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Die Grünen Weg vom Speck

 ·  Die Grünen suchen nach Gründen, Grün zu wählen - und finden mit der Tierhaltung ein altes Motiv aus ihrer Anfangszeit. Zupass kommt ihnen, dass eine Novelle des Tierschutzgesetzes ansteht.

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Dass sie Wasser predigten, aber Wein tränken, wollen die Grünen sich nicht vorwerfen lassen, also fehlt Fleisch auf dem Mittagsbuffet im hannoverschen Alten Rathaus, wo die Bundestagsabgeordneten der Grünen am Donnerstagvormittag intensiv über „Wege aus der industriellen Massentierhaltung“ beraten haben. Auch später, zum gemeinsamen Abendessen, liegt dann nur Gemüse und Fisch auf den Anrichte-Platten. Zweihundert Bürgerinitiativen gebe es schon, die gegen „Agrarfabriken“ und industrielle Fleischerzeugung zu Felde zögen, berichten einige Abgeordnete strahlend - das zeige doch, wie sehr dieses Thema im Kommen sei.

Die Grünen suchen in Hannover nach neuen Gründen, Grün zu wählen; zumindest holen sie alte Motive, die im Schatten des wirksamen Mottos „Atomkraft - Nein Danke“ lagen, wieder hervor und versuchen, sie zum Glänzen zu bringen. Der Widerstand gegen Legebatterien und nicht artgerechte Tierhaltung sei ja „schon lang“ ein Thema der Grünen gewesen, sagt die Fraktionsvorsitzende Renate Künast - das trifft besonders auf sie selbst zu, die in der rot-grünen Bundesregierung vor zehn Jahren als Landwirtschaftsministerin schon die „Agrarwende“ versuchte. Künast sieht in dem Tierhaltungsthema ein „Alleinstellungsmerkmal, wo wir dranbleiben“.

Das ist auf die grüne Partei gemünzt, die an ihrem Profil feilt, es gilt in diesen Tagen aber genauso gut für Frau Künast: Sie konkurriert mit ihrem Vorsitzendenkollegen Jürgen Trittin, mit der Parteivorsitzenden Claudia Roth und der stellvertretenden Bundestagspräsidentin Katrin Göring-Eckardt um einen der zwei ausgelobten Spitzenkandidatenplätze der Grünen zur Bundestagswahl (noch vier weitere Bewerber aus der Kommunalpolitik haben sich zur Urwahl angemeldet). Das Tierhaltungsthema ergab sich erstens, weil die Grünen nach dem Atomkraft-Ausstieg (von dem sie zwar beteuern, er sei längst nicht unumkehrbar, und bleibe daher als Thema erhalten) neue politische Kampagnen konzipieren müssen, zweitens aber auch, weil der Gesetzgebungskalender der Bundesregierung ihnen eine entsprechende Chance bot: Die Novelle des Tierschutzgesetzes steht auf der Tagesordnung des Bundestages.

In den Chancen und Risiken, die zur Beilage des Tierhaltungsthemas gehören, kennt nicht nur Frau Künast sich aus. Dem Vorwurf, sie verteuerten am Ende nur die Nahrungsmittel Wurst und Fleisch, worunter dann ärmere Familien besonders litten, begegnen mehrere Abgeordnete mit gesellschaftsnostalgischen Bildern: Warum es denn nicht wieder so wie früher werden könne, zum Beispiel. „Sonntags der Braten auf dem Tisch, und Montags noch die Reste in der Suppe.“ Flankierend hilft die Sprache: nicht von „Bauern“, sondern von „Investoren“ oder „Agrarunternehmern“ spricht die Fraktionsvorsitzende, wenn sie auf die Fleischerzeuger zielt. Sie spricht von der „Enteignung des ländlichen Raumes“, weil „das internationale Kapital die Bodenpreise völlig verdirbt“. Solche Gegensätze zwischen traditionell und industriell, zwischen Familienbauernhof und Industrietierfabrik könnten auch manche Bauern von der CDU weg und hin zu den Grünen treiben, hofft Frau Künast; in Baden-Württemberg seien jedenfalls die Stimmanteile der Partei gerade auf dem Land bei den jüngsten Wahlen drastisch gestiegen.

900 Tonnen Antibiotika würden an Tiere verfüttert

Auf die Konsumenten in den Städten zielen andere Begriffe - „Respekt vor dem Tier“ - und weitere Zahlen: 300 Tonnen Antibiotika würden in Deutschland im Jahr von Menschen aufgenommen, an Tiere hingegen würden 900 Tonnen verfüttert - da sei die Zeit doch einfach reif für massive Veränderungen in der Tierhaltung.

Auch Trittin findet in Hannover seine Profilierungsthemen auf der Tagesordnung: Finanzen, Verteilung, Vermögen. Er beklagt die „ungerechte Vermögensverteilung“ in Deutschland und probiert Sätze aus wie: „Der Konzentration des privaten Reichtums steht die Verarmung öffentlicher Institutionen gegenüber.“ Vielerorts sei der Staat nicht mehr in der Lage, „Straßen und Brücken zu erhalten“; es herrsche eine „dramatische Unterfinanzierung“, ja eine „wachsende Diskrepanz zwischen dem Wachstum der Privatvermögen und der öffentlichen Unterfinanzierung“. Die Frage der „Verteilungsgerechtigkeit“ sei „nicht gelöst“, lehrt Trittin. Seine Kandidatenkollegin Künast wurde in Hannover gefragt, ob die Konkurrenz um die Spitzenkandidaturen nicht wie ein bloßes Schaulaufen wirke, ein Profilierungswettbewerb von politischen Anführern, die sich inhaltlich kaum unterschieden? Mindestens sei es wie beim Eiskunstlauf, gab sie zur Antwort; es gebe zwei Wertungen. Bei der A-Note müssten jetzt die Parteimitglieder beurteilen, „wie man springt und aufkommt, und B ist dann die Eleganz“.

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Jahrgang 1962, politischer Korrespondent in Berlin.

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