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Veröffentlicht: 13.11.2016, 11:24 Uhr

Politik der Volksparteien Wo sind all die kleinen Leute geblieben?


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43321502 © Marcus Kaufhold Vergrößern Unter kleinen Leuten: Lothar Binding spricht mit Bürgern auf der Kirchheimer Straßenkerwe.

Mit der Zeit sei seinen Parteifreunden das Gespür dafür verlorengegangen. „Vereinsmenschen waren Spießer. Die Kleingärtner legen uns in der Stadt eine grüne Lunge. Und sie kritisieren sie dafür, dass sie mit Zentimetermaß das Gras messen.“ Die Volksparteien hätten sich von den kleinen Leuten entfremdet. „Es ist eine Mischung aus politischer Korrektheit und dem Versuch, Minderheiten einzubinden, die man als benachteiligt sieht.“ Eine falsch verstandene Etikette verhindere, dass bestimmte Dinge angesprochen werden könnten. Als er vor vier Jahren antisemitische Schimpftiraden von Nordafrikanern anprangern wollte, pfiffen ihn seine Fraktionskollegen zurück. Die Gefahr, in die ausländerfeindliche Ecke gedrängt zu werden, war ihnen zu groß.

„Die Menschen haben kein Vertrauen mehr in ihre Vertretung“

Es mag auch persönliche Kränkungen gegeben haben. Wenig später jedenfalls war Bernhard Ochs kein Parteimitglied mehr. Nach vier Jahrzehnten in der SPD. Doch dann passierte, was viele nicht für möglich gehalten haben: Ochs gründete seine eigene Liste. Ein Bäcker, eine Pilotin, ein Buchhändler, Intellektuelle, türkischer, italienischer, spanischer Herkunft; eine breite Auswahl Bekannter machte mit. Ochs wurde auch als Unabhängiger in die Stadtverordnetenversammlung gewählt – der Kümmerer, der samstags für den Einkauf auf dem Bornheimer Markt vier Stunden braucht, weil er so viele Menschen trifft und über ihre Sorgen spricht, dessen Lieblingskneipe die „Marktstube“ ist. „Da sind viele einfache Leute, da hört man viel“, sagt er. Hätte die SPD ihr Susanne-Neumann-Erlebnis wirklich gebraucht, wenn sie näher „bei de Leut“ wäre, wie der frühere Parteivorsitzende Kurt Beck zu sagen pflegte? Ist es ein Wunder, dass die letzte Partei, die annähernd in Reichweite einer absoluten Mehrheit kommt, die CSU mit ihrer festen Verwurzelung in bayerischen Bierzelten ist?

In Dortmund hat Thorsten Hoffmann seinen CDU-Infostand abgebaut. Von Mengede im Nordwesten der Stadt geht es geradewegs nach Hombruch im Süden. Hoffmann hat sich zum siebzigsten Jubiläum des Gartenvereins „Zur Quelle“ angemeldet. Er parkt sein Auto und betritt das Gelände. Kurz geschorener Rasen, es riecht nach Grillfleisch. Hoffmann schüttelt Hände. Eine ganze Riege von Vorständen und Ehrenamtlichen ist gekommen. Die kleinen Leute aus dem Ruhrgebiet eben. Schnell dreht sich das Gespräch um die große Politik. „Die Menschen haben kein Vertrauen mehr in ihre Vertretung“, sagt Gerhard Prieß, der den Stadtverband der Gartenvereine vertritt. „Der Spruch ,Wir schaffen das‘ ist nicht unsere Meinung. Wir haben Angst, von einem Glauben überrollt zu werden, den wir nicht wollen“, klagt er. Spricht der 63 Jahre alte Rentner über Politik, ist viel von Selbstherrlichkeit die Rede. Die vielen Beamten im Bundestag repräsentierten nicht den Querschnitt der Bevölkerung. Und natürlich die Medien. Sie verschwiegen die Herkunft von Tätern, wenn sie über Straftaten berichten.

Prieß war zwölf Jahre lang Vertrauensmann beim Stahlunternehmen Hoesch. Die Welt, die er beschreibt, wenn er von seiner Arbeitswelt erzählt, gibt es nicht mehr. Die Globalisierung hat ihr die Grundlagen entzogen. Und dann kürzte ein sozialdemokratischer Kanzler die Renten, um Arbeitgeber zu entlasten. „Vertreter des Kapitals“, schimpft Prieß. 2001 reichte es ihm: Nach eineinhalb Jahrzehnten trat er aus der SPD aus. Politisch engagiert sich Prieß heute nicht mehr, aber er setzt sich für die Belange der 84000 Gartenfreunde in Dortmund ein. Viele dächten wie er. Anders als viele andere Menschen in der Republik aber bekennen sie sich noch zu einer Organisation. Prieß ist keiner, der wütende Mails an Bundestagsabgeordnete schreibt. Er wünscht sich nur ein wenig mehr Beachtung.

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Quelle: wahlrecht.de
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