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Die Tücken des schulischen Selbstlernens : Ist Lernen ohne Lehrer der Unterricht der Zukunft?

  • -Aktualisiert am

Endlich Zeugnisse! Ob Lernen durch Selbstmanagement zu besseren Noten führt? Bild: ddp

Das Klassenzimmer von früher ist heute ein Aufgaben-Buffet. Die Lehrer helfen per E-Mail oder in Sprechstunden. Fördert eigenverantwortliches Lernen die Selbständigkeit oder ist alles ein cleverer Trick der Bildungsindustrie?

          Kerstin ist neun und besucht die Schule. Ihr Klassenzimmer aber hat nur noch wenig mit dem zu tun, was Erwachsenen aus ihrer Schulzeit in Erinnerung ist. Es gibt Wandtafeln und Regale, Tische und ein Lehrerpult. Aber was die kleinen Menschen und der große dort treiben, wirkt ungewohnt.

          Kerstin entscheidet in vielen Phasen des Unterrichts selbst, ob sie Texte schreiben, Rechenprobleme lösen oder ihre Lesefähigkeit verbessern will - je nachdem, was sie besonders interessiert oder wo sie besondere Schwächen vermutet. Dabei bestimmt sie auch, ob sie alleine oder mit anderen zusammenarbeitet - und wie tiefgehend sie sich mit einem Thema oder Fach beschäftigen will.

          Die Lernbiographie selbst gestalten

          Freie Arbeit, so sagt man, ermögliche es jedem Schüler, seine eigenen Lernwege zu finden und die Lernbiographie selbst zu gestalten. Der Lehrer übernimmt hier nur die Rolle eines Beraters und Begleiters. Er achtet darauf, dass die Schüler nicht untätig sind, beantwortet gelegentlich eine Frage, ermuntert hier und da.

          Wenn das menschliche Gegenüber fehlt, ist Lernen oft mühsam
          Wenn das menschliche Gegenüber fehlt, ist Lernen oft mühsam :

          Auch in der Mittelstufe weht vielerorts ein neuer Wind. Lehrerin Reinecke etwa hat das Thema „Binomische Formeln“ in mehrere Abschnitte zerlegt und überall im Klassenzimmer Arbeitsmaterialien deponiert. So liegen an einer Station Musterrechnungen für Schwächere aus, an der anderen gibt es Beweisaufgaben für Fortgeschrittene, und an einem dritten Ort warten Beispiele aus dem Alltag.

          Die Schüler wählen Aufgaben aus und bearbeiten sie selbständig, alleine oder in Gruppen. Nach jedem Stadium haken sie gegenseitig ihre Erledigungslisten ab - und auf geht's zur nächsten Etappe. Solches „Stationenlernen“ (auch „Lernzirkel“ oder „Aufgaben-Buffets“ genannt) fördere, so heißt es, nicht nur die Selbständigkeit junger Menschen, es komme auch ihrer Individualität entgegen.

          Ein Schülertraum wird Wirklichkeit

          An einer schweizerischen Kantonsschule wurde kürzlich gar ein alter Schülertraum wahr: das Lernen ganz ohne Lehrer. In Mathematik und Deutsch, zwei Fremdsprachen, Sport und einem weiteren Fach erfuhren die siebzehnjährigen Gymnasiasten die Kompetenzerwartungen zum Halbjahresende, dann galt es, sechs Monate in Eigenregie zu arbeiten - zu Hause oder in der Mediothek, alleine oder in einer Gruppe.

          Einmal wöchentlich boten die Fachlehrer Hilfe an, in einer Sprechstunde oder per E-Mail. Am Semesterende gab es Kontrolltests. Dem Schulleiter zufolge hätten 70 Prozent der Schüler im Selbstlernsemester besser gelernt als im gewohnten Unterricht. Übrigens hat auch die Kultusbürokratie Gefallen an der Selbständigkeit gefunden: Zunehmend hält sie ihre Schulen dazu an, die Formel vom „Haus des Lernens“ ernst zu nehmen - und ihr Wohl und Wehe durch Selbstmanagement zu steuern.

          Eigenverantwortlichkeit bringt Leben in die Schülerschaft

          Die neue Beschwörung von Eigenverantwortlichkeit scheint höchsten Bildungszielen zu genügen - und ist zunächst durchaus plausibel: Endlich kommt Leben in die meist abwartende, allzu gerne abschweifende Schülerschaft! Man kennt es doch von sich selbst: Was man kommentar- und reglos hinunterschlucken soll, davon bleibt nur ein Bruchteil hängen - verglichen mit dem Ertrag bei aktiver Aneignung.

          „Die Kirsche, die das Kind selbst bricht, schmeckt ihm süßer als eine andere, die man ihm in den Mund steckt“, sagte der thüringische Pfarrer, Volksschriftsteller und Erzieher Christian Gotthilf Salzmann vor 200 Jahren.

          Nun liegt die Tücke im Detail - in diesem Fall in voreiliger Verallgemeinerung. Pädagogische Zurückhaltung mag Abiturienten beflügeln, Pubertierende aber verlieren so oft wichtige Orientierung. Bei selbständiger Arbeit machen viele Schüler um schwerere Aufgaben öfter als nötig einen Bogen, mit engerer Anleitung hätten sie die vielleicht lösen können. Und beim Stationenlernen sind die Jugendlichen zwar ständig beschäftigt, stellen aber ohne lehrergeleitetes Unterrichtsgespräch nur selten gedankliche Zusammenhänge zwischen den Lernportionen her.

          Idylle gerät zum Albtraum

          Bei genauerem Hinsehen lösen solche Lernwerkstätten die behauptete Selbständigkeit nur scheinbar ein: Alles ist bereits vorgedacht. Herausfordernde Problemstellungen und ungeplante Lösungswege sind dagegen kaum vorgesehen. Für die lehrerbefreiten Primaner übrigens geriet die erhoffte Idylle bald zum Albtraum - sie konnten ihren Wissensstand zwischenzeitlich nur schwer einschätzen und gerieten in Dauerstress.

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