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Nach den Übergriffen in Köln : „Wir wollen eine Stadt sein, in der jeder feiern kann“

Am Rande: Polizeibeamte am Dienstag vor dem Dom in Köln. Bild: Edgar Schoepal

Die Ausschreitungen der Silvesternacht in Köln werfen auch Fragen für den Karneval in nur einem Monat auf. Was, wenn eine solche Meute nochmal wütet?

          Im Karneval ist der Kölner Hauptbahnhof der zentrale Umstiegsort für alle Feiernden. Der Weg in die Altstadt und zu den vielen Plätzen und Brauhäusern ist kurz. Tausende werden an Weiberfastnacht und am Rosenmontag über den Vorplatz strömen und sich einen Weg ins Getümmel bahnen. Es ist der Ort, an dem in der Silvesternacht Frauen sexuell attackiert wurden. Köln ist derzeit so gar nicht zum Feiern zumute, die Stadt ist in Schockstarre. Was, wenn die enthemmte Meute im Karneval wütet?

          Timo Steppat

          Redakteur in der Politik.

          Die Kölner Oberbürgermeisterin traf sich am Dienstagmorgen mit Vertretern der Polizei, um über Sicherheitskonzepte zu diskutieren. Eine Sofortmaßnahme: In den kommenden zwei Wochen soll in der Stadt die Polizeipräsenz erhöht werden. Im Mittelpunkt der Überlegungen für die Karnevalstage steht der verstärkte Einsatz von mobilen Videoüberwachungssystemen. Polizeibeamte sollen sich dadurch auf großen Plätzen einen besseren Überblick verschaffen und so zielgerichteter agieren können.

          Von einer „Bademeisterposition“ sprach der Kölner Polizeipräsident Albers, aus der heraus auch Aufnahmen von Tätern gemacht werden können. Nun sind die meisten, die an Rosenmontag und Weiberfastnacht unterwegs sind, verkleidet – das gilt besonders für solche, die sowieso nicht erkannt werden wollen. Das macht das Identifizieren von Tätern im Nachhinein schwierig. Der Kölner Polizeipräsident Albers entgegnete darauf auf einer Pressekonferenz, auch kostümierte Tatverdächtige könnten gesucht werden.

          Geplant ist auch, sogenannte „Präventionshinweise“ für Frauen zu erstellen. Die parteilose Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker erläuterte beispielsweise, dass es für Frauen ratsam sei, Distanz zu halten, mindestens eine Armlänge, sie sollten sich in Gruppen bewegen und diese auch nicht spontan verlassen. Details dazu soll es in den kommenden Wochen geben. Am Karneval selbst will Reker nicht rütteln: „Wir wollen eine Stadt sein, in der jeder feiern kann.“ Deshalb müssten angstfreie Räume geschaffen und das Unsicherheitsgefühl bekämpft werden.

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          Polizeipräsident Albers beschrieb einen drastischen Vorstoß, den Reker zuvor auch im Kölner Lokalradio vorgebracht hatte: Für Täter, die etwa bei Taschendiebstählen gefasst worden sind, wolle man auch „Bereichsbetretungsverbote“ verhängen. Wer also schon mal auffällig geworden ist, soll an bestimmten Orten in Köln während der Karnevalstage keinen Zutritt mehr haben. Als Kontrollmöglichkeit nannte Albers eine Meldepflicht für solche Straftäter.

          Ein Ziel der Stadt soll sein, den Karneval ausländischen Bürgern stärker zu erklären. Auf Fremde muss es wie ein seltsames Ritual wirken, wenn sich Jecken auf die Backen bützen oder sich verkleidet und mit großen Mengen Bier an öffentlichen Plätzen amüsieren. In verschiedenen Sprachen soll es Infomaterialien über die Feierlichkeiten geben.

          Wie viel richten die Maßnahmen wirklich aus?

          Die Schockstarre, in der sich Köln derzeit befindet, löst sich dadurch noch nicht. Noch unklar ist, in welchen Dimensionen die Polizeipräsenz während der fünften Jahreszeit erhöht werden soll. Und wie viel richten die Maßnahmen – mehr Polizisten, mehr Videoüberwachung und Handreichungen für Frauen – wirklich aus? Bisher sind es noch schnelle Antworten, die die Stadtspitze und die Polizei liefern.

          Bisher ist noch immer nicht klar, wie es möglich war, dass eine so große Gruppe junger Männer über einen so langen Zeitraum und an einem öffentlichen Platz wüten konnte. So lange das so ist, entsteht der Eindruck, es könne wieder passieren; so lange kann Köln nicht ausgelassen feiern.

          Köln : Harte Strafen, mehr Polizeipräsenz und Überwachung

          Quelle: FAZ.NET

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