http://www.faz.net/-gpf-yvsg
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 18.04.2011, 10:16 Uhr

Die Methode Merkel Eine neue Form des Charismas

Angela Merkel ist überall. Oder: Die Zeit der Polarisier scheint in allen Parteien abgelaufen. Wie sonst wäre zu erklären, dass Olaf Scholz - der „Anti-Guttenberg“ - als Kanzlerkandidat gelten kann?

von , Berlin
© Der Medienkanzler und die Pragmatikerin vor der Kanzlergalerie im Bundeskanzleramt

Vorbei ist die Phase der Zampanos in der Politik, in den Parteien, in den Regierungen. Vorbei sind die Zeiten der verbalen Kraftmeiereien, die dem Betrieb der Medien Futter gegeben haben. Die großen Auftritte im Bundestag, auf Parteikongressen und im Fernsehen gehören der Vergangenheit an. Den bunten Blättern mangelt es an schillernden Figuren aus dem politischen Milieu. Der (vermeintliche) Unterhaltungswert der Politik ist gegen Null gesunken. Es herrschen die Fachleute und die Pflichtbewussten. Angela Merkel ist überall. Die Pfarrerstochter aus Mecklenburg-Vorpommern hat alle und alles überstanden. Sie ist die Ausprägung eines neuen Typs, der das politische Personal insgesamt kennzeichnet. Niemand würde die Bundeskanzlerin als Medienstar bezeichnen - so wie einst Gerhard Schröder als Medienkanzler bezeichnet wurde. Derlei Maßstäbe gehören der Vergangenheit an. Dereinst mögen sie wiederkehren. Heute aber hat sich der Politiker, will er in Amt und Würden bleiben, im öffentlichen Auftritt klein zu machen und sein politisches Profil niedrig zu halten.

Günter Bannas Folgen:

Das Verschwinden von Karl-Theodor zu Guttenberg ist - unabhängig von den Gründen seines Rücktritts - kennzeichnend. Bis vor wenigen Wochen noch erschien der Bundesminister der Verteidigung als CSU-Vorsitzender in spe, Ministerpräsident in spe, Bundeskanzler in spe. Illustrierte Zeitschriften und die Boulevardpresse hatten ihn populär gemacht. Er schien unangreifbar. Nun wird in den Reihen der Union über ihn gesprochen, als werde über graue Vergangenheit geredet, und der Eindruck wird vermieden, als sei ihm nachzuweinen. Restliche Erinnerungen wurden von den Folgen des Tsunami in Japan weggespült.

Mehr zum Thema

Guido Westerwelles Schicksal fügt sich ins Bild. Was Guttenberg für die CSU war, war Westerwelle für die FDP. Konsequenterweise konkurrierten die beiden um die Rolle des Zweiten im Bundeskabinett und um die Wortführerschaft in Fragen der internationalen Sicherheitspolitik. Nicht zwei Jahre ist es her, da war Westerwelle stark wie nie. Er trat als Kapitän auf, der zugleich Steuermann war. Er schien unverzichtbar und mithin unangreifbar. Er beherrschte die Klaviatur des öffentlichen Auftretens - als Debattenredner im Bundestag und als Rhetoriker auf Parteitagen. Nun sagen seine Parteifreunde, beliebt sei Westerwelle eigentlich nie gewesen. Sein an Gegner und Medien gerichteter Ruf „Ihr kauft mir den Schneid nicht ab“ wirkt in der Rückschau wie der Ruf eines trotzigen Kindes. Westerwelle kann froh sein, wenn sie ihn bis zum Ende der Wahlperiode als Außenminister aushalten.

TOP 1 Quer Angela Merkel Charisma © dpa Vergrößern

Heftigste Personaldebatten blieben aus

Nicht einmal die Niederlage ihrer Partei in Baden-Württemberg aber konnte Angela Merkel etwas anhaben, das ihre Führungspositionen in CDU und Regierung gefährden würde. Im Herbst noch waren in den eigenen Reihen für diesen Fall heftigste Personaldebatten angekündigt worden - bis hin zu Ankündigungen, dann werde in der Fraktion ein Ruf wie Donnerhall nach Guttenberg erschallen. Nichts dergleichen geschah. Nicht in der Parteiführung, nicht in der Bundestagsfraktion, nicht in der CDU und nicht in der Schwesterpartei. Keine Debatte gab es, wie es dazu kommen konnte, dass die CDU binnen eines Jahres die Regierungsmacht in Nordrhein-Westfalen, Hamburg und Baden-Württemberg verlieren konnte. Die Kanzlerin blieb, als wäre nichts gewesen.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Vor Landtagswahlen Wie die Linkspartei ihre Wähler an die AfD verliert

Die Linkspartei verliert viele Wähler an die AfD – und wird sie kaum zurückgewinnen. Weltoffenheit, Toleranz und Nutzung rechtsextremer Codes, diese Kombination funktioniert nicht.  Mehr Von Mechthild Küpper, Berlin

28.06.2016, 15:12 Uhr | Politik
Nach Brexit-Entscheidung EU und Briten bereiten Scheidung vor

Sechs Tage nach der Brexit-Entscheidung bereiten die EU und Großbritannien immer konkreter ihre Trennung vor. Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte nach einem Gespräch der 27 EU-Regierungen mit dem britischen Premierminister David Cameron in Brüssel, die Entscheidung sei nicht mehr rückgängig zu machen. Mehr

29.06.2016, 16:26 Uhr | Politik
Bonner Entscheidungsprozesse Als sich Helmut Kohl noch beraten ließ

Helmut Kohls innerparteiliches Frühwarnsystem basierte darauf, Personen und Strömungen in- und auswendig zu kennen. Bis tief in Kreis- und Ortsverbände der CDU hatte er Gefolgsleute sitzen. Mehr Von Hanns Jürgen Küsters

20.06.2016, 10:04 Uhr | Politik
Nach Brexit-Referendum Merkel stellt Großbritannien auf harten Kurs der EU ein

In einer Regierungserklärung vor dem Bundestag hat Angela Merkel deutlich gemacht, dass sich Großbritannien auf harte Verhandlungen mit der EU einstellen muss. Nach dem EU-Referendum werde es keine Rosinenpickerei für das Vereinigte Königreich geben. Die EU sei stark genug, um den Austritt Großbritanniens zu verkraften, betonte sie im Bundestag. Mehr

28.06.2016, 16:19 Uhr | Politik
Sichere Herkunftsstaaten Kretschmann verspricht Zustimmung

Baden-Württembergs Ministerpräsident schert mit seiner Entscheidung aus der Linie der Grünen aus. Der erzielte Kompromiss sei ausreichend. Andere Grüne feiern hingegen die Verlegung der Abstimmung. Mehr

17.06.2016, 11:36 Uhr | Politik

Gefährliche Rebellion

Von Peter Sturm

Großbritannien braucht auch eine funktionierende, starke Opposition. Doch die Labour Party ist gerade dabei, sich selbst zu zerstören. Das muss auch den europäischen Kontinent beunruhigen. Mehr 22 9