04.01.2013 · Ohne die Stimmen aus dem konservativen Eichsfeld würde sich die thüringische CDU auf Augenhöhe mit der Linkspartei bewegen. Immer waren die eigensinnigen Bewohner dieses Landkreises von Andersdenkenden umzingelt. Jetzt droht dem besonderen Milieu dieser Gegend der Zerfall.
Von Claus Peter Müller, HeiligenstadtRichtlinien für Lesermeinungen
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Der Niedergang des katholischen Milieus im Eichsfeld
Der Niedergang des Milieus im Eichsfeld ist sicherlich wohl eine zutreffende, doch keineswegs neue Beobachtung. Diese Tendenz lässt sich schon seit längerem erkennen. "Bismarck, Hitler, Honecker haben das katholische Milieu nicht in die Knie zwingen können. Der bundesdeutschen Demokratie und Marktgesellschaft wird das aber mühelos gelingen", prognostizierte bereits vor einigen Jahren der Politikwissenschaftler Franz Walter. Herr Müller weiß aber in seinem Beitrag nicht nur Altbekanntes, sondern auch grundsätzlich Falsches zu berichten. Etwa ist die These, man empfinde sich "in erster Linie als Eichsfelder, weniger als Niedersachse oder Thüringer" nicht richtig. Schon Mitte der 1990er Jahre wies Günther Weiss in seiner Studie darauf hin, dass die deutsche Teilung bei den Eichsfeldern deutliche Spuren hinterlassen hatte und man sich entweder als ost- oder westdeutscher Eichsfelder begreife. Ein übergreifendes Gemeinschaftsgefühl bestehe nach Weiss nicht.
Schön, dass es uns im Eichsfeld so gut geht!
Wir Eichsfelder waren schon vor der Wende "anders" und
heutzutage auch wieder. Es hat uns wohl nicht geschadet!
@Stefan Rieger: Hoher Preis fürs Gut-Gehen
"Besucht man die Bäckereien der Region, fallen die nach
Bischöfen, Kardinälen und sogar dem Heiligen Vater benannten
Brotsorten auf - so mancher der Brotpatrone begann seine kirchliche
Karriere als Kaplan im Eichsfeld."(FAZnet)
Es stellt sich mir bei solcher Volksfrömmelei die Frage, ob das
"Gut-Gehen" im Eichsfeld durch die dauernde Verdrängung
von Peinlichkeiten nicht doch recht teuer erkauft werden muß
Das Eichsfeld ändert sich - und das ist gut so
Um es vorweg zu nehmen: ich kenne das Eichsfeld und etliche Eichsfelder.
Was fällt mir sofort beim Stichwort "Eichsfeld" ein?
- grandiose soziale Kontrolle -
In einer katholischen Gemeinschaft wird der ausgebliebene Kirchgang, die
unterlassene Beichte, die geringe Gabe für die Kollekte genau
registriert und in den dörflichen Gesprächen durchgehechelt.
Eine zerbrochene Beziehung, Krankheiten aller Art, Geldprobleme,
außereheliche Schwangerschaft - in anderen Gegenden Deutschlands
gehört das in den Sektor "Privates" - nicht so in den
Dörfern und zum Teil auch in den Städten des Eichsfelds.
Natürlich gibt es positive Wirkungen: keiner wird allein gelassen,
insofern er sich nicht aus der katholischen Gemeinschaft selbst
ausschließt. Von "Freiheit" innerhalb dieser
Gemeinschaft bleibt nicht viel. Man frage z.B. "vaterlose"
Kinder und ältere Andersgläubige.
In den letzten Jahren hat sich das, auch durch weltoffenere Hirten,
etwas geändert. Und das ist gut so.
Wo die Welt noch in Ordnung ist
"Von der Konfession geht bis heute eine tiefe kulturelle
Prägung aus, der sich keiner, der dort aufwächst, entziehen kann."
Hoffentlich haben die Eichsfelder noch genügend Platz, um
möglichst viele Katholiken anderer, weniger gesegneter Gegenden
Deutschlands bei sich aufzunehmen. Der Ausschluss weltanschaulicher
Meinungsverschiedenheiten ist immer noch die beste Voraussetzung
für gelebte christliche Nächstenliebe.
Der eingangs zitierte Satz beschreibt im übrigen exakt das Idyll
der iranischen, pakistanischen oder afghanischen Provinz.
Dier Katholizismus bietet ein realitisches Modell
Wen alle sich an die Regeln halten, kann eine Gesellschaft daraus leben.
Aber:
Die katholishcen Menschen können nicht verlangen, dass sich alle
zum Katholizismus bekennen.
Damit wir es schwierig. Auch für die Katholiken. Abgrenzung und
Aufklährung sind dann zulässig. Kein Protestant kann ein
gemeinsames Abenmahl einfordern. Dazu sind die Unterschiede zu
groß.
.... und das in einer hochkatholischen Gemeinde. Da müßten die stets progressiven Kirchenkritiker und links-grünen Sozialromantiker doch vor Gram im eigenen atheistischen Saft leiden :-) :-)
Wo das Christentum noch lebendig ist, da prägt es die Menschen ...
und nicht zum Nachteil des öffentlichen Lebens und der Gesellschaft, wie der Artikel sehr schön beschreibt. Selbst der zwangsweise verordnete Sozialismus konnte das in der Region tief verwurzelte christliche Leben nicht auflösen, was deutlich belegt, dass hier kein Glaubenszwang am Werke war und ist. Entgegen dem vom Säkularismus immer wieder vorgebrachten Argument, christlicher Glaube hindere den gesellschaftlichen Fortschritt, zeigt das Beispiel Eichsfeld, dass das Gegenteil der Fall ist. Wo das Christentum seine Wurzeln verliert und an seine Stelle ein allein von Leistung und Konkurrenzkampf dominiertes Denken tritt, das zudem die letzten Fragen des Menschen einfach ausklammert, erschöpft sich das Gemeinwohl. Es ist dann nur noch geprägt von der Auseinandersetzung der sich immer neu definierenden Egoismen. Das Christentum ist eben nicht eine Ballast, der die Menschen beschwert und das freie Denken erstickt, sondern das Sinnstiftende, das menschliche Gemeinschaft lebendig erhält.
Antworten (7) zu dieser Lesermeinung anzeigen neueste Antwort: 04.01.2013 17:25 Uhr@RAIKA GENG: Kennen Sie den Landstrich oder jemanden von dort?
Die Menschen, die da wohnen, leben mit ihrer Art, nach ihrer Art. Oder
wie wachsen Menschen "nach ihrer Art heran" - doch wohl nur
durch Nachleben dessen, was ihnen vorgelebt wird. Wenn Sie behaupten, es
gäbe genau eine "richtige" Art des Heranwachsens, dann
sind Sie auf der gleichen Ebene wie ein Mensch mit Konfession, der geht
nämlich auch von der Existenz einer allgemeingültigen Wahrheit aus.
Nur weil die Bevölkerung einer ländlichen Gegend homogener ist
als eine durchschnittliche deutsche Großstadt, heißt das
nicht, dass alles andere unterdrückt wird. Und indoktriniert wird
heute in christlichen Gemeinschaften auch kaum noch - dazu ist die
eigene Unsicherheit viel zu groß geworden. Das ist ähnlich
der Kindererziehung, heute gibt es 100 verschiedene Erziehungsstile und
keiner ist sich mehr sicher, ob sein Stil richtig ist. Im Eichsfeld wird
diese Unsicherheit erst in der nächsten Generation
flächendeckend sein. Aber, und das wird Sie beruhigen, sie kommt.
@Marvin Parsons: Lebensart wird vorgegeben, nicht zugelassen
"Von der Konfession geht bis heute eine tiefe kulturelle
Prägung aus, der sich keiner, der dort aufwächst, entziehen
kann." (FAZnet)
"Lassen Sie die Menschen doch nach ihrer Art leben." (Parsons)
Wenn es nach mir ginge, würde ich die heranwachsenden Menschen dort
gerne nach ihrer Art leben lassen.
Ganz offensichtlich läßt das dort aber eine ganz bestimmte
Konfession mittels ihrer tief- greifenden
Indoktrinations-"Erfolge" (siehe obiges Zitat) nicht zu.
@ R. Geng: Alles hat seinen Platz
Lassen Sie die Menschen doch nach ihrer Art leben.
Ihren Materialismus und das Antireligiöse können Sie doch
trotzdem genießen, zum Beispiel in Nordkorea. Da werden Sie nicht
von sichtbaren religiösen Aktivitäten am Genuß Ihrer
Freiheit gestört; dort herrscht die reine Aufklärung.
@Ralf Vormbaum: Selbstverschuldete Unmündigkeit durch Unterwerfung unter Rom
Mein Beitrag ist keine Polemik, sondern er gründet sich auf eine
sehr berechtigte Kritik an religiösen Gemeinschaften, deren
Kennzeichen gerade das "freie Denken" nicht ist, sondern das
althergebrachte, traditionelle Denken.
Der gelebte, "lebendige" Glauben an die katholischen
Wahrheiten und Dogmen zeugt von der Selbstbegrenzung des Denkens und
spricht durch die Unterwürfigkeit unter Rom trotz reformatorischer
und besser noch aufklärerischer Alternativen für eine
selbstverschuldete Unmündigkeit dieser Region.
Mich ärgern solche Anachronismen nicht so sehr, sie machen mich
eher traurig.
@RAIKA GENG: Kennen Sie den Landstrich oder jemanden von dort?
Bevor Sie die Bazooka auspacken, vielleicht die Frage: Kennen Sie den
Landstrich oder jemanden vor dort? Ich bin dort aufgewachsen und
fühle mich nicht als Teil einer Sekte. Hirnwäsche gab es bei
uns nicht und Denkverbote auch nicht. Vielleicht kann man dem Landstrich
in Bezug auf Religiösität in kleinem Umfang ein Mehr an
Oberfläche und ein weniger an Tiefe vorwerfen. Aber bei welcher
"Massenbewegung" ist das nicht so?
Ihrem Kommentar betrachtend, scheint mir der zugrundeliegende Artikel
dient Ihnen nur als Projektionsfläche für eine allgemeinen
Hass auf die RRK oder Glaubensgemeinschaften allgemein. Das ist in
seiner profanen Zeitgeistlichkeit weder erhellend noch sonst irgendwie interessant.
Frau Geng,
Ihre reflexartige Polemik scheint mir auf einem Weltbild zu
gründen, das die Eichsfelder über Jahrzehnte der
Indoktrinationsversuche nicht hat beeindrucken können; fraglos zu recht.
Den lebendigen Glauben in einer ganzen Region (Eichsfeld ist kein Ort!)
als sektenhaft zu bezeichnen, der "freies Denken" ersticke,
offenbart deutlich den Ärger darüber, dass das Gemeinwesen in
der Region Eichsfeld ein solches noch ist.
@Ralf Vormbaum: Sektenhafte Gemeinschaft
"Das Christentum ist eben nicht eine Ballast, der die Menschen
beschwert und das freie Denken erstickt, sondern das Sinnstiftende, das
menschliche Gemeinschaft lebendig erhält."(Vormbaum)
Mit Verlaub, Herr Vorbaum, es geht in diesem Ort nicht ums
"Christentum", schon gar nicht um eine gelebte jesuanische
Ethik, sondern um einen praktizierten, in diesem Fall sektenhaft
funktionierenden Katholizismus, der an sich schon wegen der
Kriminalgeschichte der RKK und der jesusfernen Ästhetisierung bzw.
Ritualisierung des Religiösen fragwürdig ist.
Solche "Gemeinschaften" funktionieren auch anderswo,
beispielsweise in den USA.
Das "freie Denken" ist dabei selbstverständlich erstickt,
genauso wie jegliche Individualität.
Nun kommen unsere Politiker und werden den Zustand dieses Ortes für
das Volk erklären. Die CDU wird sagen, den Eichfeldern gehe es so
gut, weil sie CDU wählen und denkt insgeheim darüber nach wie
man den Eichsfeldern ein paar Obuli mehr für den Staat abpressen
kann. Die SPD wird bemängeln, dass auch in Eichsfeld die Schere
zwischen arm und reich immer weiter auseinandergehe und nur eine Reform
des Schulwesens und höhere Abgaben könne diese Ungerechtigkeit
beseitigen. Die Linke wird uns erzählen, dass der bescheidene
Wohlstand dieser Region nur auf der Ausbeutung der Obdachlosen in dieser
Region basiere. Und unsere Grünen werden den Eichsfeldern
vorhalten, dass es ihnen noch viel besser ginge wenn nur genügend
muslimische Migranten mit ihren Moscheen den katholischen Mief beseitigten.
Vielleicht geht es den Eichsfeldern so gut, weil sie von der
Bundespolitik bislang verschont blieben. Aber es wäre doch gelacht,
wenn unsere Elite nicht auch diesen Ort noch kleinbekäme.
den Zielgruppenwechsel vollends durchgezogen hat, kann sie locker auf solch altmodisches Stimmvieh verzichten. Ist das nicht toll?
Bei einem derartigen Lob wäre doch ein Vergleich zu anderen Regionen in Deutschland sinnvoll
Schauen wir doch mal nach Baden-Württemberg. Das konservative
Oberschwaben wird seit Jahrzehnten von der CDU beherrscht. Noch heute
wird der CDU Kandidat wird in die Parlamente gewählt.
Unabhängig von der Qualifikation. Andererseits,es gibt einige
Bereiche wo ein Mangel an Demokratie herrscht. Transparenz ist teilweise
zweitrangig.
In der Kommunalpolitik herrscht teilweise Willkür. Nicht die
Sinnhaftigkeit entscheidet über die Verteilung der hart
erarbeiteten Steuergelder sondern die Macht einiger Herrschenden welche
die Gelder oft zum eigenen Wohl bzw dem Wohl der (Partei-) Freunde
umverteilen. Selbst das Rechtssystem (Polizei und Gerichte) agieren
unterschiedlich wenn es um Andersdenkende geht.
Hier wäre ein Vergleich der Regionen in Baden Württemberg
sinnvoll. Die protestantischen Regionen um Stuttgart haben sich
industriell schneller entwickelt.
Ob Eichsfeld oder Baden Württemberg: Es sind die Menschen und nicht
die Partei oder der Glaube.
Filz und Korruption sind schädlich.
Im protestantisch-pietistischen Alt-Württemberg
war durch die andauernde Landzersplitterung per Realteilung im Erbfalle
ein existenzsichernder Betrieb der Landwirtschaft praktisch
unmöglich geworden, die relativ frühe Industrialisierung wurde
trotz der schlechten Verkehrslage und nicht vorhandener Rohstoffe
geradezu erzwungen.
In Oberschwaben ging Grundbesitz durch das Anerbenrecht an EINEN Erben,
der weitere Erbberechtigte abzufinden hatte. Dies und die weit geringere
Bevölkerungsdichte liessen einen Zwang zur frühen
Industrieentwicklung erst gar nicht aufkommen.
Claus Peter Müller Jahrgang 1960, politischer Korrespondent für Nordhessen und Thüringen mit Sitz in Kassel.
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