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Veröffentlicht: 25.07.2012, 17:24 Uhr

„Düsseldorfer Zelle“ Prozess statt Sieg oder Martyrium

Vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf hat der Prozess gegen vier mutmaßliche Al-Qaida-Terroristen begonnen. Alles deutet daraufhin, dass Deutschland mit ihrer Festnahme so knapp wie selten zuvor einem verheerenden Terroranschlag entging.

von , Düsseldorf
© dpa Lange nicht gesehen: Die Angeklagten mutmaßlichen Al-Qaida-Mitglieder Abdeladim El-K. (r.) und Amid C. im Düsseldorfer Gerichtssaal mehr als ein Jahr nach ihrer Festnahme

Es ist kurz vor zehn Uhr am Mittwochmorgen, als sich Abdeladim El-K. und Jamil S. auf der Anklagebank im Hochsicherheitstrakt des Oberlandesgerichts Düsseldorf innig in die Arme schließen. Dann klopft der eine dem anderen auf die Schultern. Die 31 und 32 Jahre alten Männer haben sich lange nicht gesehen. Mehr als ein Jahr ist es her, dass eine Sondereinheit der Polizei beide in der Wohnung von Jamil S. in der Düsseldorfer Witzelstraße festnahm.

Reiner Burger Folgen:

Nach Erkenntnissen des Bundeskriminalamts (BKA) waren die beiden gemeinsam mit dem 21 Jahre alten Amid Ch. und dem 28 Jahre alten Halil S. intensiv mit den Vorbereitungen für einen aufsehenerregenden Anschlag beschäftigt. Die Bundesanwaltschaft wirft den vier Männern vor, Mitglieder in einer ausländischen terroristischen Vereinigung gewesen zu sein. Zweck der in den Medien oft als „Düsseldorfer Zelle“ bezeichneten Gruppe sei es gewesen, im direkten Auftrag von Al Qaida „Mord und Totschlag zu begehen“. Tatsächlich deuten alle bisher bekannten Informationen darauf hin, dass Deutschland so knapp wie selten zuvor einem verheerenden Terroranschlag entgangen ist.

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Die Ermittler waren der Gruppe durch einen Anruf aus dem pakistanischen Wasiristan auf die Spur gekommen. Der Informant teilte im November 2010 mit, Al Qaida habe schon vier Leute in Deutschland und plane einen Anschlag. Eine Überprüfung ergab, dass der Hinweis ernstzunehmen war: BKA und Verfassungsschutz waren nach dem Durchforsten diverser Datenbanken auf El-K. gestoßen, den die Anklage für den Kopf der Terrorzelle hält. Der Marokkaner El-K. war 2001 nach Deutschland gekommen und hatte in Krefeld und Bochum Mechatronik studiert.

Im Frühjahr 2010 hält er sich laut Anklage in einem Al-Qaida-Ausbildungslager in Wasiristan auf, wo er Bombenbauen lernte und den Auftrag erhielt, eine Terrorzelle in Deutschland zu gründen. Kurz nach seiner Rückkehr wird er nach Marokko ausgewiesen, weil seine Aufenthaltsgenehmigung abgelaufen ist. Wenig später reist er mit gefälschten Papieren wieder nach Deutschland. In Düsseldorf kommt er bei seinem Freund Jamil S. unter und rekrutiert zwei Bochumer für seine „Düsseldorfer Terrorzelle“: den Elektriker Halil S. und Amid Ch., der damals noch zur Schule geht.

Kontakt zur Al-Qaida-Führung in Pakistan

El-K. „trainiert und indoktriniert“ die drei anderen, wie es in der Anklageschrift heißt. Er selbst vertieft seine Kenntnisse über die Herstellung von Sprengstoffen und weiht schließlich seine Freunde in die Pläne ein. Zwar gibt es noch kein konkretes Anschlagsziel, doch in der Gruppe wird laut Anklage schon darüber gesprochen, die Bombe mit Metallstücken zu spicken und einen zweiten Sprengsatz nach dem Eintreffen der Polizei zu zünden.

El-K, der in Wasiristan auch in Sachen Konspiration unterwiesen worden sein soll, versucht, so vorsichtig wie möglich zu agieren. Den Kontakt zur Al-Qaida-Führung in Pakistan hält er per Internet von Call-Shops aus. Tatsächlich werden sämtliche Telefone der Gruppe längst abgehört.

© reuters, Reuters Video: Prozess gegen "Düsseldorfer Zelle" hat begonnen

Doch auch den E-Mail-Verkehr, den El-K. von Internet-Cafés aus führt, lesen die Ermittler. Einem später bei einem Drohnenangriff der Amerikaner getöteten Al-Qaida-Führer in Pakistan schreibt El-K im April 2011: „O Scheich, wir halten unser Versprechen, entweder Sieg oder Märtyrertum.“ Er trainiere derzeit einige Jugendliche. Nach dem Ende des Trainings werde er „mit Hilfe Allahs mit dem Schlachten der Hunde, der Söhne der Gelben“, sprich: der Europäer, anfangen.

Ende April 2011 kauft die Gruppe in einem Düsseldorfer Supermarkt eine größere Menge Grillanzünder. Im Terrorcamp hatte El-K. gelernt, wie man daraus Hexamin für einen Bombenzünder extrahieren kann. Später stellen Ermittler fest, dass die von der Terrorzelle erworbenen Anzünder gar kein Hexamin enthalten.

„Verfolgungsbehörden werden nicht sonderlich ernst genommen“

Bundesanwalt Michael Bruns sagt, die Bedeutung des Verfahrens liege auch darin, dass es einer der ersten Prozesse sei, in denen man die Steuerung einer Terrorgruppe durch Al Qaida nachweisen könne. Die Gefährlichkeit der „Düsseldorfer Terrorzelle“ zeige sich auch daran, dass Halil S. nach der Festnahme seiner drei Freunde unbeeindruckt weitergemacht hatte; „der deutsche Staat und seine Verfolgungsbehörden werden von den Leuten nicht sonderlich ernst genommen“.

Am Mittwoch wollen sich die Angeklagten nicht zu den Vorwürfen äußern. Ihre Verteidiger fordern die Einstellung des Verfahrens, weil ihnen und ihren Mandanten keine umfassende Akteneinsicht gewährt worden sei. Auch stütze sich die Anklage zum Teil nicht auf Tatsachen, sondern auf die Interpretation abgehörter Gespräche. Das Gericht lehnt die Anträge ab.

Quelle: F.A.Z.

 

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