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Duisburgs Oberbürgermeister Arche Sauerland

07.02.2012 ·  Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland muss sich wegen der Katastrophe bei der Love Parade einem Abwahlversuch stellen. Er kann nur verlieren.

Von Reiner Burger, Duisburg
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© laif Im Oktober 2011: Adolf Sauerland glaubt fest daran, dass die Stadt Duisburg keine Schuld am Love-Parade-Unglück trägt

Es ist ein guter Termin für Adolf Sauerland. Das Damwildgehege im Volkspark im Duisburger Stadtteil Rheinhausen ist, wie es der Oberbürgermeister nennt, eine kleine Arche inmitten der Großstadt. Er als Schirmherr sei sehr froh, dass die Duisburger Gelegenheit hätten, im Herzen Rheinhausens nicht nur Ruhe und gute Luft zu genießen, sondern neben Damwild auch Truthähne, Gänse, Enten, Fasane und andere Tiere kennenlernen könnten.

Besonders großartig aber findet das Duisburger Stadtoberhaupt, dass es die Bürger selbst sind, die das Damwildgehege seit bald zwölf Jahren ehrenamtlich am Leben erhalten. Denn Duisburg ist pleite, darf kein Geld mehr für sogenannte freiwillige Aufgaben wie ein Damwildgehege ausgeben. Doch der „Freundes- und Förderkreis Damwildgehege-Reinhausen“ ist so rege, dass er zusammen mit dem Jobcenter Duisburg und vielen Freiwilligen sogar eine kleine Waldschule im Volkspark gebaut hat.

Sauerland beschädige die Würde des Amts

Der Volkspark-Besuch ist eine schöne Abwechslung für Sauerland im Ringen mit einer anderen Bürgerbewegung. Etwa 80.000 Unterschriften hat die Initiative „Neuanfang für Duisburg“ im vergangenen Jahr gesammelt, um ein Abwahlverfahren gegen ihn in Gang zu setzen. Seit der Love-Parade-Katastrophe vor eineinhalb Jahren befinde sich Duisburg in einer schweren Führungskrise. Sauerland beschädige die Würde des Amts und müsse deshalb weg, findet die Initiative. Sehen das beim ersten Abwahlversuch gegen einen Oberbürgermeister in der nordrhein-westfälischen Geschichte am kommenden Sonntag mindestens 92.000 Duisburger auch so, hat Sauerland sein Amt verloren.

Die Eröffnung der Waldschule in Rheinhausen ist in diesen Tagen also einer der wenigen unbeschwerten Termine für das Stadtoberhaupt. Auch wenn sich, während draußen die Bläser des Musikcorps „Die Begrüßung der Männer in Grün“ spielen, drinnen kurz die Frage stellt, wohin mit dem Oberbürgermeister. Denn auf dem ihm zugedachten Ehrenplatz sitzt Sauerland mitten im Lichtstrahl des Projektors. Ein massiger Sauerland-Schatten fällt an die Wand, dort wo eigentlich ein stolzer Hirsch zu sehen sein sollte. Also stellt sich der Oberbürgermeister an den Rand, bis er ans Rednerpult darf.

Adolf Sauerland, der CDU-Mann, der es 2004 vermochte, die mehr als 50 Jahre währende Vorherrschaft der SPD in Duisburg zu brechen, war lange ein über die Parteigrenzen beliebtes Stadtoberhaupt. Bis zum 24. Juli 2010 galt er den Duisburgern als hemdsärmeliger Machertyp. Doch nach dem Love-Parade-Unglück, bei dem 21 junge Leute im Gedränge starben und 500 verletzt wurden, trat er höchst verunsichert und ungeschickt auf.

Mit verschwurbelten Sätzen versuchte Sauerland sich herauszuwinden. Auch weil es Todesdrohungen gegen ihn gab und bei einer Demonstration vor dem Rathaus ein selbstgemachter Galgen hochgehalten wurde, verschanzte er sich. Noch nicht einmal zur offiziellen Trauerfeier seiner Stadt eine Woche nach dem Unglück traute er sich. Später suchte Sauerland sich und seine Stadtverwaltung durch ein Rechtsgutachten von jeder Schuld an der Katastrophe freizusprechen.

Sehr traurig und sehr einsam

Als der Oberbürgermeister wieder begann, in die Öffentlichkeit zu gehen, wurde praktisch alles gegen ihn ausgelegt. Sauerland wurde beschuldigt, angepöbelt, einmal gar von einem Duisburger Aktivisten mit Ketchup bespritzt. Im September 2010, am Rande von Gustav Mahlers „Sinfonie der Tausend“ im Duisburger Landschaftspark, zu der auch die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) und Bundespräsident Christian Wulff gekommen waren, entstand ein oft gedrucktes Foto. Sehr traurig und sehr einsam steht Sauerland da unter seinem Regenschirm. Als sei das Duisburger Stadtoberhaupt demonstrativ ins Abseits gestellt, zum Außenseiter in seiner eigenen Stadt gemacht worden. Nur kein Händeschütteln, kein Blickkontakt, keine Bilder in schöner Eintracht.

Dazu passte, dass der damals in seinem Amt noch unbeschwerte Bundespräsident dem Oberbürgermeister zuvor in einem Boulevard-Zeitungsinterview indirekt den Rücktritt nahegelegt hatte. Zwar sei dessen Schuld an der Love-Parade-Katastrophe nicht erwiesen, hatte Wulff gesagt. „Doch unabhängig von konkreter persönlicher Schuld gibt es auch eine politische Verantwortung. Das alles wird der Oberbürgermeister genau abwägen müssen.“ Seither gilt Sauerland präsidial beglaubigt als kaltherziger Sesselkleber.

Ermittlungen gegen seine engsten Mitarbeiter

Der Oberbürgermeister muss sich beeilen, um noch einigermaßen rechtzeitig zum nächsten Termin zu kommen. Wenn es nur nicht so regnen würde. Sauerland stapft fluchend durch den Matsch im Volkspark. Unter seinem großen Schirm sieht er fast so aus wie auf dem Foto von damals. Ausgerechnet jetzt muss ein Kamerateam um ihn herumtänzeln und wieder solche Bilder machen. Nein, sagt Sauerland, der Bundespräsident habe ihn damals völlig korrekt behandelt und auch begrüßt, niemand habe ihn ausgegrenzt. Die Regenschirm-Szene sei nichts weiter als ein unglücklicher Schnappschuss gewesen, der nicht abbilde, was wirklich gewesen sei. Und Wulffs Interview-Äußerung sei sowieso an ihm vorbeigegangen.

Adolf Sauerland hat vieles einfach an sich vorbeiziehen lassen in den vergangenen Monaten. Nur unmittelbar nach der Katastrophe hat der Oberbürgermeister ans Aufgeben gedacht. Doch seine Partei drängte ihn zu bleiben. Sauerland ist der letzte CDU-Oberbürgermeister im Ruhrgebiet. Dann legte sich Sauerland selbst zurecht, dass man nicht einfach so ohne Schuldnachweis zurücktritt. Dass man nicht einfach geht, wenn die Staatsanwaltschaft wegen der Love-Parade gegen gut ein Dutzend seiner engsten Mitarbeiter ermittelt. Zumal Sauerland überzeugt ist, dass die Stadt Duisburg nicht Schuld ist an der Katastrophe. Daran glaubt er unbedingt. Und hat sich vorgenommen, den Tag, an dem die Staatsanwaltschaft Duisburg das bestätigt, im Amt zu erleben.

Kein einziges Sauerland-Konterfei in der Stadt

Beim Neujahrsempfang der CDU Duisburg-Baerl wird Sauerland mit warmem Applaus empfangen. An den Saalwänden lächelt Kanzlerin Merkel von Plakaten. Hinter dem Rednerpult verspricht ein großes weißes Transparent: „CDU. Die Zukunft.“ Sauerland wünscht den Parteifreunden und sich nicht nur ein gesundes, erfolgreiches, sondern auch ein „gerechtes“ neues Jahr und macht ohne Umschweife deutlich, was er ungerecht findet. Die Initiative „Neuanfang für Duisburg“ sei keine Bürgerinitiative mehr, sie sei mittlerweile eine reine SPD-Veranstaltung, der Saal klatscht rhythmisch.

Sauerland verzichtet auf einen klassischen Wahlkampf. Während die von der SPD tatsächlich großzügig bedachte Initiative „Neuanfang für Duisburg“ im ganzen Stadtgebiet Hunderte ihrer blauen Plakate mit der Aufschrift „Ja zur Abwahl“ aufgehängt hat, klebt kein einziges Sauerland-Konterfei in der Stadt. Zu gewinnen gibt es für den früheren Berufsschullehrer sowieso nichts.

Auch die Duisburger CDU rechnet damit, dass eine Mehrheit der Wähler am kommenden Sonntag mit „Ja“, also für die Abwahl stimmt. Sauerland und seine Partei können nur noch hoffen, dass es nicht reicht fürs Quorum. Denn nach der nordrhein-westfälischen Gemeindeordnung ist der Oberbürgermeister nur abgewählt, wenn mindestens 25 Prozent der Wahlberechtigten - also eben 92.000 Duisburger - dafür votieren. Für die „Neuanfang“-Initiative ist das eine mächtige Hürde - auch weil die Wahlbeteiligung in Duisburg traditionell niedrig ist. Aber selbst wenn das Quorum knapp nicht erreicht wird und der Oberbürgermeister im Amt bleiben kann, werden sich seine Gegner als Sieger fühlen, wird Sauerland in der moralischen Vergeblichkeitsfalle gefangen bleiben.

Sauerlands Abwahl-Abwehrkampf besteht aus Oberbürgermeister-Alltagsterminen, Parteiverpflichtungen und den an einem Jahreswechsel üblichen Veranstaltungen. Bei der CDU-Mittelstandsvereinigung rechnet er mit den Medien und dem politischen Gegner ab. Eindringlich warnt er Duisburg vor der Rückkehr zu „alten sozialistischen Zeiten“. Bis zu seiner ersten Wahl vor acht Jahren habe selbst der „erste Mann an der Mülltonne“ in Duisburg ein rotes Parteibuch haben müssen.

„Warum haben Sie sich dieses schreckliche Jahr angetan?“

Beim offiziellen Neujahrsempfang der Stadt im schicken City-Palais versucht der Oberbürgermeister mit einer Ruck-Rede an seine alten Macher-Zeiten anzuknüpfen. „Ich möchte Sie alle zu Optimisten im Dienste unserer Stadt machen.“ Aber an dem großen Unglück kommt er nicht vorbei: „Die Love-Parade-Katastrophe vor eineinhalb Jahren hat nicht nur großes Leid über viele persönlich Betroffene gebracht, an die wir heute ganz besonders denken. Sie war auch ein massiver Einschnitt für unsere Stadt, für ihre Außenwahrnehmung ebenso wie für ihr Selbstverständnis und das Selbstwertgefühl ihrer Bürger.“

Wie richtig Sauerland mit dieser Einschätzung liegt, erfährt er auch bei der Senioren-Union. Der Nachmittag in der katholischen Familienbildungsstätte am Innenhafen ist eigentlich als Solidaritäts-Aktion geplant. Es sei ein offenes Geheimnis, dass „die schmerzliche Katastrophe bei der Love Parade“ nur der Vorwand für viele „Aktivitäten gegen unseren Oberbürgermeister ist“, heißt es in der Einladung. In der Fragerunde steht dann ein Mann auf, der sich als langjähriger CDU-Wähler bezeichnet. Politik brauche Vorbilder und Anstand, sagt der Mann und will von Sauerland wissen, weshalb er sich erst so spät nach der Love-Parade-Katastrophe bei den Opfern und ihren Angehörigen entschuldigt habe. „Warum haben Sie sich dieses schreckliche Jahr angetan?“ Für Fragen wie diese hat sich Sauerland mittlerweile eine Antwort zurechtgedrechselt. Er habe Zeit gebraucht, rechtlich korrekte Aussagen über Verantwortung und Schuld zu finden, sagt er.

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Jahrgang 1969, politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

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