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Die neue Bescheidenheit am Nürburgring

21.03.2010 ·  Das Freizeit- und Geschäftszentrum in der Eifel hat sich zur schwersten Hypothek der Regierung Kurt Becks entwickelt. Ein neuer Geschäftsführer und ein neues Konzept sollen das ändern. Von Thomas Holl

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NÜRBURG, im März

Gleich an seinem ersten Arbeitstag als neuer Geschäftsführer hat Hans-Joachim Koch den Chefparkplatz abgeschafft. Seit vergangenem Dezember darf jeder der 238 Mitarbeiter der Nürburgring GmbH sein Auto auf der einst streng reservierten Parkfläche abstellen. Und auch andere Privilegien, die sein vom Aufsichtsrat fristlos gekündigter Vorgänger Walter Kafitz für sich beanspruchte, hat Koch sofort beendet. So verzichtet er auf Chauffeur und Dienstlimousine. Selbst die aus seiner Sicht für eine Firma dieser Größe "überdimensionierten" Büroräume des früheren Nürburgring-Chefs Kafitz hat Koch nicht bezogen.

Die neue Bescheidenheit, die seit der Berufung des 52 Jahre alten Managers Ende November 2009 in dem landeseigenen Unternehmen Programm ist, dürfte ganz im Sinne des rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten Kurt Beck und seines für den Nürburgring verantwortlichen Wirtschaftsministers Hendrik Hering (beide SPD) sein. Denn das Freizeit- und Geschäftszentrum an der legendären Formel-eins-Rennstrecke in der Eifel produziert seit Monaten fast nur noch Negativschlagzeilen. Nicht genug, dass sich im Mainzer Landtag auf Druck der Opposition von CDU und FDP ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss mit der Anfang Juli 2009 spektakulär gescheiterten Finanzierung des Vorhabens durch Privatinvestoren und einen windigen Schweizer Finanzmakler befasst - eine politische Pleite, die kurz vor der Eröffnung der neuen Nürburgring-Attraktionen Mitte Juli auch den Kopf des dafür verantwortlichen Finanzministers und Beck-Vertrauten Ingolf Deubel (SPD) kostete.

Weitaus gefährlicher für die politische Zukunft Becks und seiner Partei ist mit Blick auf die Landtagswahl am 27. März 2011 die immer noch unsichere wirtschaftliche Zukunft des ambitionierten Infrastrukturprojekts, das die meisten Arbeitsplätze in der Region bietet. Auch hier will die Opposition von CDU und FDP bis zur Wahl mit kritischen Fragen im Untersuchungsausschuss, in dem Beck an diesem Dienstag zum ersten Mal als Zeuge vernommen wird, Druck machen. Seine Partei werde die "gigantische Verschwendung" von Steuergeldern das ganze Jahr über zum Thema machen, kündigte der CDU-Landes- und -Fraktionsvorsitzende Christian Baldauf an. Das fängt aus seiner Sicht schon bei den Baukosten an, die innerhalb von vier Jahren von 215 auf 350 Millionen Euro geradezu explosionsartig gestiegen sind. Wirtschaftsminister Hering gestand nun ein, dass es "gravierende Fehler" in der Bauplanung gegeben habe, die zu "Fehleinschätzungen" bei den Baukosten führten.

Immerhin sieht man an den gewaltigen Ausmaßen der neu errichteten Gebäude, wohin die vielen Steuermillionen geflossen sind. Der überdachte "Boulevard", parallel zur Zuschauertribüne der Rennstrecke gebaut, ist eine riesige, langgestreckte Halle mit glänzenden Granitböden. Von der weitläufigen Eingangshalle aus flanieren die Besucher über eine Strecke von gut 350 Metern an elegant gestalteten "Showrooms" und "Stores" verschiedener Sportautomarken wie Ferrari vorbei. Neben dieser Flaniermeile, in der sich in den Wintermonaten unter der Woche indes nur wenige Besucher verirren, soll eine Veranstaltungsarena für Judomeisterschaften oder Gastspiele des Musicals "Abba The Concert" Umsatz machen.

Herzstück des Freizeitparks, von dem die chronisch defizitäre und vom Land betriebene Rennstrecke finanziell profitieren soll, ist das "ringwerk". Das Multimedia-Center soll mit zahlreichen Attraktionen rennsportbegeisterte Familien in einem Einzugsgebiet von etwa 200 Kilometern zu einem Ausflug in die Eifel locken - am liebsten gleich für mehrere Tage in eines der Hotels oder ins neue Feriendorf. Geboten werden in der Mischung aus Museum und Erlebnispark etwa die Original-Boliden, mit denen Michael Schumacher oder Mika Häkkinen Formel-eins-Weltmeister wurden. Doch die Hauptattraktion, die Achterbahn "ringracer", ist seit einem Unfall im vergangenen Sommer bei einer Testfahrt mit mehreren verletzten Passagieren außer Betrieb. Die von einer Spezialfirma für Hochgeschwindigkeits-Fahrgeschäfte gelieferte Achterbahn sollte Adrenalinsüchtige innerhalb von 2,5 Sekunden mit einer Geschwindigkeit von 217 Stundenkilometern nach vorne katapultieren. Damit wäre der elf Millionen Euro teure "ringracer" die schnellste Achterbahn der Welt. Nach etlichen Sicherheitsüberprüfungen und Nachjustierungen bei der Software soll nun im Sommer der kommerzielle Betrieb wiederaufgenommen werden. Bis dahin bekommt jeder zahlende erwachsene Gast des "ringwerks" eine Eintrittskarte in Höhe von 19,50 Euro umsonst dazu, solange der "ringracer" defekt ist.

Auch angesichts solcher Pannen bleiben die einst vom damaligen Geschäftsführer Kafitz aufgrund von Gutachten prognostizierten Zahlen von etwa 400 000 Besuchern im Jahr jenseits der Wirklichkeit. Sein Nachfolger Koch, zuvor Finanzchef in der Nürburgring GmbH, nennt deutlich realistischer anmutende Zahlen. Mit dem "ringracer" als Magneten werde man auf etwa 170 000 Besucher im Jahr kommen. Seit der Eröffnung im Sommer 2009 seien etwa 50 000 Besucher im "ringwerk" gewesen. In den bitterkalten Monaten Januar und Februar verliefen sich dort sogar nur etwa 3000 Tagestouristen.

Der neue Geschäftsführer Koch, der anders als der 1994 auch über SPD-Kontakte ins Amt berufene Kafitz auf 25 Jahre Managementerfahrung in internationalen Unternehmen verweisen kann, will zwar Fehler aufarbeiten, aber ansonsten "den Blick nach vorne richten". Die "Erlebniswelt Nürburgring" endlich wirtschaftlich machen soll dabei eine Betriebsstruktur mit neuen Partnern aus der Hotel- und Gastronomiebranche. In einer Art Befreiungsschlag hatte Ministerpräsident Beck Anfang Dezember 2009 zusammen mit der Entlassung von Kafitz und der Berufung Kochs den Besitzer der Lindner-Hotelgruppe, Jörg Lindner, als neuen Partner der Nürburgring GmbH in einer gemeinsamen Betriebsgesellschaft vorgestellt. Mit an Bord bei dem "Zukunftskonzept" ist auch der noch vom damaligen Finanzminister Deubel zum Nürburgring geholte Düsseldorfer Projektentwickler und Eigentümer der Firma Mediinvest, Kai Richter. Der vom Land seinerzeit als der gewünschte Privatinvestor bejubelte und inzwischen stark umstrittene Richter hatte 2007 als Hauptanteilseigner die "Motorsport Resort Nürburgring GmbH" (MSR) gegründet. Mit wenig eigenem Geld und der Zusage auf einen Bankenkredit von etwa 60 Millionen Euro baute Richters Firma für die Lindner-Hotelgruppe als Betreiber ein Vier-Sterne-Kongress-Hotel, ein Feriendorf mit 100 Häusern und ein Erlebniseifeldorf namens "Grüne Hölle" mit angeschlossener "Party-Zone". Als mit Beginn der Finanzkrise zugesagte private Kredite ausblieben, halfen die landeseigene Förderbank ISB und eine Tochtergesellschaft der MSR von Richter immer wieder mit Darlehen aus, um einen Baustopp am Ring zu verhindern. Mittlerweile sollen mit Steuergeldern abgesicherte Kredite in Höhe von etwa 85 Millionen Euro in Richters Ring-Projekten stecken. Zusammen mit dem Hotel-Unternehmer Lindner, der die Führung übernimmt, soll Richters Firma in der Betreibergesellschaft nun für den Freizeit- und Gastronomieteil der Nürburgring-Erlebniswelt zuständig sein. Laut einem vom Wirtschaftsministerium in Auftrag gegebenen Gutachten sollen die abgespeckten Besucherzahlen dennoch ausreichen, damit die Betreibergesellschaft so viel Pacht an das Land abführt, damit Zinsen und Abschreibungen für die mit öffentlichen Krediten errichteten Gebäude gedeckt werden können.

Auf den Nürburgring-GmbH-Chef Koch kommen nun schwierige Monate zu. Bis zum Sommer soll ein unterschriftsreifer Vertrag über die Gründung der neuen Betriebsgesellschaft mit rund 500 Beschäftigten vorliegen. Die Nürburgring GmbH soll in das neue Privatunternehmen neben dem Großteil der Gebäude auch ihr Wissen bei der Ausrichtung von Motorsportveranstaltungen einbringen. Ihr Hauptpfund ist natürlich das im Wechsel mit Hockenheim alle zwei Jahre stattfindende Formel-eins-Rennen "Der Große Preis von Deutschland". Im Juli 2011 werden auch dank des Comeback-Versuchs Michael Schumachers wieder Hunderttausende zum Ring pilgern. Als Preis für das 2009 zuletzt ausgerichtete Rennen war von deutlich mehr als 20 Millionen Euro die Rede - eine Summe, bei der das Land trotz der Besuchermassen ein Defizit von mehreren Millionen Euro machte. "Die Formel eins hat natürlich eine hohe Attraktivität. Die Frage heißt jedoch: Wo liegt die finanzielle Schmerzgrenze?", sagt Koch. Wichtiger sei die Aufgabe, den "Mythos Nürburgring" zu bewahren. "Wenn der Mythos einmal am Rutschen ist, kriegt man ihn nicht wieder hin." Zudem muss Koch seine quasi-öffentlich bediensteten Mitarbeiter in ein privates Unternehmen überführen und integrieren. "Die größte Gefahr besteht darin, dass dabei verschiedene Unternehmenskulturen aufeinanderprallen und nicht miteinander harmonieren."

Ausgebootet in dem neuen Unternehmenskonzept fühlt sich übrigens der ADAC. Der größte deutsche Automobilclub und Veranstalter großer Motorsportveranstaltungen auf der Rennstrecke sieht seine Rechte durch "die Privatisierung des Nürburgrings an branchenfremde Dritte" massiv beeinträchtigt. So schreibt es der ADAC-Vorsitzende Peter Meyer in einem Brief an Beck und Hering und droht darin sogar mit Regressansprüchen und der Verlagerung von Veranstaltungen.

Uneingeschränkt zuversichtlich beurteilt derweil Kurt Beck das Projekt Nürburgring, das immer mehr auch mit seinem Namen verbunden ist: "In fünf, sechs Jahren wird man sagen: Gut, dass ihr damals diese Entscheidung getroffen habt."

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