http://www.faz.net/-gpf-8c20n
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 06.01.2016, 04:58 Uhr

Nach den Übergriffen in Köln „Wir wollen eine Stadt sein, in der jeder feiern kann“

Die Ausschreitungen der Silvesternacht in Köln werfen auch Fragen für den Karneval in nur einem Monat auf. Was, wenn eine solche Meute nochmal wütet?

von , Köln
© Edgar Schoepal Am Rande: Polizeibeamte am Dienstag vor dem Dom in Köln.

Im Karneval ist der Kölner Hauptbahnhof der zentrale Umstiegsort für alle Feiernden. Der Weg in die Altstadt und zu den vielen Plätzen und Brauhäusern ist kurz. Tausende werden an Weiberfastnacht und am Rosenmontag über den Vorplatz strömen und sich einen Weg ins Getümmel bahnen. Es ist der Ort, an dem in der Silvesternacht Frauen sexuell attackiert wurden. Köln ist derzeit so gar nicht zum Feiern zumute, die Stadt ist in Schockstarre. Was, wenn die enthemmte Meute im Karneval wütet?

Timo Steppat Folgen:

Die Kölner Oberbürgermeisterin traf sich am Dienstagmorgen mit Vertretern der Polizei, um über Sicherheitskonzepte zu diskutieren. Eine Sofortmaßnahme: In den kommenden zwei Wochen soll in der Stadt die Polizeipräsenz erhöht werden. Im Mittelpunkt der Überlegungen für die Karnevalstage steht der verstärkte Einsatz von mobilen Videoüberwachungssystemen. Polizeibeamte sollen sich dadurch auf großen Plätzen einen besseren Überblick verschaffen und so zielgerichteter agieren können.

Mehr zum Thema

Von einer „Bademeisterposition“ sprach der Kölner Polizeipräsident Albers, aus der heraus auch Aufnahmen von Tätern gemacht werden können. Nun sind die meisten, die an Rosenmontag und Weiberfastnacht unterwegs sind, verkleidet – das gilt besonders für solche, die sowieso nicht erkannt werden wollen. Das macht das Identifizieren von Tätern im Nachhinein schwierig. Der Kölner Polizeipräsident Albers entgegnete darauf auf einer Pressekonferenz, auch kostümierte Tatverdächtige könnten gesucht werden.

Geplant ist auch, sogenannte „Präventionshinweise“ für Frauen zu erstellen. Die parteilose Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker erläuterte beispielsweise, dass es für Frauen ratsam sei, Distanz zu halten, mindestens eine Armlänge, sie sollten sich in Gruppen bewegen und diese auch nicht spontan verlassen. Details dazu soll es in den kommenden Wochen geben. Am Karneval selbst will Reker nicht rütteln: „Wir wollen eine Stadt sein, in der jeder feiern kann.“ Deshalb müssten angstfreie Räume geschaffen und das Unsicherheitsgefühl bekämpft werden.

Neue App
Der TAG jetzt auch auf Android

Das neue Angebot für den klugen Überblick: Die wichtigsten Nachrichten und Kommentare der letzten 24 Stunden – aus der Redaktion der F.A.Z. – bereits über 100.000 mal heruntergeladen.

Mehr erfahren

Polizeipräsident Albers beschrieb einen drastischen Vorstoß, den Reker zuvor auch im Kölner Lokalradio vorgebracht hatte: Für Täter, die etwa bei Taschendiebstählen gefasst worden sind, wolle man auch „Bereichsbetretungsverbote“ verhängen. Wer also schon mal auffällig geworden ist, soll an bestimmten Orten in Köln während der Karnevalstage keinen Zutritt mehr haben. Als Kontrollmöglichkeit nannte Albers eine Meldepflicht für solche Straftäter.

Ein Ziel der Stadt soll sein, den Karneval ausländischen Bürgern stärker zu erklären. Auf Fremde muss es wie ein seltsames Ritual wirken, wenn sich Jecken auf die Backen bützen oder sich verkleidet und mit großen Mengen Bier an öffentlichen Plätzen amüsieren. In verschiedenen Sprachen soll es Infomaterialien über die Feierlichkeiten geben.

Wie viel richten die Maßnahmen wirklich aus?

Die Schockstarre, in der sich Köln derzeit befindet, löst sich dadurch noch nicht. Noch unklar ist, in welchen Dimensionen die Polizeipräsenz während der fünften Jahreszeit erhöht werden soll. Und wie viel richten die Maßnahmen – mehr Polizisten, mehr Videoüberwachung und Handreichungen für Frauen – wirklich aus? Bisher sind es noch schnelle Antworten, die die Stadtspitze und die Polizei liefern.

Bisher ist noch immer nicht klar, wie es möglich war, dass eine so große Gruppe junger Männer über einen so langen Zeitraum und an einem öffentlichen Platz wüten konnte. So lange das so ist, entsteht der Eindruck, es könne wieder passieren; so lange kann Köln nicht ausgelassen feiern.

© dpa, reuters Harte Strafen, mehr Polizeipräsenz und Überwachung

Quelle: FAZ.NET

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Ehrenmord" in Pakistan Qandeel Balochs Mörder soll von Freunden verhöhnt worden sein

Die Mutter des ermordeten Internetstars aus Pakistan sagt, Freunde hätten ihren Sohn zu dem Verbrechen getrieben. Die Familie steht ohne die Tochter vor dem Ruin. Mehr

28.07.2016, 12:31 Uhr | Gesellschaft
Russische Tanzkunst Bolschoi-Ballett feiert Jubiläum

Die Ballettkompanie trat vor 60 Jahren zum ersten Mal in London auf und feiert das Jubiläum mit einem neuen Gastspiel. Mehr

26.07.2016, 15:26 Uhr | Feuilleton
Gaststätte Rheinischer Hof Wir danken für die Treue

Der Rheinischer Hof ist 90 Jahre alt, seit 1978 hat der Wirt in dem Lokal nichts mehr verändert. Jetzt muss er schließen – wegen eines Tages vor acht Jahren. Mehr Von Marc Bädorf

28.07.2016, 12:39 Uhr | Gesellschaft
Weltjugendtage Eine teure aber große Chance für Krakau

Die Weltjugendtage beginnen im polnischem Krakau. Während die einen ihren Glauben feiern, machen andere damit ein Geschäft. In Madrid hat der letzte Weltjugendtag Einnahmen in Höhe von 350 Mio. Euro beschert. Mehr

27.07.2016, 02:00 Uhr | Politik
Streit um Wagenknecht Sahra, es reicht!

Nach dem Attentat in Ansbach kritisierte die Fraktionschefin der Linken die Flüchtlingspolitik. Führende Linken-Politiker reagieren entsetzt. Sie fordern Wagenknechts Rücktritt – und eine Kursänderung der Partei. Mehr

27.07.2016, 21:25 Uhr | Politik

Clinton gegen den Populisten

Von Klaus-Dieter Frankenberger

Hoffentlich siegt in Amerika am Ende die Vernunft und nicht das große Ressentiment. Es wird ein harter Kampf für Clinton mit unvorhersehbaren Wendungen. Ein Kommentar. Mehr 9