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Veröffentlicht: 18.07.2017, 20:34 Uhr

Missbrauch bei Domspatzen Sadisten im geistlichen Gewand

Der Abschlussbericht zu den Missbrauchsfällen bei den Regensburger Domspatzen zeugt von unfassbarer körperlicher und sexueller Gewalt, die den Kindern von Priestern, Lehrern und Erziehern angetan wurde. Die Kirche hatte lange Zeit nur Ignoranz für die Opfer übrig.

von , München
© dpa Im Kloster Pielenhofen war von 1981 bis 2013 die Domspatzen-Vorschule untergebracht

Mehrfach hat Ulrich Weber am Dienstag bei der Vorstellung des Abschlussberichts zu den Missbrauchsvorwürfen bei den Regensburger Domspatzen Fragen damit beschieden, sie ließen sich nicht in zwei oder drei Sätzen beantworten. Der Bericht des Regensburger Anwalts, der als unabhängiger Ermittler eingesetzt war, umfasst 440 Seiten – doch auch sie reichen nicht aus, um ein Geschehen zu begreifen, das ein Fanal für die katholische Kirche ist. Sie setzte über Jahrzehnte in einer ihrer renommiertesten Erziehungsinstitutionen Kinder und Jugendliche einer unfassbaren körperlichen und sexuellen Gewalt von Priestern, Lehrern und Erziehern aus. Und sie begegnete lange Zeit Opfern, die den Mut fanden, ihr Schicksal zu offenbaren, mit „Ignoranz und Desinteresse“, wie Weber es in seinem Bericht nennt.

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Der Bericht kann nicht ohne Statistiken auskommen: Mit mindestens 547 gibt der Ermittler die Zahl der Opfer an, die nach 1945 bis in die neunziger Jahre in der Vorschule und dem Gymnasium der Domspatzen geschlagen oder sexuell missbraucht worden seien. Die Dunkelziffer schätzt er weit höher ein. Es sind Zahlen, hinter denen sich beklemmende Einzelschicksale verbergen. „Meine fröhliche Kindheit endete, als meine Eltern mich am ersten Schultag der 3. Klasse in dem Internat in Etterzhausen zurückließen“, wird eines der Opfer in dem Bericht zitiert. Von da hätten die Erzieher „uneingeschränkt Gott“ gespielt: „Angst ist bis heute mein ständiger Begleiter“.

Opfer vergleichen Vorschule mit Konzentrationslager

In Webers Bericht werden besonders die Vorschule in Etterzhausen und später in Pielenhofen mit Buben im Grundschulalter von Opfern als „Gefängnis“, „Hölle“ oder „Konzentrationslager“ beschrieben. Fehlverhalten – darunter sei schon bloßes Schauen aus dem Fenster während des Unterrichts gefallen –, schlechte Leistungen oder schlicht kindliches Verhalten seien mit Individual- oder Kollektivstrafen belegt worden. Dabei habe meist ein grobes Missverhältnis zwischen Regelverstoß und Bestrafung bestanden, resümiert Weber.

„Einmal wurde ich für schuldig gesprochen, weil ich scheinbar beim Urinieren meinem Nachbarn unten hingesehen haben soll“, wird ein Opfer zitiert: „Dafür bekam ich öffentlich Stockschläge.“ In der Aussage eines anderen damaligen Schülers heißt es: „Wir marschierten immer – wenn auch ohne Gleichschritt – in ‚Silentium‘ und Zweierreihe in Richtung Speisesaal. Jedes Mal, wenn ein oder mehrere Kinder es wagten, dieses ‚Silentium‘ zu stören, schlug von hinten die riesige Faust des Präfekten H. mit so einer Wucht auf das Schulterblatt des jeweiligen Kindes ein, dass drei, vier Kinderreihen umfielen. Wie Dominosteine.“

Eine weitere Opfererzählung, die der Bericht in dem Bestreben anführt, den Opfern eine Stimme zu geben: „Für alle gemeinsamen Aktivitäten, wie z.B. zum Essen oder in die Kapelle gehen, mussten wir Kinder an einem langen Flur mit einem dünnen Strich in der Mitte antreten. Die Fußspitzen mussten direkt an diesem Strich ausgerichtet sein. Ein Junge hatte das wohl schon mehrfach nicht so wie gewünscht hinbekommen. Einmal wurde er daraufhin vom Direktor M. aus der Reihe gerissen und vor aller Augen mit dem Rohrstock dermaßen verprügelt, dass er sich dabei in die Hose machte und der Urin ihm aus der kurzen Lederhose rann.“

Misshandlungen auch während der Heiligen Messe vorgekommen

Weber stellt in dem Bericht klar, dass die Misshandlungen – dazu habe auch Schlagen mit einem schweren Siegelring gehört, mit der Folge schwerer Verletzungen – auch in der damaligen Zeit mit wenigen Ausnahmen verboten und strafbar gewesen sei; die sexuellen Übergriffe ohnehin. Selbst die Heilige Messe habe keinen Schutz geboten, wie die Aussage eines Opfers belege: „Beim Ministrieren machte ich einen Fehler. Ich war noch müde und stolperte über die am Boden abgestellten Klingeln. Direktor M. gab mir spontan während der Konsekration eine sehr harte ‚Kopfnuß‘ (Schlag mit dem vorgestreckten Mittelfingerknochen auf den Kopf) und trieb mich dann mit Schlägen auf den Kopf und Körper vom Altar weg aus der Kirche, so wütend war er.“

Mit dem Wechsel von der Vorschule ins Gymnasium nahm die Gewalt nach den Feststellungen Webers ab – vor allem gegenüber älteren Schülern. Das ist das Quälendste an Webers Bericht: Dass es die Kleinsten, Schwächsten, Schutzbedürftigsten waren, die den Sadisten im geistlichen Gewand ausgeliefert waren. Auf Hilfe von außen konnten sie kaum rechnen – Weber spricht bei der Vorschule von einem „perfektionierten System der Isolation und Kommunikationsverhinderung.“ Post der Schüler an Eltern sei kontrolliert worden, heißt es in einer Opferaussage: „Wenn es nicht gepasst hat, musste man ein persönliches Gespräch mit dem Präfekten führen. Dann musste man einen neuen Brief verfassen mit ‚alles ist gut‘.“

Bruder von Papst Benedikt XVI beschuldigt

Das gesamte Erziehungssystem sei auf musikalische Bestleistungen und den Erfolg des Chors ausgerichtet gewesen, resümiert Weber. Neben individuellen Tatmotiven hätten auch institutionelle Motive eine Grundlage für Gewalt gebildet – mit dem Ziel der maximalen Disziplinierung und Leistungsbereitschaft der Kinder. Ein zwiespältiges Bild wird in dem Bericht von Georg Ratzinger gezeichnet, der als Domkapellmeister den Chor von 1964 bis 1994 leitete. Der Bruder von Papst Benedikt XVI. werde von damaligen Chormitgliedern als musikalischer Perfektionist geschildert, der zwar kein Sadist gewesen sei, aber ein Choleriker, der oft in „rasende, unkontrollierte Wutausbrüche“ geraten sei, auf Sänger eingeschlagen und mit Notenständern geworfen habe.

Georg Ratzinger hat vor einigen Jahren zugegeben, als Domkapellmeister Ohrfeigen verteilt zu haben. Er habe auch von körperlichen Misshandlungen in der Vorschule gewusst, die er aus heutiger Sicht verurteile; das Ausmaß der Gewalt habe er aber nicht gekannt. Die Vorschule sei auch eine eigenständige Institution gewesen, die ihm nicht unterstanden habe. In dem Bericht Webers wird zusammenfassend festgestellt, dass von dem Domkapellmeister Ratzinger „in vielen Fällen Formen körperlicher und psychischer Gewalt angewandt wurden.“ Es falle aber auf, dass viele Opfer ihn trotz dieser Ausbrüche geschätzt hätten.

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Spät, erst sehr spät wurde im Bistum Regensburg mit der Aufarbeitung der unheilvollen Geschichte der Gewalt bei den Regensburger Domspatzen begonnen. In dem Bericht wird geschildert, dass 2010 der damalige Bischof – und spätere Kurienkardinal – Gerhard Ludwig Müller zwar klare Worte gefunden und auch Strukturen zur Aufklärung geschaffen habe, etwa durch die Berufung eines eigenen Beauftragten, der Vorwürfen der Körperverletzung nachgehen sollte. Durch weitgehend fehlende direkte Kontakte mit Opfern habe er aber nicht „die für viele Opfer so wichtige Augenhöhe“ gefunden. Erst als Müllers Nachfolger auf dem Bischofsstuhl, Rudolf Voderholzer, persönliche Gespräche mit den Opfern geführt habe, seien entscheidende Schritte gelungen – neben der Beauftragung Webers als unabhängigen Ermittler die Erstellung eines Konzepts mit therapeutischen Hilfen und Zahlungen an die Opfer. Weber gibt in seinem Bericht einen versöhnlichen Ausblick auf die Gegenwart der Domspatzen: Sie seien jetzt nach seinen Beobachtungen durch eine zeitgemäße Pädagogik geprägt.

Quelle: wahlrecht.de
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