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Berlin Kreuzberg : Im Bann des Drogenhandels

Härte zeigen: Am Mittwoch kontrollierte die Polizei im Görlitzer Park wieder zahlreiche Verdächtige. Bild: dpa

Rauschgift im Görlitzer Park ist nichts Neues und wird bis zu einem gewissen Grad toleriert. Nun wurden jedoch zwei Dealer niedergestochen. Den Anwohnern geht es langsam zu weit.

          Vor dem U-Bahnhof Görlitzer Bahnhof steht jetzt den ganzen Tag über ein Mannschaftswagen der Polizei. Die Jungs, die sonst am Treppenaufgang zur Hochbahn warten und den Leuten Haschisch und andere Drogen anbieten, stehen heute eine Ecke weiter. Immer wieder kommt einer von ihnen mit dem Fahrrad vorbei, um zu gucken. Die Massen an jungen Menschen, die alle paar Minuten aus der Hochbahn herunterkommen, warten einen Moment länger als normal, bis sie bei Rot über die Straße gehen. Seit am vergangenen Wochenende zwei mutmaßliche Drogenhändler von den Betreibern einer Bar am Eingang des Görlitzer Parks in Berlin-Kreuzberg niedergestochen wurden, zeigt die Polizei Präsenz. Anwohner berichten, der Barbesitzer habe sich immer wieder beschwert, dass Dealer ihre Drogen vor seinem Laden versteckten. Die zwei jungen Männer, die er verletzte, wurden im Krankenhaus notoperiert. Kurz darauf kamen offenbar deren Freunde und verwüsteten die Bar. Innensenator Frank Henkel (CDU) sagt, nirgendwo in der Stadt werde er rechtsfreie Räume dulden.

          Alexander Haneke

          Redakteur in der Politik.

          Drinnen im Park, gleich hinter dem Eingang vom U-Bahnhof, stehen ein paar junge Männer und sprechen die Passanten an, ob sie „was zu Rauchen“ wollten. Solange ihre Kollegen, die draußen Schmiere stehen oder mit Fahrrädern patrouillieren, nicht Alarm schlagen, geht hier das Geschäft unbeeindruckt weiter. In dieser Ecke sind es vor allem Algerier, Marokkaner und Tunesier. Weiter hinten Gambier, Nigerianer, Guineer. Sie stehen in kleinen Grüppchen an den Gebüschen, andere stehen an den Eingängen Spalier. Fuad, einer der Tunesier, sagt, früher sei es ruhiger gewesen. Jetzt kämen zu viele von den Afrikanern und machten Stress. Und die Polizei? Er winkt ab. „Die kommt vorbei und macht eine Razzia, aber bei uns findet sie nichts.“ Er schielt rüber zu seinem Kollegen, der am Eingang aufpasst.

          Die grüne Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann schätzt, dass inzwischen etwa 200 Drogenhändler in dem Park aktiv sind. Im Frühjahr, nachdem ein kleines Kind Kokain-Kügelchen auf dem Spielplatz gefunden und mit nach Hause gebracht hatte, gab es schon mal einen öffentlichen Aufschrei. 352 Einsätze hat die Berliner Polizei bis Oktober dieses Jahres im Görlitzer Park durchgeführt, 2249 Personenkontrollen, 901 Platzverweise, 831 Ermittlungsverfahren. Geändert hat sich nichts, gestehen selbst Polizisten ein.

          Der Görlitzer Park ist nie leer

          Der Görlitzer Park, den hier jeder „Görli“ nennt, ist eine nicht einmal 200 Meter breite Freifläche, die sich von der Hochbahn her zwischen den hohen Reihen der Berliner Gründerzeithäuser öffnet, sechs Blocks lang, bis hinunter zum Landwehrkanal. Ein flacher Backsteinbau, ein Hügel und einige Baumgruppen, dahinter ein Kinderbauernhof, ein Spielplatz, zwischendurch Flächen, auf denen einzelne Grashalme auf dem steinigen Boden kaum als Wiese durchgehen. Im Sommer ist hier jeder Quadratzentimeter belegt, Punks trinken Bier neben grillenden türkischen Großfamilien, Jung- und Altkreuzberger und immer mehr Wochenendtouristen. Selbst im Winter, wenn der graue Berliner Himmel nur knapp über den Hausdächern hängt, ist der Park nie leer. Fahrradfahrer, Rentner, Grundschulklassen, die gerade aus dem angrenzenden Schwimmbad kommen. Und am Rand immer die Dealer in ihren Grüppchen.

          „Es ist ja nicht so, dass das früher die reine Idylle war“, sagt Lorenz Rollhäuser, der hier seit 20 Jahren wohnt. „Drogen wurden hier schon immer verkauft. Das war auch okay.“ In der Gegend wohnten schließlich viele Menschen, die selbst Drogen konsumierten und hier einkauften, sagt er. Und Kreuzberg sei ja immer schon Sehnsuchtsort für diejenigen gewesen, die ein bisschen mehr Freiräume suchten. „Aber inzwischen trauen sich viele Nachbarn abends nicht mehr in den Park.“ Die Anwohner berichten von immer mehr Taschendieben, Überfällen, Belästigungen. Rollhäuser hat mit ein paar anderen eine Anwohnerinitiative gegründet, um auf die Probleme in ihrem Viertel aufmerksam zu machen.

          Kreuzberg war schon immer Durchgangsstation

          Der „Görli“ ist gewissermaßen der Nukleus von Kreuzberg. 1866 wurde auf dem Gelände der Görlitzer Bahnhof eröffnet, der Berlin mit der Lausitz und Schlesien verband. Über die Strecke kamen in den Jahren darauf Zigtausende Arbeitssuchende aus Südosten in die Stadt und fanden in den umliegenden Mietskasernen ein vorübergehendes Zuhause, bis sie es schafften, in bessere Viertel zu ziehen. Kreuzberg war schon immer Einwandererviertel und Durchgangsstation. Nach dem Krieg brauchte man den Bahnhof nicht mehr, die Gleise führten direkt in den Osten, und nach Schlesien wollte ohnehin niemand mehr. Bis in die achtziger Jahre blieben noch ein paar Schienen für Güterzüge. Dann entschied sich die Stadt, das langgezogene Rechteck in einen Park zu verwandeln. Die Pläne wurden unter Beteiligung der Anwohner entwickelt.

          „In Kreuzberg sind wir die Sachen schon immer etwas anders angegangen“, sagt Bezirksbürgermeisterin Herrmann. „Mein Vorgänger ist ja immer dafür verspottet worden, dass wir zu allem immer runde Tische machen“, sagt sie. Im vergangenen Jahr machte Herrmann den Vorschlag, durch einen Coffeeshop zum legalen Drogenverkauf der Probleme mit dem Drogenhandel im Görlitzer Park Herr zu werden. Doch die Idee stieß außerhalb Kreuzbergs auf wenig Gegenliebe. Einen runden Tisch gab es auch, mit der örtlichen Polizei, den Bezirksbehörden und Anwohnern. Gemeinsame Streifen von Ordnungsamt und Polizei wurden vereinbart, um im Park permanent Präsenz zu zeigen. „Aber das System der Drogenhändler hat sich von der Präsenz überhaupt nicht beeindrucken lassen“, sagt Herrmann. „Rumgegangen sind die und haben ein paar Hundehalter verwarnt“, sagt ein Anwohner zu den Streifen.

          Nur vom Görlitzer Park zu sprechen ist eine Verharmlosung

          Drogenhandel wurde in Berlin immer in einem gewissen Rahmen toleriert. Es gibt stadtbekannte Orte, an denen jeder weiß, was er bekommen kann. Ab und an eine Razzia, ansonsten lässt die Polizei die Rauschgifthändler oft in Ruhe. So lasse sich die Szene wenigsten beobachten und bis zu einem gewissen Grad kontrollieren, heißt es. Besser in einem abgrenzbaren Park als versteckt in den Hinterhöfen der Seitenstraßen. Im Görlitzer Park versuchte es die Polizei im letzten Jahr dennoch mit regelmäßigen Razzien, der Szene sollte zumindest der Spaß verdorben werden. Doch die Drogenhändler ließ das kalt. Nie hat einer von ihnen mehr als ein paar Gramm bei sich – bis zu zehn Gramm gelten in Berlin als Eigenbedarf. Die Justiz setzt die Festgenommenen bald wieder auf freien Fuß, weil ihnen der Handel mit den Drogen – und nur der ist verboten – schlicht nicht nachweisbar ist. Die Polizei ist frustriert. Die Anwohner sagen, man müsse sich nur auf eine Bank setzen und könne zugucken, wie die Dealer ihre Geschäfte vollzögen. Warum die Polizei das nicht mache, um den Handel zu belegen, ist ihnen schleierhaft.

          Die Ausbreitung in die Seitenstraßen und Hauseingänge der Nachbarschaft ist in Kreuzberg ohnehin längst passiert. „Bei dem Problem nur vom Görlitzer Park zu sprechen ist eine Verharmlosung“, sagt selbst Bürgermeisterin Herrmann. „Wir haben die Situation, dass sich Kreuzberg, vom Maybachufer bis rüber nach Friedrichshain zur Frankfurter Allee, im Grunde zu einer Amüsier- und Partymeile entwickelt hat. Der Drogenverkauf orientiert sich an Angebot und Nachfrage, die Nachfrage ist in den letzten Jahren enorm gestiegen.“ Vor allem abends streifen Tausende junge Menschen aus aller Welt in der Gegend durch Bars und Clubs. Viele von ihnen folgen dem Ruf Berlins und vor allem Kreuzbergs als Ort der Freiheit, wo jeder tun und lassen kann, was er will. „Es wird staatlicherseits ja sogar geworben dafür, der coolste Ort, wo du alles kriegst, wo du alles machen kannst“, empört sich Hermann.

          Anwohnerinitiative fordert „Parkworker“

          Aber die Nachfrage allein kann keine Erklärung sein. Herrmann selbst spricht von einem gewachsenen Konkurrenzdruck unter den Drogenhändlern. Immer aggressiver seien die in ihrer Verkaufsstrategie erst geworden, seitdem immer mehr von ihnen in dem Park drängten. „Wir haben inzwischen auch das Problem, dass immer mehr Menschen nach Berlin kommen, die nicht legal arbeiten dürfen. Und die werden von den Drogenbanden zum Verkauf angeworben“, sagt Herrmann. Seit dem Protestlager auf dem Oranienplatz und der Besetzung der Gerhard-Hauptmann-Schule durch Flüchtlinge und politische Gruppen ist Kreuzberg auch für all die zu einem Anziehungspunkt geworden, die ohne Papiere oder auf der Suche nach Asyl durch Deutschland und Europa irren. Viele der jungen Rauschgifthändler im Park können Geschichten von gefährlichen Überfahrten und Auffanglagern erzählen. „Sie haben eben unendliche Mühen und Risiken auf sich genommen, um nach Europa zu kommen, und jetzt dürfen die hier noch nicht mal arbeiten“, sagt ein junger Mann in einer Bäckerei neben dem Park.

          Für Rollhäuser und seine Anwohnerinitiative ergibt sich aus dem Herkunft vieler Dealer ein anderes Problem: Als sie einmal eine Informationsveranstaltung für Nachbarn planten und Aushänge machten, waren die bald alle abgerissen. „Hier gibt es sehr lautstarke Gruppen, die gleich alles umdeuten und mit dem Vorwurf kommen, wir seien Rassisten und wollten nur der Gentrifizierung des Viertels Vorschub leisten“, sagt Rollhäuser. Ähnlich erging es schon anderen. „Dabei wollen wir ja gar nicht die Drogen abschaffen und auch nicht, dass der Park in Zukunft voller Polizisten ist.“ Er und seine Mitstreiter schlagen stattdessen „Parkworker“ vor, Sozialarbeiter, die täglich anwesend sind, die Leute kennen und bei Problemen zwischen den verschiedenen Parknutzern vermitteln können. Eine Kreuzberger Lösung. Ob sich die Drogenhändler dadurch ihr Geschäft beeindrucken lassen, bleibt abzuwarten.

          Innensenator Henkel hat jetzt eine „Taskforce“ angekündigt, die CDU-Version eines runden Tisches. Am kommenden Dienstag soll sie unter Beteiligung von Polizei, Bezirk, Justiz und Ausländerbehörden erstmals zusammenkommen und gemeinsam ein Konzept erarbeiten. Für die Anwohner ist das zumindest das Eingeständnis, dass es bisher kein Konzept gab.

          Quelle: F.A.Z.

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