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Ein Bürgermeister im Gespräch „Wir sind nur toleranter“

08.07.2007 ·  Bernhard Wellmann, Bürgermeister der niedersächsischen Gemeinde Belm, reist zum Integrationsgipfel nach Berlin. Im Interview mit der Sonntagszeitung spricht er über Ausländergettos, Drogenberater und seine Kläranlage.

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Bernhard Wellmann ist Bürgermeister der kleinen niedersächsischen Gemeinde Belm. Nun reist der CDU-Politiker zum Integrationsgipfel am Donnerstag nach Berlin. Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung spricht er über Ausländergettos, Drogenberater und seine Kläranlage.

Herr Wellmann, Sie sind Bürgermeister der niedersächsischen Gemeinde Belm, gehören zur CDU. Nächste Woche fahren Sie zum Integrationsgipfel ins Kanzleramt. Ist das eine Showveranstaltung?

Nein, gar nicht. Wichtig ist doch, dass die Öffentlichkeit das Thema endlich wahrnimmt. Man muss endlich verstehen: Deutschland ist ein Einwanderungsland! Da müssen die Deutschen nachgeschult werden. Seit Oktober war ich einmal im Monat in Berlin: Auf die Ergebnisse meiner Arbeitsgruppe können wir stolz sein. Jetzt kommt es darauf an, was davon in die Tat umgesetzt wird.

Integrationsgipfel: Multikulti im Kanzleramt

Wie kommen Sie zu dem Gipfel - Ihre Gemeinde hat gerade mal 14 000 Einwohner?

In den sechziger Jahren zogen 3000 Briten zu uns - Soldaten mit ihren Familien, die hatten eigene Schulen und Kindergärten. Vor 17 Jahren zogen die fort, die Wohnungen standen leer, und es kamen die russlanddeutschen Aussiedler, etwa 2500 - jeder fünfte Bürger war auf einmal ein Aussiedler. Die hatten quasi eine Standleitung in die alte Heimat: Die einen holten die anderen nach. Auf einmal hörte man Russisch in jedem Supermarkt, die Kriminalität nahm zu, es kam zu Drogenproblemen. Die alteingesessene Bevölkerung war am Anfang noch freundlich, aber dann haben sie richtig rebelliert. Von den Politikern in Land und Bund fühlten wir uns damals alleine gelassen: Einmal war Ministerpräsident Schröder da und hat uns nach langem Hin und Her eine Stelle für einen Sozialarbeiter zur Verfügung gestellt - für ein halbes Jahr! Einmal kam Innenminister Kanther, der hat nur gesagt: „Bei uns in Frankfurt sind die Probleme viel größer, was stellt ihr euch an.“

Aber dann haben Sie die Sache doch in den Griff gekriegt?

Ja, zunächst ganz praktisch: Einige Hochhäuser, in denen vorher die Briten wohnten, haben wir Wohnung für Wohnung aufgekauft und schließlich abgerissen - unter großem Beifall der Bevölkerung. Und wir haben viele Schulden gemacht. Wir mussten ja investieren: Innerhalb von 13 Monaten haben wir es zum Beispiel geschafft, eine neue Grundschule zu bauen. Auch den Kindergarten mussten wir erweitern. Und natürlich haben wir in den Kindergärten längst Deutschkurse und muttersprachliche Erzieherinnen, in den Schulen Ganztagsbetreuung - all die Dinge, über die man in Berlin so heftig diskutiert, die sind bei uns längst Standard! Ich kann viel aufzählen: Wir haben einen offenen Kindertreff für die Kinder, die verwahrlost durch die Gegend liefen. Wir haben einen Präventionsrat, mit Politikern, Polizisten, Lehrern, die überlegen, wie man dem Alkoholismus und dem Drogenkonsum beikommt. Gerade war ich in unserer Integrationswerkstätte, dort absolvieren Jugendliche eine Art ausbildungsvorbereitendes Jahr, zufällig heute morgen waren örtliche Unternehmer da. Alle arbeiten zusammen, Kirchen, Verbände. Ein Großteil läuft ehrenamtlich, man macht Musik zusammen, geht kegeln.

Das klingt sehr nach Dorf.

Ja, wir in Belm kennen uns noch. Und wenn wir die Landfrauen ansprechen, dann kommen die auch und helfen bei der Ausgabe von Lebensmitteln für Bedürftige mit. Aber unsere Nachbarorte hinken hinterher, die denken immer noch zuerst an die Erschließung neuer Gewerbegebiete. Dabei sage ich denen: Bald habt ihr auch Schwierigkeiten mit den Migranten.

Ist es bei Ihnen vielleicht auch deshalb einfacher als anderswo, weil es keine Muslime gibt?

Das stimmt nicht. Inzwischen haben wir zunehmend Türken, darunter Frauen, die Kopftuch tragen. Denn die Aussiedler etablieren sich, bauen Häuser - und in ihre Wohnungen ziehen wieder andere Ausländer. Wir hatten hier sogar mal eine Moschee, die ist wieder aufgegeben worden. Wir haben aber längst begriffen: Eigentlich hatten wir Glück, dass so viele Fremde zu uns gezogen sind. So leiden wir nicht ganz so stark unter dem Bevölkerungsrückgang. Trotzdem wird prognostiziert, dass die Belmer Bevölkerung bis zum Jahr 2020 um sieben Prozent schrumpfen wird. Das ist ja ein großes wirtschaftliches Problem. Ein Beispiel: Der Wasserverbrauch sinkt, aber die Fixkosten für die Kläranlage bleiben.

Sie klingen, als würden Sie glatt um mehr Ausländer werben.

Nein, aber wir wollen, dass die, die hier sind, Wurzeln bilden. So fördern wir Wohneigentum: Die Gemeinde Belm gibt eine Eigenheimzulage, die der Bund gerade erst abgeschafft hat. Und andersherum vermietet sie ihre Wohnungen nicht mehr an Hartz-IV-Empfänger. Das ist keine Diskriminierung, wir haben einfach genug von Gettos. Und wer ein kommunales Baugrundstück für sich kauft, der bekommt für seine Kinder das erste Jahr im Kindergarten kostenlos.

Die CDU hat sich mit dem Thema Einwanderung lange schwergetan. Haben Sie das auch so empfunden?

Na, es hat ein bisschen gedauert, aber jetzt gibt es das neue Grundsatzprogramm. Und in Belm mit 14.000 Einwohnern bleibt die deutsche Leitkultur ja bestehen. Wir sind nur toleranter als andere. Die Schulkameradinnen meiner Töchter sind selbstverständlich Aussiedlerinnen.

Die Fragen stellte Oliver Hoischen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 08.07.2007, Nr. 27 / Seite 5
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