie verschiedene Gründe. Manche erscheinen vorgeschoben, manche echt.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Die Zeit war es, sagt etwa Volker Beck. Der 52 Jahre alte Grüne ist Parlamentarischer Geschäftsführer seiner Fraktion im Bundestag, er könnte Minister werden, sollte seine Partei wieder regieren. Oft wird er als Jurist angesehen. Die Wahrheit: Beck hat keinen Beruf - nur den des Politikers. Sein Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Germanistik in Stuttgart brach er nach vier Jahren ab, ging 1987 als Mitarbeiter zur Bundestagsfraktion nach Bonn. Damals kümmerten sich nur wenige um sein Herzensanliegen, die Gleichberechtigung von Schwulen und Lesben. Beck machte weiter. Mit der Politik, nicht mit der Uni. Sonst wäre das, was er aufgebaut hatte, verloren gewesen. So dachten damals viele, sagt er. „Dass es bei den Grünen viele Studienabbrecher gibt, hat mit der Gründergeneration der Partei zu tun. Man wollte die Republik verändern, Menschen vor der Abschiebung bewahren, die Natur retten. Das war wichtiger als die Jagd nach Scheinen oder ein Studienabschluss.“

          Joschka Fischers höhere Qualifikation: ein Taxischein

          Klar, so waren sie, die Gründungsgrünen. Daniela Wagner etwa, Bundestagsabgeordnete aus Darmstadt, war aktiv bei den Protesten gegen die Startbahn West und an Friedensmärschen beteiligt, baute einen grünen Kreisverband mit auf und saß als Studentin im Hessischen Landtag - nur abgeschlossen hat sie ihr mehr als zehn Jahre dauerndes Studium der Politik-, Rechts- und Wirtschaftswissenschaften nie. „Das Studium war bei mir wegen der Politik immer unter ,ferner liefen. Ich‘ dachte, ich müsste es zu Ende machen, weil ich es meinen Eltern schuldig sei“, sagt die 56 Jahre alte Hessin, die mit dem grünen Oberbürgermeister von Darmstadt verheiratet ist.

          Joschka Fischer, der ehemalige Außenminister, besaß als höhere Qualifikation nur einen Taxischein. Parteichefin Claudia Roth studierte nur zwei Semester Theaterwissenschaften, bevor man ihr etwas Besseres anbot, wie sie heute sagt. Und Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt ist, anders als oft behauptet, keine Theologin. Sie hat zwar etliche Semester Theologie studiert, aber das Studium nicht abgeschlossen.

          Politiker ohne Abschluss zu sein ist keine grüne Spezialität. Zwar stellen die Grünen im Bundestag mit 8,8 Prozent ihrer Fraktion die relativ größte Zahl an Studienabbrechern. Aber die gibt es quer durch alle Parteien, wie die Bundestagsstatistik zeigt. Dicht hinter den Grünen folgt, man staune, die FDP-Fraktion (7,5 Prozent), in absoluten Zahlen hat sie sieben Volksvertreter, die ihr Studium aufgaben, einen mehr als die Grünen. In der SPD-Fraktion gibt es zehn Abbrecher (6,8 Prozent) die Linke kommt auf vier (5,3 Prozent), und das Schlusslicht, die CDU/CSU-Fraktion, immerhin auf acht (3,6 Prozent). Insgesamt haben 35 Abgeordnete oder 5,6 Prozent aller Parlamentarier des Bundestags ihr Studium abgebrochen.

          Wo ist das Problem?

          Und wie bei den Parteien gibt es Abbrecher quer durch die Generationen. Zum Beispiel Omid Nouripour. Der 37 Jahre alte Politiker iranischer Abstammung, gewiss kein Gründungsgrüner, plante eine anspruchsvolle akademische Karriere. Schließlich sind die Eltern Doppelakademiker, beide Luftfahrtingenieure, die Mutter zudem Diplom-Biologin, der Vater Volkswirt. Nouripour nahm Germanistik, Politik und Philosophie und dazu noch Vergleichende Literaturwissenschaft in Angriff. Eine sogenannte grundständige Promotion wollte er schreiben, also eine, die zugleich den Studienabschluss bedeutet. Es sollte über den Heimatbegriff in der deutschsprachigen Literatur gehen, so von Heinrich Heine bis Feridun Zaimoglu. Aus alledem wurde nichts. Stattdessen wurde er Sprecher der Grünen Jugend Hessen, 2002 Mitglied im Bundesvorstand, ein hauptamtlicher Job. Er hegte die Illusion, er könnte tagsüber Politik machen und nachts Doktorarbeit schreiben. Im Herbst 2006 rückte Nouripour für Joschka Fischer in den Bundestag nach - Studium ade!

          Lernen in der Bibliothek: Berufspolitiker haben dafür kaum Zeit
          Lernen in der Bibliothek: Berufspolitiker haben dafür kaum Zeit : Bild: dpa

          Na und? Wo ist das Problem? Schließlich gehören die Abgeordneten des obersten deutschen Parlaments zur Champions League der Politik. Sie haben es zu etwas gebracht, sind gut 600 Erwählte, die Gesetze für 80 Millionen beschließen. Was kümmert es da, ob sie ihr Studium beendet haben? Könnte man meinen. Doch so ist es nicht. Viele rechtfertigen sich, verschleiern diesen Teil ihrer Biographie. Wenn sie über ihr Studium sprechen, wirkt es ein bisschen wie eine Beichte - Schuldgefühle, Unbehagen und Erleichterung mischen sich.

          Ein abgebrochenes Studium lässt sich nur erahnen

          Wie erfährt man überhaupt, ob ein Politiker sein Studium abgebrochen hat? Im Fall von Omid Nouripour ist es leicht herauszukriegen. Es steht auf seiner Internet-Seite. Erzwungenermaßen. Nachdem er als Abgeordneter auf der Seite des Bundestags immer noch als „Promovent“ (so die Schreibweise) aufgeführt war, obwohl die Promotion ohne vorherigen Studienabschluss bereits abgeschafft war, outete ihn die „Bild“-Zeitung. Sie machte ihn zum „Verlierer des Tages“, nannte ihn einen „Angeber“. Nouripour gab eine Erklärung heraus, irgendwie seien Angaben aus der Zeit im Bundesvorstand auf der Seite des Bundestags gelandet. „Meinen Studienabbruch habe ich erst nach der Geschichte mit der ,Bild‘-Zeitung öffentlich gemacht“, sagt er auf die Frage, wie sein Bekenntnis zum Abbrechertum zustande kam. Was er notgedrungen machte, empfiehlt er nun anderen: „Heute bin ich der Meinung, dass ein Politiker damit nicht verschämt umgehen sollte.“

          Doch das Gegenteil ist der Fall. Kein einziger der knapp ein Dutzend Abgeordneten, die für diesen Artikel Rede und Antwort standen, gibt auf seiner Homepage oder in der Biographie des Bundestags an, ohne Abschluss zu sein. Stattdessen schreiben sie etwa: „Studium der Volkswirtschaftslehre in Osnabrück und der Landespflege, Geschichte, Politikwissenschaft und Soziologie in Essen.“ So steht es bei dem SPD-Abgeordneten Frank Schwabe. „Studium der Biologie und der Sozialwissenschaften an der Universität Köln“, heißt es bei Dietmar Nietan, auch er von der SPD. So handhaben es alle. Nur dadurch, dass kein Abschluss vermerkt ist, kein Diplom, Magister oder Staatsexamen, lässt sich erahnen, dass das Studium abgebrochen wurde. Eine direkte Lüge ist das nicht. Aber eben auch nicht die Wahrheit.

          Der Trick mit der Berufsbezeichnung

          Es wäre schon ehrlicher, „ohne Abschluss“ zu schreiben, gibt Schwabe zu. Zugleich aber sei jeder frei zu entscheiden, was er in seinem Lebenslauf betone. „Man schreibt auch nicht, wenn man in der neunten Klasse mal sitzengeblieben ist“, sagt der 42 Jahre alte SPD-Politiker aus Castrop-Rauxel. Wie sehr er es nicht mag, dass sein Studienabbruch überregional bekannt wird, zeigt der Umgang mit seiner Wikipedia-Biographie. In das Online-Lexikon schrieben Nutzer seinen Studienabbruch immer wieder hinein. Doch heute fehlt der Hinweis. „Mein Büro hat das immer wieder geändert“, erklärt Schwabe die Bereinigung.

          Auch in Dietmar Nietans Biographie in Wikipedia ist der Studienabbruch mehrfach gelöscht worden. „Ein Parteifreund hat mich gefragt, ob ich etwas dagegen hätte, wenn er das löscht, weil er es einseitig findet. Ich war natürlich nicht dagegen“, sagt der Sozialdemokrat, der für den Kreis Düren im Bundestag sitzt. Einseitig? Es ist doch schlicht richtig. „Mit meinem nicht beendeten Studium so offensiv umzugehen, ist schwierig für mich“, versucht Nietan die Löschorder zu erklären.

          Verschweigen und Löschen ist nur ein Trick, um den Studienabbruch nicht bekanntwerden zu lassen. Ein anderer dreht sich um die Berufsbezeichnung. Es gibt Berufe, die nicht geschützt sind, Geschäftsführer oder Journalist. Die kann man sich leicht zulegen. Dramaturgin gehört auch dazu. Diesen Beruf hat Grünen-Chefin Claudia Roth im Bundestagshandbuch stehen. Roth, die aus einem großbürgerlichen Akademiker-Haushalt kommt und ein Abi mit 1,7 gemacht hat, war nach den zwei Semestern Theaterwissenschaft als Dramaturgieassistentin tätig. In ihrem letzten Arbeitsvertrag habe aber „Dramaturgin“ gestanden, sagt sie. Ihre politische Karriere hatte sie 1985 als Pressesprecherin der Grünen-Fraktion gestartet. Für dieses Amt hatte sie keine Qualifikation - aber weil sie mehrere Jahre Managerin der Polit-Rockband „Ton Steine Scherben“ war, entschied die Fraktion, dass die stürmische Frau es auch mit den Grünen aushalten würde. Heute, so meint Roth, hätte sie kaum noch Chancen auf den Job.

          „Es ist schon ein Makel“

          Omid Nouripour ist laut Bundestagshandbuch „Selbständiger Berater“. Er hat - noch vor seiner Zeit als Abgeordneter - in Gießen ein Gewerbe angemeldet. Es geht, so sagt er, um die Beratung von Kommunen im Bereich der Integration. Das Gewerbe ruht, solange er Bundestagsabgeordneter ist.

          Manche Abgeordnete schreiben „wissenschaftlicher Mitarbeiter“ oder „Angestellter“, weil sie mal bei einem Abgeordneten gearbeitet haben. Frank Schwabe hat bei seiner Berufsbezeichnung nicht getrickst. Sein Studium hat er, als er schon mehr als zehn Jahre an der Uni war, im Alter von 33 Jahren abgebrochen. Der Grund: Nordrhein-Westfalen entschied, Langzeitstudenten zur Kasse zu bitten. „Ich bin zwar gegen Studiengebühren, aber für mich war das nicht falsch, weil es mich zur Entscheidung gezwungen hat“, sagt Schwabe. Zuvor habe er sich jahrelang in die Tasche gelogen, er werde im nächsten Semester nicht nur zwei, sondern sieben Scheine machen. Dazu sei es nie gekommen. „Als ich das Studium abgebrochen habe, war das einer der befreiendsten Momente meines Lebens“, sagt Schwabe. Da der Sohn eines Bergarbeiters während des Studiums immer wieder Touristen im Ruhrgebiet führte, etwa im Gasometer Oberhausen, steht jetzt „Gästeführer“ als Berufsbezeichnung im Bundestagshandbuch.

          Ist ein abgebrochenes Studium tatsächlich noch ein Schandfleck in der Biographie eines Abgeordneten? „Es ist schon ein Makel, den man mit sich herumträgt“, sagt Nietan. Der 48 Jahre alte Außenpolitiker hatte zwölf Jahre Biologie studiert, daneben 20 bis 30 Stunden Politik in der Woche gemacht. 1998 wurde er in den Bundestag gewählt. „Die Leute sagen, vom Hörsaal in den Plenarsaal, ein typischer Politiker“, so Nietan. Seine Entscheidung, Politiker geworden zu sein, bereut er nicht. Aber er empfindet sein nicht beendetes Biologie-Studium als Versagen. Eigentlich hatte es ihm Spaß gemacht. „Schon als Kind wollte ich immer Professor Grzimek werden“, sagt der Familienvater. Wenn heute seine Kinder gefragt werden, warum der Vater keinen Abschluss hat, dann schmerzt ihn das.

          Andere sind selbstbewusster

          Nouripours Eltern sind heute stolz darauf, dass ihr Sohn Politiker ist. Aber für ihn selbst bleibe es eine Niederlage, dass er das Studium nicht geschafft habe, sagt er. Auch die Grüne Daniela Wagner hadert mit sich. „Es stört mich schon, ich hätte mich lieber zusammenreißen und es zu Ende bringen sollen.“

          Andere sind selbstbewusster. Jan Mücke etwa. Der 39 Jahre alte FDP-Politiker aus Dresden ist Parlamentarischer Staatssekretär im Bau- und Verkehrsministerium in Berlin. Sein Jura-Studium in Dresden gab er auf, um als Immobilienverwalter zu arbeiten. Erst betreute er nur ein Objekt einer Firma aus Frankfurt am Main, dann kamen immer mehr Aufträge. „Ich habe diese Entscheidung damals bei vollem Bewusstsein getroffen, kann sie sehr gut verantworten und lasse mir das auch nicht vorwerfen“, sagt Mücke eine Spur zu entschieden. Er habe das Studium nicht wegen der Politik aufgegeben, sondern weil er auf eigenen Füßen stehen wollte. Und er sei stolz darauf, dass er sein Geld selbst verdient und Steuern gezahlt habe. „Dem einen oder anderen im Bundestag habe ich diese praktische Tätigkeit voraus“, so Mücke.

          Jubel über den erfolgreichen Abschluss. Einige Politiker durften diesen Moment nie erleben - und schämen sich dafür
          Jubel über den erfolgreichen Abschluss. Einige Politiker durften diesen Moment nie erleben - und schämen sich dafür : Bild: dapd

          Dass auch er seinen Studienabbruch nicht explizit angibt, findet er in Ordnung. „Es ist doch bei Juristen offensichtlich, wenn die Staatsexamina fehlen. Ich finde das sehr transparent“, sagt Mücke. Ähnlich sieht es Kathrin Vogler von der Linkspartei. Die 49 Jahre alte Abgeordnete hat sieben Jahre lang Soziologie, Geschichte und Politikwissenschaft an der Uni Münster belegt, zugleich war sie in der Studentenvertretung politisch aktiv - zu sehr, um erfolgreich in ihren Fächern zu sein. Irgendwann ging das Bafög aus, Vogler musste als Küchenhilfe in der Studentenmensa arbeiten. Der Job als Geschäftsführerin bei der Deutschen Friedensgesellschaft/Vereinigte Kriegsdienstgegner kam da gerade recht.

          „Hasserfüllte Mails“

          „Die Tatsache, dass ich das Studium nicht abgeschlossen habe, ist doch offensichtlich, sonst würde ich ja Magister dazuschreiben“, sagt sie. Vertuschen wolle sie den Studienabbruch nicht, „aber auch nicht damit kokettieren“.

          Hat ein Politiker denn Nachteile davon, dass er ein Studienabbrecher ist? Wird das innerparteilich, vom politischen Gegner und in der Öffentlichkeit gegen ihn verwandt? SPD-Mann Schwabe spricht von Getuschel im Wahlkreis, auch haben ihn Leute am Infostand darauf angesprochen. Gegenkandidaten in der SPD stellten bei Nominierungsparteitagen ihre berufliche Qualifizierung überdeutlich heraus. Im Wahlkampf selbst habe es nur unterschwellig eine Rolle gespielt. Sein Konkurrent, der CDU-Abgeordnete Philipp Mißfelder, war ebenfalls Langzeitstudent. Und der Leiter der Lokalredaktion der Heimatzeitung hatte auch kein Interesse daran gehabt, das zu thematisieren - er war selbst Studienabbrecher. Manche, wie Nietan, sprechen von der Mundpropaganda des politischen Gegners, auch von „hasserfüllten Mails“, in denen er als Schmarotzer bezeichnet wurde, der noch nie etwas geleistet habe. Nouripour berichtet Ähnliches, und Claudia Roth bekommt bis heute Mails mit dem Vorwurf, sie habe ja keinen Beruf. Nur die höflichsten beantwortet ihr Büroleiter. Nicht alle Bürger sind offensichtlich bereit, das Argument zu akzeptieren, dass im Bundestag ein Querschnitt der Bevölkerung sitzen solle, zu dem auch Studienabbrecher gehören. Dietmar Nietan ärgern die Vorwürfe, aber er kann sie auch verstehen. „Die Leute fragen sich: Können wir jemandem vertrauen, der in einer wichtigen Sache gescheitert ist? Kann man sich auf den verlassen?“

          Vom „Bummel-Studenten“ zum Master-Abschluss

          Den Lebenslauf zu begradigen kann hilfreich sein, um solchen Anwürfen zu entgehen. Nicht getrickst hatte auch Niels Annen von der SPD, sich über Jahre wahrheitsgemäß als „Student“ bezeichnet. Als er 2001 Juso-Vorsitzender geworden war, litt sein Studium der Geschichte, Geographie und Lateinamerikanistik gewaltig. „Ich musste damals entscheiden: Gehe ich zur außerordentlichen Parteivorstandssitzung, oder gehe ich in die Vorlesung?“, sagt Annen. Meistens entschied er sich für die Partei. 2005 wurde er Bundestagsabgeordneter, da war das Studium für ihn schon weit weg. Als er versuchte, das für das Examen notwendige Latinum in einem Sommer-Crashkurs zu schaffen, fiel er durch die Prüfung. Er hatte auch in diesem Sommer zu viel Politik gemacht. 28 Semester, also 14 Jahre, hatte er hinter sich, als die Bombe platzte.

          Vorlesung oder Parteitag? Junge Politiker haben die Qual der Wahl
          Vorlesung oder Parteitag? Junge Politiker haben die Qual der Wahl : Bild: dpa

          Eines Tages machte die „Bild“-Zeitung seine Studentenkarriere zum Großthema. Und legte in der Lokalausgabe mit weiteren Artikeln nach. Der Juso-Chef wurde bundesweit als „Bummel-Student“ bekannt. Annen war getroffen, schrieb sich an der Uni aus. Als er 2008 - aus anderen Gründen - in seinem Hamburger Wahlkreis nicht mehr als Kandidat aufgestellt wurde, drückte Annen, damals 35, noch einmal die Studienbank. Weil er noch Abgeordneter war, hielt er sich an einen strikten Plan, um Studium und den Parlamentarier-Beruf unter einen Hut zu bringen. Das hätte er schon früher so machen sollen, findet er heute. 2009 machte er an der Freien Universität Berlin seinen Bachelor in Geschichte. Ein Amerika-Aufenthalt bot ihm die Gelegenheit, zwei Jahre später noch einen Master an einer renommierten Hochschule in Washington zu erwerben.

          CDU-Abgeordnete schweigen

          Kann ein Abbrecher Staatssekretär oder gar Minister werden? Das Thema sei seit den Ministertagen des Joschka Fischer eigentlich durch, heißt es bei den Grünen; Abbrecher aus den anderen Parteien sind da skeptischer. In der CDU ist der Makel anscheinend so gewaltig, dass vier von fünf angefragten Abgeordneten sich lieber gar nicht äußern wollten. Das Büro von Annette Widmann-Mauz, Parlamentarische Staatssekretärin im Gesundheitsministerium, ließ ausrichten, die CDU-Politikerin habe keine Zeit, über dieses Kapitel in ihrem Leben zu sprechen. Das Kapitel dauerte ziemlich lang - die 46 Jahre alte Staatssekretärin, die im Bundesvorstand der CDU sitzt, hatte acht Jahre lang Politik- und Rechtswissenschaften an der Universität Tübingen studiert, danach war sie - ohne Abschluss - weitere fünf Jahre Mitarbeiterin am „European Studies Program“ der Universität, bis sie in den Bundestag gewählt wurde. Als Beruf gibt sie „Assistentin“ an.

          Der Hamburger CDU-Abgeordnete Rüdiger Kruse, der ein Medizin-Studium abgebrochen hat, ließ durch das Beratungsunternehmen UMPR - Motto: Mut zur Kommunikation - ausrichten, er wolle nichts sagen, weil er keine Homestorys mache und gerade mit der Vorbereitung seiner Themen für den Wahlkampf beschäftigt sei. Die CDU-Abgeordneten Stefanie Vogelsang aus Berlin-Neukölln und Thomas Jarzombek aus Düsseldorf reagierten auf die Anfrage erst gar nicht.

          Union beäugt Mitglieder ohne Abschluss kritisch

          Allein Bernd Siebert, CDU-Verteidigungspolitiker, zeigte sich zum Gespräch bereit. Der 63 Jahre alte Hesse hatte sich vor mehr als vier Jahrzehnten in Marburg neun Jahre lang mit Mathematik und Physik herumgequält. Er war damals in der Jungen Union aktiv, im Studentenparlament, im Kreistag. „Ich hatte einfach mehr Lust auf Politik“, sagt Siebert. Als die Mutter starb - sie hatte ihn noch ermahnt, das Studium zu beenden -, ging Siebert in den Familienbetrieb, eine Spedition. „Ich hatte das Glück, dass ich den elterlichen Betrieb hatte. Deswegen hat mich nie jemand danach gefragt, warum ich das Studium nicht abgeschlossen habe“, sagt er. Später fragten seine Söhne, die selbst erfolgreich studieren oder studiert haben, warum er nicht abgeschlossen habe. „Das war mir schon unangenehm“, sagt Siebert, der die Spedition längst verkauft hat und eine Beratungsfirma führt. Zurzeit, solange er Abgeordneter ist, berät er nur seine eigene Frau, die eine Apotheke betreibt. Neulich hat er einen anonymisierten Fragebogen bekommen von einer Universität. „Hochschule mit Abschluss“ oder „Hochschule ohne Abschluss“ konnte man dort ankreuzen. „Den habe ich dann doch zerrissen“, sagt der CDU-Mann. In der Union werde man ohne abgeschlossenes Studium kritisch beäugt. „In meiner Partei wird es sicherlich am längsten dauern, bis man dem weniger Bedeutung beimisst“, sagt Siebert.

          Wird man als Politiker ohne Abschluss unfreier, abhängiger? Kann ein solcher Politiker überhaupt etwas anderes machen? Frank Schwabe, der Gästeführer, fragt sich das schon. Er hat zum Glück einen sicheren SPD-Wahlkreis. Omid Nouripour ist international so viel herumgekommen, dass er sicher ist, einen anderen Job finden zu können. So sieht es auch Volker Beck für sich. Für einige Zeit in einer UN-Mission zu arbeiten, fände er spannend. Jan Mücke will, wenn er keinen Posten in der Bundesregierung mehr hat, nach einer Anstandspause wieder ins Immobiliengeschäft einsteigen.

          Politikersein verändert die Persönlichkeit

          Etwas anders äußern sich Politiker, die schon einmal raus waren aus der Politik. Zwar glaubt auch Dietmar Nietan, dass er eine Stelle bei einer Stiftung oder in der Politikberatung finden würde. Als er 2005 nicht wieder in den Bundestag gewählt wurde, war er allerdings froh, dass ihm der damalige Fraktionschef Peter Struck und der Europapolitiker Martin Schulz eine Stelle als Koordinator zwischen den SPD-Abgeordneten in Berlin und Brüssel anboten. Bernd Siebert, der CDU-Mann, war geknickt, als er 2009 nicht mehr in den Bundestag einzog - nach zehn Monaten war die Leidenszeit zu Ende, als Nachrücker konnte Siebert wieder Abgeordneter sein. Annen, der Abbrecher, der dann doch noch studierte, sieht es so: „Für mich haben die Abschlüsse einen Wert, weil ich dadurch eine größere berufliche Unabhängigkeit habe. Es ist leichter, etwas anderes beruflich zu machen.“ Und Kathrin Vogler, die friedensbewegte Linkspartei-Frau, gibt zu, dass sie schon einmal die ein oder andere Stelle im Auge hatte, für die sie wegen eines fehlenden Abschlusses nicht in Frage kam. Auch dass sie „Conflict Studies“, einen Aufbaustudiengang, nicht belegen kann, bedauert sie.

          Manche Abbrecher, wie Daniela Wagner, haben probiert, ihr Studium fortzusetzen - doch Zeit und Energie reichten nicht, zumal sich die Studienordnungen mittlerweile verändert haben. Andere tragen sich mit dem Gedanken, es noch einmal zu versuchen. Die meisten befragten Politiker ohne Abschluss würden anderen raten, ein Studium zu Ende zu machen. Der Grüne Nouripour sagt, er rate nicht unbedingt, zu Ende zu studieren; es könne, je nach Person und Situation, richtig oder falsch sein. Er habe, wie so viele andere, eine gebrochene Biographie, habe dennoch seinen Weg gemacht und wolle „bestimmt nicht Wissenschaftsminister werden“. Doch so ganz lässt ihn der Gedanke an sein Studium nicht los. Sein persönliches Umfeld, so sagt der Grüne, lasse ihn manchmal etwas wehmütig werden angesichts seiner nicht vollendeten akademischen Karriere. „Meine Frau hat ihr Studium abgeschlossen trotz erschwerter Bedingungen - denn sie war zu dieser Zeit schon mit mir zusammen.“

          Niels Annen jedenfalls hat seiner Auszeit von der Politik viel abgewonnen. „Mein Alltag als Abgeordneter war: um acht Uhr ins Büro, dann Besprechung mit dem Büroleiter, dann ein Termin nach dem anderen und dann um 23.30 Uhr mit dem Auto zurück in die Berliner Wohnung“, sagt er. Erst als er 2009 aus dem Bundestag ausgeschieden war, entdeckte er, wo die nächste Bushaltestelle neben seiner Wohnung lag. Eine Auszeit von der Politik tue nicht nur gut, um die Bushaltestelle zu finden. „Politikersein kann einem sehr schmeicheln, man erfährt eine enorme Aufmerksamkeit, viel Ablehnung, aber auch extrem viel Zustimmung. Das macht schon etwas mit der Persönlichkeit“, sagt Annen. Das könnte der wahre Grund dafür sein, dass ein Studium doch nicht so wichtig ist.

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