06.01.2012 · Rainer Brüderle darf es nicht, Wolfgang Kubicki will es nicht, Patrick Döring kann es nicht und Philipp Rösler hat es verlernt: Bei ihrem Dreikönigstreffen in Stuttgart wird deutlich, dass die FDP nun auch noch das Reden verlernt hat.
Von Peter Carstens, BerlinKurz nach zehn Uhr am Donnerstagabend kann man sagen: Die FDP ist eigentlich nicht mehr da. Auf der Tanzfläche der Alten Reithalle drehen sich noch einige Tanzpaare. Das Buffet ist abgeräumt, in der rauchigen Raucher-Bar gleich nebenan, wo sonst um diese Zeit die Hölle los ist, scharen sich siebzig Journalisten um zwei, drei Nachlassverwalter, darunter der nimmermüde Kämpfer Rainer Brüderle. Die Rest-FDP liegt im Bett, brütet über einer Rede oder ist erst gar nicht gekommen. Der traditionelle Dreikönigsball der baden-württembergischen FDP am Vorabend der „Kundgebung“ der Partei auf der Bühne des Stuttgarter Staatstheaters ist normalerweise ein Forum für Begegnungen zwischen festlich ausstaffierter Parteibasis, dem FDP-Führungspersonal und der Presse. Hier wurden Wahljahre eröffnet, Konkurrenzkämpfe ausgefochten, Strategien und Sticheleien ausgetauscht, Kritiker überzeugt, Gegner beschwichtigt, Freunde umgarnt.
Es hatte in der Bar Plauderrunden gegeben, in denen Guido Westerwelle aufgeräumt von seinen Begegnungen mit Haifischen erzählte, Brüderle von Florida schwärmte, Pinkwart und Solms ihre Steuermodelle bei jedwedem Promillepegel nüchtern erläutern konnten und Cornelia Pieper die Szenerie mit ihren grellen Abendkleidern färbte. Vorbei. Zuletzt hatte Westerwelle vor der Bar, umringt von an die hundert Journalisten vorletzte Versuche unternommen, sein Parteiamt zu retten. Die Feindseligkeit des Frage-Antwort-Duells war wechselseitig, drei Monate später war Westerwelle entmachtet und fliegt seither weithin unbemerkt um die Welt. Diesmal kam er gar nicht erst zum Dreikönigsball.
Sein Nachfolger Philipp Rösler trat gegen halb zehn für eine halbe Stunde auf, im Smoking tadellos gekleidet, und erläuterte in einem hell erleuchteten Konferenzsaal das neue Prinzip Wachstum seiner Partei. Eben waren Meldungen eingetroffen, die FDP stehe nun bei seriösen Meinungsforschern bei zwei Prozent. Fragen nach den merkwürdig-freundschaftlichen Äußerungen seines designierten Generalsekretärs Döring („Rösler ist kein Kämpfer“) werden mit ironischen Bemerkungen beantwortet, die man aber nicht zitieren darf. Dann verschwand Rösler.
Gar nicht erst gekommen waren, beispielsweise, die stellvertretenden Vorsitzenden Holger Zastrow und Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, oder die Präsidiumsmitglieder Elke Hoff und Jörg-Uwe Hahn. Sie alle reisten erst am nächsten Tag an, um den Rednern Birgit Homburger, Dirk Niebel, Patrick Döring und Philipp Rösler auf der Bühne als blau-gelbe Kulisse zu dienen. Selbst dabei machten sie eine jämmerliche Figur, gelangweilt, mechanisch klatschend, einige unterm Tisch mit ihren Smartphones fummelnd. Wer unter solchen Umständen erwartete, die FDP werde das Jahr fröhlich-kämpferisch beginnen, der konnte nur auf Dirk Niebel gehofft haben. Brüderle wollte, durfte aber nicht sprechen. Der norddeutsche Wahlkämpfer Wolfgang Kubicki hätte gedurft, drückte sich aber, wie immer.
Niebel trat als zweiter Redner auf, nachdem Frau Homburger mit einer Melange aus Familiengeschichten und Voltaire freundlichen Beifall gefunden hatte. Er riss die Zuhörer im Saal mit einer gut vorbereiteten Ansprache hin, der seine Erfahrungen als Generalsekretär und als Entwicklungshilfeminister zugute kamen. Man muss den etwas kasinomäßigen Humor des früheren Fallschirmjägers nicht lieben, aber die Partei scheint ihn gegenwärtig zu mögen. So wie sie jeden mag, der eine Aura von Lebensklugheit und humorvoller Gelassenheit um sich zu verbreiten vermag.
Außerdem macht sich der Minister einen Spaß daraus, afrikanische oder asiatische Sprichwörter auf deutsche Lebenslagen und die eigene Partei zu münzen, wie den tansanischen Spruch, der etwa lautet: „Die eigene Fackel leuchtet nicht heller, wenn man die Fackel des Nachbarn ausbläst“. Das finden FDP-Anhänger lustig. Niebel ist bewusst, dass er zur Führungsreserve zählt, was er einerseits als Ausdruck der Verzweiflung zu deuten weiß, andererseits auch nicht so entsetzlich findet, wie er tut, indem er den Schlussbeifall durch beschwichtigende Gesten zu verkürzen versucht.
Ihm folgte als Redner der designierte Generalsekretär Döring, der die rhetorische Hochseilartistik seines Vorgängers nicht erreichen konnte, aber für seine verbalen Purzelbäume auf der Turnmatte braven Beifall bekam. „Wenn grüne Politiker träumen, träumen sie von Verboten und nicht von Freiheit“, sagte er unter dem Beifall derer, die sich abends zuvor noch fassungslos über den peinlich-verpatzten Auftakt Dörings im neuen Amt, seinen Kurzschluss im Verkehr und seine verbale Irrfahrt bei der Zeitschrift „Stern“ gezeigt hatten. Auch bei ihm wirkte der Anzug noch größer, als der Mann, der darin steckte.
Nach Christian Lindner wollte sich gleichwohl niemand zurücksehnen. „Weglaufen, wenn’s schwierig wird, das hat’s bei uns nicht gegeben“, erklärte die Mittelstandstochter Birgit Homburger mit Blick auf ihre badische Familie, aber eben auch auf den früheren Generalsekretär Lindner, der Mitte Dezember ohne weitere Begründung sein Amt niedergelegt hatte. Das Rätseln über die Motive und seine Bemerkung „Auf Wiedersehen“ beschäftigte Besucher des Dreikönigsballs. Die Döring-Deutung, Lindner habe den vorläufigen Rückzug als taktische Vorbereitung zur künftigen Übernahme der Parteiführung gedacht, fand dabei viele Befürworter. Andererseits wurde es für unwahrscheinlich gehalten, dass der Rückzug eines für zu leicht und zu jung befundenen Vorsitzenden Rösler die Ernennung eines noch jüngeren und noch unerfahreneren Politikers nach sich ziehen würde. Ein Gedanke, übrigens, der auch Lindner schon gekommen sein könnte.
Rösler hatte unter hohen Erwartungen an seine Rede zu leiden, wie schon der Vorgänger in fast jedem Jahr seiner Amtszeit. Still und fleißig hatte Rösler am Text gearbeitet, Zahlen und Zitate zusammengetragen, Thesen formuliert zum Thema „Wachstum“ und dann sorgsam abgelesen. Der Beifall, den er erhielt wirkte ebenso artifiziell wie sein Vortrag selbst, dem der spontane Witz, die feine Ironie beinahe vollständig fehlte, die Rösler auszeichneten, bevor ihn Ämter und Bürden niederdrückten.
Er wusste auch während der Stunde seiner Dreikönigsrede: Sie wird seine erste und letzte gewesen sein, falls nicht im Mai ausgerechnet die schleswig-holsteinische Kubicki-FDP den Wiedereinzug in den Kieler Landtag schafft. Wenn es nicht gelingt, hätte für die politischen Erben gewaltiger politischer Defizite aus der Westerwelle-Ära das gegolten, was auf dem ersten Plakat gestanden hat, das Rösler als Jungliberaler einst geklebt hatte: „Auf Schuldenbergen können Kinder nicht spielen“.
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