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Deutsche Schulpolitik : Bildungssystem mit Schwächen

Wenig Positives seit Pisa: Werden die verschiedenen Schularten ihrer Verantwortung als Zulieferer überhaupt noch gerecht? Bild: dpa

Das Berufsbildungssystem droht durch die Überakademisierung ausgetrocknet zu werden. Doch der studentische Nachwuchs darf zwar studieren, kann es aber oft nicht. Das Problem beginnt schon in der Kita. Ein Kommentar.

          Spätestens seit Pisa fällt es schwer, die Leistungsfähigkeit des deutschen Bildungssystems, das es höchstens in seinen regionalen Ausprägungen gibt, zu preisen. Am ehesten ginge das noch beim Berufsbildungssystem, das dauerhaft solide arbeitet und einen großen Anteil an der niedrigen Jugendarbeitslosigkeit hat. Der „Export“ in andere europäische Länder gelingt jedoch nur unzureichend, zumal dort der Mittelstand mit seinen Handwerkskammern und Industrie-und Handelskammern nicht für die Verankerung des dualen Systems sorgt und die unerlässlichen Kontakte zu Schulen pflegt.

          Hinzu kommt, dass Eltern und Schulabsolventen des mittleren Abschlusses und des Gymnasiums so lange die Überlegenheit des Studiums nahegebracht wurde, dass nun jeder den politischen Slogan von der Gleichwertigkeit beruflicher und akademischer Bildung für Propaganda hält. Der Fachkräftemangel wird unterdessen größer und muss auch durch Zuwanderung gedeckt werden, sofern das überhaupt möglich ist. Während das Berufsbildungssystem mit über 300 Ordnungen auskommt, hat die Bologna-Reform dazu geführt, dass es inzwischen 18.000 Studienordnungen gibt. Der berufsqualifizierende Charakter des Bachelors sorgt seinerseits für eine unheilvolle Konkurrenz zum Berufsbildungssystem.

          Auch wenn die deutschen Universitäten angesichts der ungeheuren Bildungsexpansion noch Erstaunliches leisten und die Qualität in der Breite anderen Ländern weit überlegen ist, gibt es auch im tertiären Sektor beängstigende Entwicklungen. Auf Dauer werden die unterfinanzierten Universitäten nicht einer immer größeren Zahl von Studienanfängern anspruchsvolle Bedingungen bieten können. Und das heißt: Das Studium darf kein Durchlauferhitzer für Angelerntes sein. Wenn es nicht endlich mehr Professuren gibt, wird die Qualität der Lehre, die vielerorts nur noch mit unterfinanzierten und mit befristet beschäftigten Lehrbeauftragten aufrechterhalten wird, massiv leiden. Studierten 1950 nur fünf Prozent, waren es 1990 bereits 31,4 und 2016 schon 58 Prozent. 1996 gab es 267.000 Studienanfänger, 2016 schon 506.000. Die politische Mär von den sinkenden Studentenzahlen hat sich wiederholt als falsch erwiesen. Studieren gehört gewissermaßen zum guten Ton. Die Überakademisierung wird in nicht allzu langer Zeit dafür sorgen, dass der Fachkräftemangel sich zur ernsthaften wirtschaftlichen Krise verschärft und der Mittelstand als Rückgrat der Volkswirtschaft gefährdet wird.

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          An den Universitäten sind trotz der steigenden Studentenzahlen weder das Personal noch die Grundfinanzierung entsprechend gestiegen, so dass für Universitäten gilt, was sich für nahezu alle Bildungseinrichtungen sagen lässt: Sie leben von der Substanz – trotz aller Forschungsleistungen. Die Gelder für Spitzenforschung fließen reichlich, wenn entsprechend viele Anträge geschrieben wurden. Die Grundfinanzierung der anhaltenden Bildungsexpansion sowie Bau- und Sanierungsmaßnahmen an Gebäuden und Infrastruktur kommen darüber zu kurz. Die Schieflage zwischen sogenannten Drittmitteln und sinkender Grundfinanzierung durch das zuständige Bundesland verschärft sich also. Der Ruf der Länder nach dem Bund ist angesichts ihrer sprudelnden Steuereinnahmen ziemlich frech.

          Kaum eine Universität kommt ohne Liftkurse aus, um im Gymnasium versäumte Grundkenntnisse nachzuholen. Hier liegt das Hauptproblem der jeweiligen Bildungssysteme: Keine Schulart nimmt ihre Pflicht wirklich ernst, die Anschlussfähigkeit für die nächsthöhere Bildungseinrichtung zu garantieren. Das beginnt in der Kita, die gemeinsam mit den Eltern zumindest für die sprachlichen Voraussetzungen vor Schulbeginn sorgen müsste, das aber nur selten schafft. Wenn Grundschullehrer sich inzwischen öffentlich weigern, die Grundlegung für weiterführende Schulen als ihre Aufgabe zu sehen, und die Grundschulzeit eher als Spiel- und Erlebniszeit gestalten, ist das ein Armutszeugnis. Dasselbe gilt für die weiterführenden Schularten. Das Gymnasium verpasst es oft selbst in der Oberstufe, einen wissenschaftspropädeutischen Unterricht anzubieten. Die Abiturienten haben dann zwar eine Studienberechtigung, aber keine Studienbefähigung in der Tasche. In manchen Fächern führt das zu Abbrecherquoten von mehr als fünfzig Prozent im Studium.

          Daran wird die von vielen herbeigesehnte Zentralisierung der Schulpolitik im Bund nichts ändern; im Gegenteil. Wenn die Länder mit hohen Ansprüchen an das Abitur die anderen nicht dazu zwingen, das Niveau zu steigern, wird es beim Abwärtstrend bleiben. Warum tun sich nicht bestimmte Länder zusammen und drohen mit der Aufkündigung der gegenseitigen Anerkennung der Abiturleistungen? Das würde manche Ausreißer womöglich rasch zur Räson bringen. Doch dazu scheint der Mut zu fehlen. Dasselbe gilt für die Lehrergewinnung. Die Lehramtsanwärter zählen inzwischen häufig zu den Studenten, die in der Wissenschaft nicht weiterkämen. Das war einmal anders. Deshalb muss die Politik Anreize für den Lehrerberuf schaffen und darf Vertretungslehrer nicht über den Sommer kündigen. So wird auch noch der Gutwilligste vergrault.

          Heike Schmoll

          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

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          Quelle: F.A.Z.

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