06.08.2006 · Nach den jüngsten schwachen Umfragewerten der Union wächst die Kritik an der Kanzlerin in den eigenen Reihen. Kaum bestreitbar ist, daß sie in ihren öffentlichen Auftritten oft den richtigen Ton verfehlt. Doch Angela Merkel führt das Land auf ihre Weise. Eine Analyse von Thomas Schmid.
Von Thomas SchmidFrankfurt. Nähern wir uns ihr und ihrem Problem über den Umweg der Rhetorik. Eine gute Rednerin ist Angela Merkel nicht. Wenn sie emphatisch wird, klingt das so: „Dieses Land braucht nicht Politik als Stückwerk. Dieses Land braucht Politik aus einem Guß. Darum geht es am Anfang des 21. Jahrhunderts.“ Derlei müßte nicht schaden. Es geht auch ohne die Kunst der Rede, Konrad Adenauer etwa hat das bewiesen. Doch Angela Merkels angestrengter Umgang mit der Sprache könnte Ausdruck eines tiefer liegenden Problems sein: des Problems, daß sie die richtige und zugleich die falsche Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland ist.
Man weiß längst, daß sie eine mit vielen Wassern gewaschene Taktikerin ist, deshalb ist es ratsam, ihren Worten nicht blind zu glauben. Und doch hat ihre öffentliche Sprache einen einzigartigen Ton: Sie ist Mühe, Nahkampf und oft auf fast rührende Weise um Ausdruck bemüht. Und nicht politisch. Das mag mit der Herkunft aus Pfarrhaus und DDR, mit der naturwissenschaftlichen Ausbildung, mit der Geschwindigkeit der Karriere zu tun haben. Jedenfalls zeigt es, daß Angela Merkel den geschäftigen Alltagston ebensowenig will oder kann wie den der Volkstribunin. Die Rednerin Angela Merkel steht sich beim Reden selbst im Weg.
Rüttelrede an die Stehenden
Einmal, es ist fast drei Jahre her, hat sie den Selbstaufschwung versucht. Da hatte sie sich davon überzeugt, daß Deutschland ein Sanierungsfall ist, daß das Land radikaler Reformen bedarf und die auch möglich sind. Sie sah die Chance, aus dem altbundesrepublikanischen Trott herauszutreten, ins Freiere. Am 3. Oktober 2003, am Tag der Deutschen Einheit, versuchte sie in einer langen Rede im Deutschen Historischen Museum zu Berlin ihr Publikum davon zu überzeugen, daß wir alle mehr können: „Wohlstand für alle. Gelingen kann das, wenn wir zwei einfach anmutende, aber anspruchsvolle Regeln beachten: Wir müssen mehr für Deutschland tun. Und: Jeder muß bei sich selbst anfangen.“ Angela Merkel sprach wie Deutschlands Trainerin oder auch Therapeutin, und sie griff dabei mitunter - ohne Furcht, das Komische zu streifen - ins lyrische Fach: „Wohin gehst du, Deutschland?“ sagte sie zu Anfang. „Davon kann eigentlich keine Rede sein. Unser Land steht. Wo stehst du, Deutschland? Warum stehst du, Deutschland?“ Im Kern war ihre Rüttelrede, die die Stehenden zum Gehen überreden sollte, ein leidenschaftliches Plädoyer für den Vorrang der Freiheit und dafür, daß die verklebten Deutschen doch endlich den Wert dieses höchsten Guts der westlichen Welt erkennen mögen.
Wenn sie fortan, bis in ihren noch immer radikal tönenden Bundestagswahlkampf 2005, eine neue Gründerzeit beschwor, dann hatte das durchaus Tempo. Man spürte, daß sie da von ihrer eigenen zweiten Gründerzeit, ihrer persönlichen Eroberung des Westens und seiner Möglichkeiten, inspiriert war. Und mancher dachte sich: Vielleicht muß ein Aufbruch aus bundesrepublikanischer Befindlichkeit gar nicht in ein unverantwortliches Sozialzerstörungswerk münden; vielleicht kommen wir doch noch auf den Geschmack der Freiheit, und es entsteht ein modern-patriotisches Momentum, ganz im Sinne eines Gedichtes von Robert Gernhardt, das den Titel trägt „Einer schreibt der Berliner Republik etwas in Stammbuch“:
Erstmals sind die Älteren
nicht per se schon Täter.
Erstmals heißt es: Macht erst mal,
bilanziert wird später.
Erstmals sind die Jüngeren
nicht per se schon Richter.
Erstmals schreckt das Kainsmal nicht
älterer Gesichter.
Erstmals müssen alle ran,
Turnschuhe wie Krücken.
Glückt's nicht, sind wir alle dran,
ergo muß es glücken.
Die Reden bekamen etwas Gouvernantenhaftes
Doch dazu war Angela Merkels Redekunst dann doch nicht schwungvoll genug, und es wurde im Laufe der Monate, die auf den Bundestagswahlkampf zuliefen, nicht besser, im Gegenteil. Ihre Ruckreden bekamen etwas Gouvernantenhaftes, sie waren mitunter zu spitz, zu schrill, und die Rednerin schien nicht (mehr) zu bemerken, daß nur der Deutschland ungestraft wie eine Person anreden darf, der dieses an Schiller gemahnende Holperpathos mit Witz, Ironie und understatement zu verbinden versteht.
Das gelang ihr aber nicht. Ihre Rede bekam, im Gegenteil, zunehmend etwas Klobiges, ihr Gründerzeitaplomb wirkte fast wilhelminisch. „Lassen Sie uns verabreden, daß wir tatsächlich Schluß damit machen, zuerst mit dem Finger auf die anderen zu zeigen“: Schien sie eben noch in der Lage zu sein, leichthin und für alle so verständlich wie wünschenswert einen neuen Gesellschaftsvertrag zu skizzieren, der mehr als eine antiquierte Metapher wäre, so begann sie nun zu scheuchen. Ihre Rede von der Freiheit verlor das Freie, sie wurde plötzlich erdenschwer. Und dann entdeckte Angela Merkel „die Menschen“. Irgendwann hielt sie keine Rede mehr, in der diese - wie Fremde - nicht vorkamen.
Die Bürgerferne der Angela Merkel
Als sie vor 13 Monaten im Bundestag vor der Vertrauensabstimmung sprach, die das Ende der rot-grünen Jahre einleitete, war sie nicht mehr die angriffslustige, selbstgewisse Angreiferin, die wußte, daß den Deutschen mehr zuzumuten ist als mehr vom Gleichen. Halb oppositionelle Angreiferin, halb schon Staatsfrau sprach sie tönend und hohl vom hohen Sockel. Der Regierung Schröder warf sie vor, sie habe es, in sich selbst verstrickt, „niemals geschafft, den Menschen draußen die Notwendigkeit der Veränderungen in der Gesamtheit zu erklären“. Fortan waren „die Menschen“, die in keiner ihrer Reden mehr fehlen, eine ferne Spezies: Wir hier drinnen, ihr da draußen. Ihre Rede bekam etwas Maternalistisches, auch etwas Anmaßendes, zumindest Naseweises. Ihre Menschen - du und ich können da nicht gemeint sein.
Diese Bürgerferne der Angela Merkel, die im kleinen Kreis aufmerksam und präzise ist, wiegt um so schwerer, als sie nach der Bundestagswahl ziemlich genau das Gegenteil von dem tut, was sie wollte. Sie und andere reden das mit der allfälligen Bemerkung klein, die große Koalition als einzig realistische Regierung mache größere Sprünge nun einmal unmöglich. Abgesehen davon, daß sie die große, breite Koalition als anspruchsvolle „Koalition neuer Möglichkeiten“ gepriesen hat: Es schadet der Politik auch in den abgebrühten Zeiten der Postpostmoderne, wenn nach Tische nichts mehr von dem zu erkennen ist, was vor Tische für unverzichtbar galt - von der Flat Tax bis zum wirklichen Umbau des Sozialstaats.
Verlorene Unbefangenheit
Angela Merkel hat ihre Unbefangenheit, die aus vielen Fotos der frühen Politikerin spricht, nicht retten können. Das ist ihre Schuld, vermutlich eine Folge von großem Ehrgeiz, der oft ein Nachbar der Indifferenz wird. Es ist aber mehr noch Schuld der Verhältnisse, wie man früher gesagt hätte. Angela Merkel konnte nur CDU-Vorsitzende und dann sogar Kanzlerin werden, weil es die alte Union nicht mehr gab. Anfangs schien es, als verdanke sie ihren kometenhaften Aufstieg nur der riesigen Verwirrung, in welche Kohls Spendenaffäre den Männerverein Union gestürzt hatte. Heute sieht man, daß sie nicht nur von diesem historischen Zufall profitierte. Die protestantische, kinderlose Naturwissenschaftlerin aus dem Osten Deutschlands repräsentiert durchaus schlüssig Zustand und Dilemma der Union.
Diese war einmal so etwas wie die Gründungspartei der Bundesrepublik. Sie hatte es - von ungeheuren wirtschaftlichen Wachstumszeiten unverschämt begünstigt - stets verstanden, allen fast alles zu geben oder zumindest so zu tun: Sie war konservativ und modern, fromm und bigott, wirtschaftskalt und kolpingsozial, autoritär und - siehe Kohls Telefonnetz - basisdemokratisch. Und in all dem: erzwestlich. Das ist sie nun nicht mehr. Die goldenen Zeiten sind vorbei, der gelungene Spagat auch. Die Dauerzustand gewordene wirtschaftliche Selbstblockade hat ebenso dazu beigetragen wie die sanfte Ostverschiebung der Bundesrepublik. Das Land ruht nicht mehr in sich, und das, was im Prinzip immer möglich und auch wahrscheinlich schien, ist fast unmöglich geworden: eine politische Mehrheit aus Schwarz und Gelb, aus zwei Honoratiorenparteien also. Wenn überhaupt eine neue Gründerzeit - dann kommt sie nicht mit den alten Akteuren.
Stets auf der Lauer nach Chancen
Weil ihr die Verluste an bundesdeutscher Wohligkeit nicht weh tun, war es vielleicht nur der Frau aus dem mecklenburgischen Städtchen Templin möglich, der CDU eine Roßkur zu verschreiben: weg von dem alten Versöhnungsschmus, weg von der alten abendländischen Rhetorik, weg von der verqualmten Parteien-Hinterzimmer-Romantik Kohlscher Provenienz, weg vom Rüttgerschen Arbeiterkitsch - hin zu einer illusionslosen, im Grunde nicht mehr metaphysisch illuminierten Politik des Machbaren, die ganz dem Augenblick und dessen Chancen verhaftet ist. Zu einer Politik, die stets auf der Lauer nach Chancen und - meist vergeblich - nach neuen Wählerpotentialen liegt. Zu einer Politik, die sich schnell den jeweiligen Neusprech der jeweils aktuellen Moden anverwandelt.
Gut verkörpert wird diese Politik etwa von Angela Merkels Staatsministerin Hildegard Müller, die gern Sätze wie diesen dahersagt: „Natürlich kann jeder für sich Werte beanspruchen.“ Hinter solch einfältigem Gerede steht vielleicht eher Not als Chuzpe. Der alte Unionsgeist reicht nicht mehr, um Mehrheiten zu gewinnen. Also versucht man, anderswo anzudocken - und gibt damit vielleicht die wenigen verbliebenen Reste des längst ohnehin unscharfen Profils der Union auf. Man bricht zu neuen Ufern auf, ohne große Hoffnung. In einer unbürgerlich gewordenen Gesellschaft will die Bürgerpartei CDU nun auch ein bißchen unbürgerlich werden. Dafür steht Angela Merkel: die Kanzlerin, die nicht so konnte wie sie wollte. Und die die Bürger, nicht „die Menschen“, einmal für durchaus belastbare Wesen hielt.
Wir brauchen keine Redner, sondern Macher!
Wilhelm Friedrich (WillyF)
- 06.08.2006, 15:51 Uhr
Blender
Julius Franzot (JFranzot)
- 06.08.2006, 17:42 Uhr
Treffend ernüchternd
John Schäfer (waldgaenger1401)
- 06.08.2006, 17:57 Uhr
Politik aus einem Guß ist das Gegenteil von Demokratie
A. Ro-Nori (Steuerzahler)
- 06.08.2006, 20:00 Uhr
Weniger ist manchmal mehr
Alexander Dillenburg (Dillenburg1)
- 07.08.2006, 14:21 Uhr