Mit Dioxin belastete Industriefette aus der Firma Harles und Jentzsch in Uetersen sind schon früher zu Tierfutter verarbeitet worden als bisher bekannt. Auch haben Futterfette der Firma Harles und Jentzsch aus Uetersen bis zu 78 Mal so viel Dioxin enthalten wie erlaubt. Beides teilte das Kieler Agrarministerium am Freitag mit. In neun von zehn Proben war die Belastung zu hoch, wie Laboruntersuchungen ergaben. Bereits im März 2010 seien bei Eigenkontrollen der Firma durch ein Privatlabor zu hohe Werte aufgefallen, die aber verschwiegen wurden, sagte ein Sprecher des Ministeriums: „Das hätte sofort gemeldet werden müssen.“ Das Ministerium habe deshalb Strafanzeige gestellt.
Ohnehin laufen bereits staatsanwaltschaftliche Ermittlungen gegen das Unternehmen. Es darf zur Zeit nur noch technische Fette, aber keine Futterfette mehr vertreiben. Bislang hieß es, die mit Dioxin belasteten Tierfette seien erst seit Mitte November ausgeliefert worden. Inzwischen besteht der Verdacht, dass altes Frittierfett die Quelle für die Dioxinverunreinigung sein könnte. An welcher Stelle genau das Gift in die Futtermittelkette gelangte, ist weiter unklar. Die Fettsäuren stammen zwar vom Biodieselhersteller Petrotec, doch entsteht bei der Biodiesel-Herstellung eigentlich kein Dioxin. Wie das Niedersächsische Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit am Freitag mitteilte, ist die Firma Lübbe in Bösel, die die Fettsäuren ins Futterfett mischte, lediglich als Spedition registriert, nicht aber als Futterfett-Rührstation. Deshalb auch habe es dort keine Kontrollen gegeben.
Der Futtermittelhersteller Harles und Jentzsch hatte das schleswig-holsteinische Agrarministerium kurz vor Weihnachten über Dioxinfunde informiert. Landwirtschaftsministerin Juliane Rumpf (CDU) sagte, trotz des Vorfalls halte sie das System der Eigenkontrolle der Futtermittelhersteller für vernünftig und tragfähig. Es gilt durch eine Verordnung der Europäischen Union seit 2006. Der Schaden für die Landwirtschaft ist bisher kaum zu ermitteln. Betriebe aus fast alle Bundesländern sind betroffen, 4700 Höfe wurden bislang gesperrt.
Die Sperrung eines Hofs kann mehr als 50.000 Euro kosten
Der Bauernverband rechnet mit einem Schaden von insgesamt 40 bis 60 Millionen Euro in der Woche. Einen Bauern mit schlachtreifen Tieren im Stall könne eine Sperrung mehr als 50.000 Euro in der Woche kosten, weil die Tiere später nicht mehr zu vermarkten sind, sagte Bauernpräsident Gerd Sonnleitner dieser Zeitung. Er forderte einen Rückversicherungsfonds der Futtermittelindustrie, in den alle Hersteller einzahlen sollten, um in Fällen wie dem aktuellen Dioxin-Skandal die Bauern entschädigen zu können. Aus Sicht des Verbandes müssen die Futtermittelhersteller und ihre Versicherungen haften, weil sie den Bauern das verdächtigte Futter geliefert haben. Diese wiederum könnten sich an den Futterfetthersteller am Anfang der Kette wenden. „Wenn der allerdings in Insolvenz geht, bleiben die Mischfutterhersteller auf den Kosten sitzen“, sagte Sonnleitner.
Unklar ist zudem, wer eigentlich für die Testkosten und die Umsatzeinbußen haftet, wenn ein Betrieb vorsorglich gesperrt wird, die Proben am Ende aber keine Verunreinigung zeigen. Nach Meinung Sonnleitners könnten Landwirte auch in finanzielle Engpässe geraten, wenn sie ihre Produkte über längere Zeit nicht verkaufen könnten. Sein Verband wolle mit Banken über Liquidiätshilfen sprechen. Zunächst aber müssten die Schäden genau eingegrenzt und die Sperrungen möglichst rasch aufgehoben werden. „Sicherheit geht vor.“
Forderung nach mehr Überwachung
Sonnleitner lobte die Sicherheitssysteme der Branche. „Da sind wir mittlerweile weitauf besser aufgestellt als in der Vergangenheit.“ Die Landwirtschaft habe mit ihren Partnern ein stufenübergreifendes Rückverfolgungssystem aufgebaut. Eine Schwachstelle sei allerdings geblieben, dass Vorlieferanten an einem Standort technische Produkte und Produkte für die Futtermittelwirtschaft produzieren. „Da fordern wir eine strikte Trennung.“ Das beste Sicherheitssystem nutze allerdings nichts, wenn sich kriminell handelnde Unternehmer nicht daran halten.
Tilman Burggraef, Biologe und Vizepräsident des Verbands Unabhängiger Prüflaboratorien, sagte dieser Zeitung: „Es gibt in der Branche die Tendenz, industrielle Fette in Futtermittel zu mischen.“ Nun würden zwar mehr Überwachungskapazitäten gefordert. Die öffentliche Hand könne diese aus Kostengründen aber kaum aufbauen - auch sei in der Vergangenheit bereits gespart worden. Der Verband, der private Labore vertritt und deshalb auch ein wirtschaftliches Interesse an einem engmaschigen Prüfnetz hat, forderte verpflichtende und häufigere Eigenkontrollen in den Futterbetrieben. Bislang sind sie freiwillig, je nachdem, in welchem Rückverfolgungssystem ein Hersteller Mitglied ist. Solche Routinekontrollen könnten nach Meinung des Verbands Privatlabore übernehmen, nach gesetzlichen Standards.
Ölkuchen seien „wertvolle Futtermittel“
Bauernpräsident Sonnleitner hält die heutige Produktionsweise in der deutschen Landwirtschaft nicht für die Ursache des Dioxin-Skandals. „Durch die modernen Testmethoden wird heute Gott sei Dank mehr gefunden als früher“, sagt er. Gerade kleinere Futterproduzenten hätten wegen der immer strengeren Auflagen aufgeben müssen. „Der Fall hat nichts mit ökologischer oder konventioneller Landwirtschaft zu tun, sondern mit Kriminalität.“ Ölkuchen, wie sie nach dem Pressen von Ölsaaten für Biodiesel entstehen, seien „wertvolle Futtermittel“. Schmierfette für Autos allerdings hätten in Futtermitteln nichts zu suchen.
Der Staatssekretär im niedersächsischen Landwirtschaftsministerium, Friedrich-Otto Ripke, sprach am Freitag in Hannover von „kriminellen Machenschaften“ einzelner Unternehmen beim Dioxin-Skandal. Er äußerte die Hoffnung, dass sie nach staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen auch bestraft werden. Niedersachsen ist als größtes Agrarland in Norddeutschland am stärksten davon betroffen. 4500 der 55.000 landwirtschaftlichen Betriebe in Niedersachsen, darunter 3000 Schweinemäster, sind vorsorglich geschlossen worden.
Hilfsfonds für Landwirte soll es nicht geben
Erste Legehennen-Betriebe dürfen seit Freitag wieder Eier verkaufen, nachdem Prüfungen des Landesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit diese als unbelastet einstuften - 27 der 30 Eierproben waren nicht dioxinbelastet. Erste Ergebnisse von Schweinefleisch und Milchproben sollen am Sonntag vorliegen. Geld für einen Hilfsfonds für Landwirte könne Niedersachsen, so Ripke, nicht bereit stellen. Der Präsident des Bauernverbandes Landvolk, Werner Hilse, sagte am Freitag, Bauern dürften nicht auf dem Schaden sitzenbleiben, den ihnen die Futtermittelwirtschaft eingebrockt habe. Der Futtermittelskandal reihe sich, so Hilse, ein in eine Kette immer wieder zu beobachtender Versäumnisse „auf dieser Stufe“. Er regte eine Versicherungslösung für die Futtermittelwirtschaft an, wie sie seit Jahren die Niederlande schon habe.
Das Ende der industriellen Nahrungsmittelproduktion
fritz Teich (fazfazfaz123)
- 07.01.2011, 17:05 Uhr
Dieser Fall passt zum derzeitigen Zustand Deutschlands
(EcHaerter)
- 07.01.2011, 18:02 Uhr
Immer schon pflegte man Giftstoffe anderweitig zu vermischen:
Karl-Heinz Andresen (khaproperty)
- 07.01.2011, 18:14 Uhr
Woher stammt das Dioxin ursprünglich?
Gerhard Rinker (GerdR)
- 07.01.2011, 18:19 Uhr
Ist Geiz geil?
gerhard diekmann (diek123)
- 07.01.2011, 18:20 Uhr