Home
http://www.faz.net/-gpf-yvsg
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Die Methode Merkel Eine neue Form des Charismas

Angela Merkel ist überall. Oder: Die Zeit der Polarisier scheint in allen Parteien abgelaufen. Wie sonst wäre zu erklären, dass Olaf Scholz - der „Anti-Guttenberg“ - als Kanzlerkandidat gelten kann?

© Der Medienkanzler und die Pragmatikerin vor der Kanzlergalerie im Bundeskanzleramt

Vorbei ist die Phase der Zampanos in der Politik, in den Parteien, in den Regierungen. Vorbei sind die Zeiten der verbalen Kraftmeiereien, die dem Betrieb der Medien Futter gegeben haben. Die großen Auftritte im Bundestag, auf Parteikongressen und im Fernsehen gehören der Vergangenheit an. Den bunten Blättern mangelt es an schillernden Figuren aus dem politischen Milieu. Der (vermeintliche) Unterhaltungswert der Politik ist gegen Null gesunken. Es herrschen die Fachleute und die Pflichtbewussten. Angela Merkel ist überall. Die Pfarrerstochter aus Mecklenburg-Vorpommern hat alle und alles überstanden. Sie ist die Ausprägung eines neuen Typs, der das politische Personal insgesamt kennzeichnet. Niemand würde die Bundeskanzlerin als Medienstar bezeichnen - so wie einst Gerhard Schröder als Medienkanzler bezeichnet wurde. Derlei Maßstäbe gehören der Vergangenheit an. Dereinst mögen sie wiederkehren. Heute aber hat sich der Politiker, will er in Amt und Würden bleiben, im öffentlichen Auftritt klein zu machen und sein politisches Profil niedrig zu halten.

Günter Bannas Folgen:

Das Verschwinden von Karl-Theodor zu Guttenberg ist - unabhängig von den Gründen seines Rücktritts - kennzeichnend. Bis vor wenigen Wochen noch erschien der Bundesminister der Verteidigung als CSU-Vorsitzender in spe, Ministerpräsident in spe, Bundeskanzler in spe. Illustrierte Zeitschriften und die Boulevardpresse hatten ihn populär gemacht. Er schien unangreifbar. Nun wird in den Reihen der Union über ihn gesprochen, als werde über graue Vergangenheit geredet, und der Eindruck wird vermieden, als sei ihm nachzuweinen. Restliche Erinnerungen wurden von den Folgen des Tsunami in Japan weggespült.

Mehr zum Thema

Guido Westerwelles Schicksal fügt sich ins Bild. Was Guttenberg für die CSU war, war Westerwelle für die FDP. Konsequenterweise konkurrierten die beiden um die Rolle des Zweiten im Bundeskabinett und um die Wortführerschaft in Fragen der internationalen Sicherheitspolitik. Nicht zwei Jahre ist es her, da war Westerwelle stark wie nie. Er trat als Kapitän auf, der zugleich Steuermann war. Er schien unverzichtbar und mithin unangreifbar. Er beherrschte die Klaviatur des öffentlichen Auftretens - als Debattenredner im Bundestag und als Rhetoriker auf Parteitagen. Nun sagen seine Parteifreunde, beliebt sei Westerwelle eigentlich nie gewesen. Sein an Gegner und Medien gerichteter Ruf „Ihr kauft mir den Schneid nicht ab“ wirkt in der Rückschau wie der Ruf eines trotzigen Kindes. Westerwelle kann froh sein, wenn sie ihn bis zum Ende der Wahlperiode als Außenminister aushalten.

TOP 1 Quer Angela Merkel Charisma © dpa Vergrößern

Heftigste Personaldebatten blieben aus

Nicht einmal die Niederlage ihrer Partei in Baden-Württemberg aber konnte Angela Merkel etwas anhaben, das ihre Führungspositionen in CDU und Regierung gefährden würde. Im Herbst noch waren in den eigenen Reihen für diesen Fall heftigste Personaldebatten angekündigt worden - bis hin zu Ankündigungen, dann werde in der Fraktion ein Ruf wie Donnerhall nach Guttenberg erschallen. Nichts dergleichen geschah. Nicht in der Parteiführung, nicht in der Bundestagsfraktion, nicht in der CDU und nicht in der Schwesterpartei. Keine Debatte gab es, wie es dazu kommen konnte, dass die CDU binnen eines Jahres die Regierungsmacht in Nordrhein-Westfalen, Hamburg und Baden-Württemberg verlieren konnte. Die Kanzlerin blieb, als wäre nichts gewesen.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
()
Permalink

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Griechische Schuldenkrise 56 Unionsabgeordnete wollen gegen drittes Hilfspaket stimmen

Die Abgeordneten von CDU und CSU haben gezeigt, wie sie am Mittwoch über neue Milliarden-Hilfen für Griechenland abstimmen wollen. Das Stimmungsbild ist für Kanzlerin Merkel wenig erbaulich. Mehr

18.08.2015, 21:38 Uhr | Politik
Berlin Merkel: Es geht um Europa als Schicksalsgemeinschaft

Der Deutsche Bundestag hat die Lage um Griechenland debattiert. Bundeskanzlerin Angela Merkel sprach von Europa als Schicksalsgemeinschaft. Mehr

01.07.2015, 15:51 Uhr | Politik
Migration Bouffier erwartet eine Million Asylsuchende

Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier zieht die Prognose der Bundesregierung über die zu erwartenden Flüchtlingszahlen in Zweifel. Er spricht von einer Herausforderung, die Deutschland noch auf Jahre fordern werde. Mehr

29.08.2015, 11:36 Uhr | Politik
Bundestag Lammert ermahnt Merkel

Bundestagspräsident Norbert Lammert hat Bundeskanzlerin Angela Merkel zur Ordnung gerufen, weil sie sich während der Debatte über die Verfassungsschutzreform zu laut unterhielt. Mehr

03.07.2015, 15:22 Uhr | Politik
Flüchtlinge Bundesland im Krisenmodus

Angesichts der hohen Zahl von Asylbewerbern läuft in Baden-Württemberg einiges schief. Da werden Flüchtlinge geschickt, ohne den Bürgermeister zu informieren. Einwände der Kommunen finden wenig Rücksicht. Mehr Von Rüdiger Soldt, Donaueschingen

19.08.2015, 07:23 Uhr | Politik

Veröffentlicht: 18.04.2011, 10:16 Uhr

Hell und Dunkel

Von Jasper von Altenbockum

Das Wort vom „Dunkeldeutschland“ hat weder Hilfsbereitschaft noch Aufnahmekapazitäten wachsen lassen, sondern ideologische Gräben. Die verlaufen mitten unter Demokraten. Mehr 721