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Dietmar Bartsch Der Mann mit Zeitverzögerung

 ·  Dietmar Bartsch hat nichts Genialisches wie Gysi, nichts Demagogisches wie Lafontaine. In der Linkspartei, die fürchtet, ohne ihre Stars nichts zu sein, war er aber immer der Profi. Reicht das, um Chef zu werden?

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© dapd Dietmar Bartsch: Hätte er sein Interesse an dem Amt nicht endlich bekanntgegeben, wäre das Staunen noch größer geworden

Das Leben von Dietmar Bartsch ist in diesen Wochen reich an historischen Bezügen. Vor zwei Jahren - am 11. Januar - nutzte der Fraktionsvorsitzende Gregor Gysi den „Politischen Jahresauftakt“ der Linkspartei, um dem damaligen Bundesgeschäftsführer Bartsch auf großer Bühne Illoyalität gegenüber dem damaligen Vorsitzenden von Fraktion und Partei, Oskar Lafontaine, vorzuwerfen. Bartschs Parteikarriere war damit zunächst beendet. Als er kürzlich seinen Willen bekanntgab, sie als Bewerber um den Vorsitz fortzusetzen, wählte er dafür die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, gegenüber der Parteizentrale.

In diesem Theater hatte Ende 1994 die damalige Spitze der PDS gegen eine Steuerforderung des Finanzamts (in Höhe von 67,5 Millionen DM) einen spektakulären Hungerstreik unternommen. Das Aroma jener Tage, die intensive Stimmung unter den hungernden Funktionären, der unbedingte Zusammenhalt von Gysi, Bisky, Brie und Bartsch in einer Zeit, als es für die SED-Nachfolgerin um die Existenz ging und Bartsch ihr Schatzmeister war, stieg allen noch einmal in die Nase, während Bartsch darlegte, warum er Parteichef werden möchte.

An diesem Donnerstag entscheidet der geschäftsführende Vorstand, ob er den Mitgliederentscheid zur Besetzung der Vorsitzendenämter, den Parteichef Klaus Ernst im Frühling vorgeschlagen hat, für zulässig erklärt. Weder Ernst noch andere haben jedoch die Verankerung dieser Innovation in den Statuten der Partei betrieben. Egal, wie der Vorstand entscheidet: Es wird Ärger geben. Entweder brüskiert er die mehr als 25 Prozent der Mitglieder, die den Mitgliederentscheid beantragt haben. Oder er ignoriert zwei Gutachten, die zu dem Ergebnis kamen, es berühre die Rechte der gewählten Delegierten, die Basis über die Vorsitzenden mitreden zu lassen. Die Ko-Vorsitzende Gesine Lötzsch will abermals kandidieren, sie hält einen Mitgliederentscheid über Personal für eine politische Frage, zu der Mitgliedervoten möglich sind. Ernst hat sich über seine Pläne noch nicht geäußert. Bartsch und Lötzsch sind damit gegenwärtig die einzigen Kandidaten.

Verkörperung des sachlichen Stils

Wenn Bartsch sein Interesse an dem Amt nicht endlich bekanntgegeben hätte, wäre das Staunen noch größer geworden. Denn dass er das Treiben der Strömungen in seiner Partei und deren allmählichen Niedergang mit Sorge beobachtet, kann er ebenso wenig leugnen wie die Tatsache, dass er sich durchaus zutraut, der Krise Einhalt zu gebieten. Wenn er noch länger stillgehalten hätte, wäre ihm Feigheit vorgeworfen worden; den „Reformern“, zu deren bekanntesten Gesichtern er zählt, hätte man zur Last gelegt, sich in der Opferrolle zu gut zu gefallen, um jemals die Partei führen zu können.

Als Bartsch sich am Samstag, den 8. Oktober, hinten ins Audimax der Humboldt-Universität setzte, wo Sahra Wagenknecht für ihre linksradikale Gefolgschaft einen Kongress mit dem Titel „Kurs halten“ veranstaltete, um sie auf den Programmparteitag in Erfurt einzuschwören, konnte man das, obwohl Bartsch nicht lange blieb und auch nicht redete, durchaus als ein Signal auffassen: Wo ich bin, gedeiht Sektierertum nicht. Bartsch ist die Verkörperung des sachlichen, betont ideologieabgewandten Stils, mit dem die PDS/Linkspartei in Ostdeutschland in den vergangenen zwei Jahrzehnten zur Volkspartei wurde.

„Über mich wurden Lügen verbreitet, gegen mich wurden inakzeptable Vorwürfe in zum Teil extrem kulturloser Weise erhoben“: So wehrte sich Bartsch gegen die „Demütigung ersten Grades“, die ihm Gysi im Auftrag Lafontaines zufügte, wie der frühere Vorsitzende in Mecklenburg-Vorpommern, Peter Ritter, den Auftritt in der Zeitung „Neues Deutschland“ nannte. Er sei „seit 1991 loyal gegenüber der Partei“, ließ Bartsch damals wissen, und das stimmt. Wer jahrelang jeden Montag im Karl-Liebknecht-Haus gehört hat, wie gelassen er auch noch die absonderlichsten Vorstöße von Parteifreunden präsentierte, empfand Gysis Opferung vor zwei Jahren als ein unerhörtes Spektakel.

Das Ende des Zusammenhaltes

In der Linkspartei ist Bartsch das Feindbild der Linksradikalen, die sich seit der Fusion von PDS und WASG dort ungenierter bewegen als in der alten PDS. Im vergangenen August etwa blieb die frühere Schweriner Sozialministerin Marianne Linke demonstrativ sitzen, als während des Parteitags in Rostock der Maueropfer gedacht wurde. Dieser Tage unterzeichneten fünf Bundestagsabgeordnete der Linkspartei einen Aufruf „Kriegsvorbereitungen stoppen! Embargos beenden! Solidarität mit den Völkern Irans und Syriens!“, in dem behauptet wird, die Vereinigten Staaten und die Nato bereiteten „offen den Krieg gegen die strategisch wichtigen bzw. rohstoffreichen Länder“ vor.

„Das iranische und syrische Volk haben das Recht, über die Gestaltung ihrer politischen und gesellschaftlichen Ordnung allein und souverän zu entscheiden“, heißt es in dem Text, der die Namen Assad und Ahmadineschad nicht nennt. Sevim Dagdelen, die Fraktionssprecherin für internationale Beziehungen, sagte, der Aufruf decke sich mit der Linie der Linkspartei. Bartsch hingegen sagte im Deutschlandfunk: „In dieser Frage spricht sie nicht für mich.“

Während Gysi nach seinem Auftritt vor zwei Jahren beteuerte, Bartsch sei und bleibe sein Freund, verteidigte dieser seine Ehre, hielt ansonsten die Klappe - und machte weiter. Mit dem Zusammenhalt der Männer aber, welche die PDS durch die Gefährdungen ihrer ersten Jahre geführt hatten, war es vorbei. Die Linkspartei, die 2007 aus PDS und WASG gegründet wurde, hat solche Bindungen unter ihrem Personal bisher nicht einmal annähernd zu erzeugen vermocht.

Gysis beiläufige Erklärungen

Beiläufig gab Gysi dieser Tage den Abschied von der von ihm seit 2010 praktizierten Parteiführung bekannt, und ebenso beiläufig erklärte er sich zum Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl 2013; auch Lafontaine werde wohl als Spitzenkandidat antreten. Geredet hatten die beiden offenbar nicht miteinander. Prompt distanzierte sich Lafontaine von „Eigentorschützen, die ununterbrochen über Personalfragen quatschen“. Er werde sich erst dann erklären, wenn ein Parteitag über die Spitzenkandidatur entscheide - hinzuzudenken ist: Und wenn ein Parteitag den Vorstand wählt, wäre es für ihn - siehe SPD-Parteitag in Mannheim 1995 - früh genug, zu kandidieren.

Dietmar Bartsch gehört der Generation an, die im PDS-Teil der Linkspartei schwach vertreten ist; er war - Jahrgang 1958 - einst zu jung, um in der DDR Karriere zu machen, gehörte aber zu denen, die dafür vorgesehen waren. Damit geht er offen, selbstironisch und durchaus selbstbewusst um. Bartsch ist in Stralsund geboren, nach Abitur und Grundwehrdienst studierte er Ökonomie in Berlin-Karlshorst und arbeitete im Verlag „Junge Welt“.

Von 1986 bis 1990 war er Doktorand an den Berliner und Moskauer Akademien für Gesellschaftswissenschaften. In kyrillischen Buchstaben auf Russisch nennt Bartsch in seinem Lebenslauf das Thema: Hier fühlt sich ein Ossi ausdrücklich nicht zweitklassig. Dass er 1990 mit einer Arbeit über „Verteilungsverhältnisse unter den Bedingungen einer Intensivierung der sozialistischen Wirtschaft“ promoviert wurde, kann jeder bei Wikipedia nachlesen, so dass der Gebrauch des Russischen niemanden lange ausgegrenzt.

„Stalinismus durch die Hintertür“

1977 trat er in die SED ein, im Revolutionsjahr 1989 wurde er Delegierter des Sonderparteitags, auf dem die Partei den endgültigen „Bruch mit dem Stalinismus als System“ beschloss. Im Januar 1991 wurde er Schatzmeister der PDS, zwischen 1997 und 2002 war er ihr Bundesgeschäftsführer, 2005 wurde er es wieder; von 2008 bis 2010 war er Bundeswahlkampfleiter der Linkspartei. Bartsch war der ideale Schatzmeister, er war ein geschätzter Bundesgeschäftsführer - ob er nun beim Parteitag in Göttingen im Juni auch Vorsitzender der Linkspartei werden kann, könnte sich in diesen Tagen entscheiden. Seit die SED zur PDS und diese zur Linkspartei wurde, hat sich Bartsch, norddeutsch-trocken, uneitel, präzise und humorvoll, vielen, auch außerhalb der Partei, als verlässlicher Gesprächspartner gezeigt. Wie schlecht die Verhältnisse zwischen Linkspartei und SPD oder Grünen auch waren, Bartsch steht auch ohne „Crossover-Gespräche“ mit Vertretern anderer Parteien in ständigem Austausch.

Dreimal wurde Bartsch als Spitzenkandidat in Mecklenburg-Vorpommern in den Bundestag gewählt: 1998, als dieser noch in Bonn arbeitete, wieder 2005 und 2009. 2002 kam es für die PDS zum Karriereknick, nur die Berliner Direktkandidatinnen Petra Pau und Gesine Lötzsch schafften den Einzug in den Bundestag. 2000 beim Parteitag in Münster und 2002 in Gera hatte der linksradikale Flügel der PDS über die „Reformer“ triumphiert, zu denen Bartsch zählte; die Marginalisierung der Partei trieb ihn zurück in die Wirtschaft, zunächst als Unternehmensberater, dann als Geschäftsführer der Zeitung „Neues Deutschland“. Erst die Rückkehr Lothar Biskys an die Parteispitze im Jahr 2003 beendete schließlich auch Bartschs Exil.

Vieles, was Bartsch sagt, ist so unauffällig, dass es mit Zeitverzögerung wirkt. Sein Satz etwa, Erfolg von Parteien sei messbar, an Wahl- und Umfrageergebnissen und an Mitgliederzahlen, klang banal, bis die scheinbar auf Erfolg abonnierte Linkspartei unter ihrer von Gysi installierten Führung ins Trudeln geriet. In der Partei, die fürchtet, ohne ihre Stars nichts zu sein, und die sich nie angewöhnt hat, ihre Talente zu fördern und zu fordern, ist Bartsch der Profi. Er hat so gar nichts Genialisches wie Gysi, nichts Demagogisches wie Lafontaine, so erfreut er sich auch an Wahlabenden über das jeweils „famose“ Ergebnis seiner Partei zu äußern versteht. Die Bartsch-Opferung vor zwei Jahren nannte Bisky „Stalinismus durch die Hintertür“. Wie viel davon - im Personenkult oder als Sympathien für doktrinäre Herrschaft - in der Linkspartei noch lebt, wird in den kommenden Tagen sichtbar werden.

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Jahrgang 1954, politische Korrespondentin in Berlin.

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