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Eichsfeld Wo selbst das Brot katholisch ist

 ·  Ohne die Stimmen aus dem konservativen Eichsfeld würde sich die thüringische CDU auf Augenhöhe mit der Linkspartei bewegen. Immer waren die eigensinnigen Bewohner dieses Landkreises von Andersdenkenden umzingelt. Jetzt droht dem besonderen Milieu dieser Gegend der Zerfall.

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© IMAGO Vergrößern Einmal katholisch, immer katholisch: Eichsfelder tragen am Palmsonntag 2011 ein Kruzifix durch Heiligenstadt

Das Eichsfeld ist anders. Alles ist adrett und rausgeputzt und Weinerlichkeit ein Fremdwort. Das Eichsfeld liegt zwar zu etwa vier Fünftel seiner Fläche in Thüringen, nur mit seinem nördlichen Zipfel in Niedersachsen und der wirtschaftliche Austausch mit dem unmittelbar angrenzenden Hessen ist rege. Aber die Eichsfelder, von denen 105.000 in Thüringen und 40.000 in Niedersachsen leben, empfinden sich in erster Linie als Eichsfelder, weniger als Niedersachsen oder Thüringer und schon gar nicht als Ostdeutsche. Junge Leute aus Brandenburg oder Sachsen-Anhalt, die nach dem Mauerfall geboren wurden und zum ersten Mal in den Thüringer Teil des Eichsfelds kommen, fragen, ob der Landstrich schon immer im Westen gelegen habe, während gleichaltrige Eichsfelder, die sich ein paar Dörfer weiter nach Osten in den thüringischen Kyffhäuserkreis oder Richtung Mühlhausen wagen, ihre Eltern fragen, ob es dort heute so aussehe wie damals in der DDR.

Weder glänzt das Eichsfeld mit einer pulsierenden Metropole, einem avantgardistischen Theater oder einer berühmten Kunstsammlung, noch ist es reich. Die Kaufkraft im Thüringer Teil liegt unter der des Landesdurchschnitts. Die Preußen hatten die Region im 19. Jahrhundert zu einem Armenhaus herunterkommen lassen und Generationen von Eichsfeldern zogen fortan im Winter zur Arbeit fort, um im Sommer zur Familie auf den Hof zurückzukehren. Für den einen oder anderen gab es die Sommer- und die Winterfrau, während die Frauen, die allein im Haus oder am Hof geblieben waren, an Selbstbewusstsein gewannen. Aber alle, die der Fleiß entweder zur Wanderschaft trieb oder in der Heimat festhielt, entwickelten eine Regsamkeit, welche die Erwerbstätigenquote im Eichsfeld bis heute deutlich über den Thüringer Landesschnitt herausragen lässt, und eine besondere Melange aus Weltoffenheit und Heimatverbundenheit entstehen ließ.

Strom der Pilger

Besucht man die Bäckereien der Region, fallen die nach Bischöfen, Kardinälen und sogar dem Heiligen Vater benannten Brotsorten auf - so mancher der Brotpatrone begann seine kirchliche Karriere als Kaplan im Eichsfeld. Zwischen den protestantischen Stammlanden Hessen und Thüringen gelegen macht im Eichsfeld vor allem das Katholische den Unterschied. Für den Politikwissenschaftler Hans-Georg Wehling ist das Eichsfeld ein Sozialgebilde innerhalb eines abgegrenzten Raumes, das durch ein Glaubens- und Wertesystem aufrechterhalten wird.

Das Eichsfeld wurde 897 zum ersten Mal urkundlich erwähnt, und seit Beginn des zweiten Jahrtausends gehörte es zum Kurfürstentum Mainz. Der Bauernkrieg, die Reformation, die Gegenreformation durch die Jesuiten und der dreißigjährige Krieg hinterließen ihre Spuren, und das Eichsfeld kehrte zu Mainz zurück. Fortan befand sich das Eichsfeld in einer Insellage, in der das Katholische die zur politischen Selbstbehauptung notwendige Identität stiftete. Die Eroberung durch die Preußen im Jahr 1802, die Fremdherrschaft durch protestantische Beamte und der Kulturkampf ließen die Katholiken noch enger zusammenrücken. Die Hauptstadt des Eichsfelds ist Heiligenstadt, ein Ort mit gut 16 000 Einwohnern, aber mit einem Schloss, in dem einst der kurmainzische Statthalter residierte.

Das Katholische beschränkt sich nicht auf Äußerlichkeiten wie die Kreuze und Kapellen an den Wegen. Von der Konfession geht bis heute eine tiefe kulturelle Prägung aus, der sich keiner, der dort aufwächst, entziehen kann. Die Eichsfelder leben ihre Bräuche und Rituale und gehen seit jeher in ihnen auf. Die Männerwallfahrt zur Kapelle „Klüschen Hagis“ bei Dingelstädt beeindruckt auch Protestanten wie den Generalsekretär der Thüringer CDU, Mario Voigt. Wer sich in den Strom der Pilger einreihe, spüre die Verbundenheit der Menschen untereinander. Man fühle sich angenommen und aufgehoben. Die Gemeinsamkeit relativiere die Bedeutung der Dinge im Leben. Selbst die Macht verliere auf der Pilgerschaft für den Politiker an Größe.

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