Deutschland hat sich in den vergangenen Jahren mehreren seiner bildungspolitischen Zielvorgaben angenähert. Gleichzeitig ist eines der größten Probleme des Bildungssystems, die Kluft zwischen Bildungsnahen und Bildungsfernen, nach wie vor ungelöst und könnte sich nach Lage der Dinge künftig sogar noch verschärfen. Zu diesem Ergebnis kommt der diesjährige Bildungsbericht, der im Auftrag von Bund und Ländern von einer Reihe unabhängiger Bildungsforscher unter Federführung des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) erstellt und am Donnerstag in Berlin von Bundesbildungsministerin Schavan (CDU) vorgestellt wurde.
Der Bericht, der sich auf amtliche Statistiken stützt und im Wesentlichen deren Datenmaterial systematisiert, verfolgt einen breiten Ansatz. Er bezieht von der frühkindlichen Bildung über das Hochschulstudium bis zur beruflichen Weiterbildung im Erwachsenenalter alle bildungsrelevanten Lebensphasen mit ein. Die Quote der Bildungsbeteiligung von unter Dreijährigen (U 3) in Tageseinrichtungen und in der Tagespflege konnte demnach in den vergangenen Jahren gesteigert werden, wenngleich hier regional große Unterschiede bestehen (im Westen stieg die Bildungsbeteiligung zwischen 2006 und 2009 von 8 auf 15 Prozent, im Osten von 39 auf 45 Prozent). Auch der Ausbau von Schulen im Ganztagsbetrieb hat sich weiter fortgesetzt. An mehr als jeder dritten Schule wird mittlerweile Ganztagsbetreuung angeboten, wobei es sich dabei überwiegend um offene Formen handelt und die Beteiligungsquote von Schülern im Jahr 2008 bei lediglich 24 Prozent lag.
Bildungsniveau insgesamt hat sich erhöht
Das Bildungsniveau insgesamt hat sich nach Angaben der Bildungsforscher erhöht. Als Beleg dafür dient ihnen etwa der leichte Rückgang der Quote von Personen, die ohne jeden Abschluss die Schule verlassen (von 8,5 auf 7,5 Prozent zwischen 2004 und 2008), die gestiegene Abiturientenquote (von 28 auf 32 Prozent zwischen 2004 und 2008) sowie der gestiegene Anteil der Hochschulabsolventen mit einem Erstabschluss (Steigerung um mehr als 50 Prozent zwischen 2001 und 2008). Der Zielwert des Hochschulpakts I (40-Prozent-Quote an Studienanfängern) wurde 2009 mit 43,3 Prozent sogar übertroffen, wobei auch die ausländischen Studenten in der Erhebung berücksichtigt wurden.
Die positive Entwicklung an den Hochschulen wird allerdings hauptsächlich von Frauen getragen, während etwa bei den Männern ein Vergleich der Dreißig- bis unter Fünfunddreißigjährigen mit den Sechzig- bis unter Fünfundsechzigjährigen eine Stagnation in Sachen Hochschulabschluss (21,0 zu 20,3 Prozent) zeigt. Der Anteil der Eltern mit Hochschulreife stieg: 2008 lebten mehr als ein Drittel der schulpflichtigen Kinder in Familien, in denen mindestens ein Elternteil die Hochschulreife besitzt, während ein Viertel in Familien lebt, in denen kein Elternteil einen höheren Bildungsabschluss als den Hauptschulabschluss aufweist. Im Vergleich zu 1996 bedeutet das eine Umkehrung der Verhältnisse, was insofern von Bedeutung ist, als die Wahrscheinlichkeit für ein Hochschulstudium noch immer stark vom Bildungsniveau der Eltern abhängig ist.
Kinder mit Migrationshintergrund besuchen seltener Tageseinrichtungen
Ein problematischer Befund des Berichts ist freilich, dass im selben Zeitraum der Anteil der Kinder aus Familien ohne jeden allgemeinen Schulabschluss von 2,7 auf vier Prozent angestiegen ist. Erschwerend hinzu kommt, dass die Quote der Kindergartenkinder, Schüler, Studenten und Auszubildenden mit Migrationshintergrund (mindestens ein im Ausland geborener Elternteil) inzwischen etwa ein Viertel beträgt. Trotz gewisser positiver Ergebnisse (die Studierquote der relativ wenigen Studienberechtigten mit Migrationshintergrund ist zum Beispiel stets überdurchschnittlich hoch), besuchen Angehörige dieser Gruppe als Kinder noch immer seltener Tageseinrichtungen als andere, erreichen häufiger als andere keinen allgemeinen oder beruflichen Bildungsabschluss und besuchen weniger oft das Gymnasium.
Während unter den Zwanzig- bis Dreißigjährigen insgesamt 2008 schon 17 Prozent ohne beruflichen Bildungsabschluss waren und auch an keiner Bildungsmaßnahme mehr teilnahmen, waren es unter gleichaltrigen Personen mit Migrationshintergrund sogar 31 Prozent. Dabei wird sich die Zahl derjenigen Teilnehmer am Bildungssystem, die aus Einwandererfamilien stammen, in den kommenden Jahren noch erhöhen: In Frankfurt etwa liegt der Anteil der unter Dreijährigen mit Migrationshintergrund gegenwärtig bei 72 Prozent.
Wenngleich die Herkunftsunterschiede bei gleichem sozioökonomischem Status in der Regel nicht ausgeglichen werden, spielt dieser für den Bildungserfolg doch eine wesentliche Rolle. Die Forscher sprechen in diesem Zusammenhang von sozialen, finanziellen oder kulturellen „Risikolagen“. Davon wird gesprochen, wenn die Eltern arbeitslos sind, ein geringes Einkommen haben oder über eine geringe Ausbildung verfügen. Im Jahr 2008 war fast jedes dritte der 13,6 Millionen Kinder unter 18 Jahren von mindestens einer Risikolage betroffen.
Regionale Unterschiede
Darunter fanden sich 1,1 Millionen, die bei Alleinerziehenden lebten, und 1,7 Millionen aus Familien mit Migrationshintergrund. Die Risikolagen, die sich seit 2000 nicht verschärft haben, sind regional unterschiedlich verteilt. Während in den Stadtstaaten etwa 40 Prozent der Kinder in mindestens einer Risikolage leben, sind es etwa in Bayern lediglich um die 20 Prozent. Die Bildungsausgaben, deren Anteil am Bruttoinlandsprodukt (BIP) bis 2007 rückläufig war, stiegen 2008 wieder auf einen BIP-Anteil von 6,2 Prozent, was allerdings noch immer sowohl unter dem Durchschnitt der OECD-Länder als auch unter der selbstgesteckten Zielmarke von zehn Prozent (bis 2015) liegt.
Schwerpunktthema der seit 2006 im zweijährigen Rhythmus veröffentlichten Bestandsaufnahme waren diesmal „die Perspektiven des Bildungswesens im demografischen Wandel“. Nach Angaben der Autoren werden die unter dreißigjährigen Teilnehmer am Bildungssystem bis 2025 von 25,5 Millionen auf 21,3 Millionen zurückgehen, wobei die Abnahme auf die Flächenländer beschränkt bleiben wird. Nach den Berechnungen wird durch den demografisch bedingten rückläufigen Personal- und Finanzbedarf ein „Gestaltungspotenzial von knapp 20 Milliarden Euro“ freigesetzt, das für Verbesserungen des Bildungssystems genutzt werden solle. Nach Ansicht der Bildungsforscher wird es (abgesehen von der Gastronomie und dem Reinigungsgewerbe) weiterhin zu einem Rückgang un- und geringqualifizierter Arbeit kommen und zu einem Anstieg von hochqualifizierten Tätigkeiten, die ein Hochschulstudium voraussetzen.
Eine starke Nachfrage nach qualifizierten Arbeitskräften ist darüber hinaus vor allem in der Erziehungs-, Gesundheits- und Pflegebranche zu erwarten – in Berufen also, die bisher eine weibliche Domäne sind. Die Arbeitsmarktchancen geringqualifizierter junger Männer, die nach wie vor in nahezu allen Bildungsphasen schlechter abschneiden als junge Frauen, könnten sich dadurch noch verschlechtern.
Nonsens-Studie!
Lena Gerstenburg (Gerstenburg)
- 17.06.2010, 20:33 Uhr
Goethe oder Comic, das ist hier die Frage???
Eva Steidl (evilein12)
- 17.06.2010, 21:17 Uhr
Seltsamer Mittelwert für Westdeutschland
Karsten Krug (kkrug)
- 17.06.2010, 22:01 Uhr
Herr Udo Lang,
Michael Müller (Michael_Mueller)
- 17.06.2010, 22:13 Uhr
@ Udo Lang
Closed via SSO (JohnBrown)
- 17.06.2010, 22:36 Uhr