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Die Nachfolger-Suche Den Gauck nicht vor dem Abend loben

Bevor sie im Kanzleramt scheinbar einträchtig nebeneinander saßen, hat die Suche nach einem Nachfolger für Christian Wulff die Koalition in die Nähe des Abgrunds geführt. Die FDP werde für ihr Verhalten noch zahlen müssen, heißt es in der Union.

© dapd Vergrößern Tappen durch die Dunkelheit: Philipp Rösler, Horst Seehofer und Angela Merkel verlassen das Kanzleramt nach Beratungen (Foto vom 17. Februar)

Spät am Abend war es gewesen, als Angela Merkel den Auserwählten am Telefon erreichte. Im Taxis saß Joachim Gauck, der frühere DDR-Bürgerrechtler, soeben aus Wien gelandet. Frau Merkel fragte ihn nach seinen Schilderungen, ob er für eine Kandidatur für das Amt des Bundespräsidenten bereit sei. Er war es – und er war es wohl gerne. Sodann wurde für den späten Abend zu einer Pressekonferenz in das Bundeskanzleramt eingeladen.

Dort tagten die Spitzen der Parteien und Fraktionen einer übergroßen Koalition: CDU, CSU, SPD, FDP, SPD und Grüne. Frau Merkel und Sigmar Gabriel, der SPD-Vorsitzende, hatten Gauck bei der Präsentation in ihre Mitte genommen, als wollten sie dokumentieren, sie beide seien die entscheidenden Akteure des Abends gewesen. Würdigungen für Gauck. Gabriel legte Wert auf den Umstand, den Theologen schon vor zwei Jahren an Christian Wulffs Stelle für das Präsidentenamt vorgeschlagen zu haben. Von der „Idee der Freiheit“, die Gauck verkörpere, sprach Frau Merkel. Sie tat so, als sei sie zufrieden, obwohl sie doch den ganzen Tag über gegen ihn zu wirken versucht hatte – vergeblich, wie sich am Abend dann erwies. „Dieser Mann kann uns Impulse geben“, sagte sie.

Frau Merkel setzte ein fröhliches Lächeln auf

Nachdem sämtliche Parteivorsitzende gesprochen hatten, war Gauck an der Reihe. Ein besonderer Tag sei es für ihn. Es sei gut, dass bei allem Streit alle Parteien zueinander gefunden hätten. Doch sprach er auch von der Verwirrung der eigenen Gefühle, und er bat – beinahe wie früher einmal Christian Wulff – darum, ihm seine ersten Fehler „gültig“ zu verzeihen. Nun aber fühle er sich eingeladen, und geehrt, und tief in der Nacht werde er sich dann wohl auch freuen. Und er nannte es wichtig, dass Frau Merkel ihm Vertrauen entgegenbringe. Die Kanzlerin setzte ein fröhliches Lächeln auf.

Der Sonntag aber hatte anders ausgesehen, und manche in der Koalition nannten deren Lage überaus ernst. Am Mittag noch hatte es in der FDP Gedankenspiele gegeben, welche die Realitäten in der schwarz-gelben Koalition offenlegten. Gesetzt den Fall, ist am Sonntag, ehe die Partei- und Fraktionsvorsitzenden von CDU, CSU und FDP sich zu einer dritten Gesprächsrunde beim Schwächsten der drei Partner trafen, gesagt worden, Angela Merkel (CDU) und Horst Seehofer (CSU) hätten Philipp Rösler (FDP) dazu gebracht, den ehemaligen Bischof Wolfgang Huber als Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten zu unterstützen. Gesetzt den Fall, dann wäre etwa folgende Besprechungsrunde der maßgeblichen FDP-Politiker gefolgt: Rösler sagt, wir unterstützen Huber. Wolfgang Kubicki, Spitzenkandidat in Schleswig-Holstein und damit wahrscheinlich wichtigster der FDP-Wahlkämpfer dieses Jahres, fragt spitz, warum denn nicht gleich Joachim Gauck, wenn denn schon ein evangelischer Geistlicher es machen solle. Rösler erwidert, das geschehe aus Gründen der Koalitionsräson, weil Gauck für die Union unzumutbar sei. Kubicki könnte sich erregen und rufen, die FDP müsse in der Koalition endlich einmal eine eigene Statur beweisen, gerade weil sie in einem Zustand der Schwäche sei. Sie müsse sich endlich einmal durchsetzen. Rösler, heißt es, hätte dann ein Problem mehr. Ergo wurde in der FDP versichert, Huber komme für sie nicht in Betracht.

Beratungen über Wulff-Nachfolge Unfreundlicher Akt? Rainer Brüderle hatte sich schon vor dem Präsidiumsbeschluss im Fernsehen für Joachim Gauck als künftigen Bundespräsidenten … © dpa Bilderstrecke 

Am Sonntagnachmittag wurde das Gedankenspiel Wirklichkeit. Von 13 Uhr bis fast 15 Uhr berieten die Spitzen der drei Koalitionsparteien. Immer neue Vorschläge wurden seitens der Union gemacht. Dann aber verließen Rösler und der FDP-Fraktionsvorsitzende Brüderle die Runde. Ihnen sei, so wurde das beschrieben, der „Kragen“ geplatzt. Nach draußen hin in der Öffentlichkeit würden Angela Merkel und Horst Seehofer sagen, es solle eine parteiübergreifende Lösung und mithin ein parteiunabhängiger Kandidat gefunden werden. In Wirklichkeit aber würden von der Union nur Vorschläge gemacht, die entweder für die FDP oder für die Oppositionsparteien untragbar seien. Die FDP-Führung rief die Präsidiumsmitglieder zur Telefonschaltkonferenz zusammen. Einstimmig wurde beschlossen, die Vorschläge der Union, den früheren Umweltminister Töpfer (CDU) und den vormaligen EKD-Ratsvorsitzenden Wolfgang Huber, abzulehnen. Einstimmig sprach sich das Präsidium für Joachim Gauck aus. Nur für den Fall, dass die Union dazu „nein“ sage, sei die FDP-Spitze zu weiteren Gesprächen mit der Union bereit. Der Fall trat ein. Die Union sagte nein zu Gauck. Gegen 16 Uhr saßen die zu Gegnern gewordenen Koalitionspartner wieder im Kanzleramt beisammen.

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