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Die Grünen Trau keinem über dreißig!

12.01.2010 ·  In den 30 Jahren ihres Bestehens waren die Grünen erneuerungsfähig genug, um auch selbstverschuldete Niederschläge zu überstehen. Einzigartige Zutaten ließen sie zu einem Erfolg werden - doch die Grünen schleppen noch ein Stück unaufgearbeiteter Vergangenheit mit sich herum.

Von Stephan Löwenstein
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Die Grünen sind noch in jenem jugendlichen Alter, in dem man Fünf-Jahres-Schritte als kleine Jubiläen feiert. Jetzt begehen sie das dreißigste: Am 12. Januar 1980 wurde auf einem Kongress in Karlsruhe die Bundespartei der Grünen gegründet. Einige der Altvordern haben moniert, dass die eigentliche Geburtsstunde der Grünen schon 1979 geschlagen habe, als sie mit einem wahrnehmbaren Ergebnis aus der ersten Direktwahl zum Europäischen Parlament hervorgegangen waren. Doch drei Prozent und mehr der Wählerstimmen hat auch bei anderen Wahlen schon so manche Splitterpartei errungen, ohne sich so dauerhaft zu etablieren wie die Grünen. Es waren einzigartige Zutaten, die diese Neuerscheinung im politischen Spektrum zu einem Erfolg haben werden lassen.

Da war zum einen die Breite der Bewegungen, aus denen sich die Grünen gebildet haben. Ihr Personal reichte von linksextremistischen Achtundsechzigern bis hin zu bürgerlichen oder auch konservativen Persönlichkeiten, die aus der Umweltbewegung oder aus Bürgerinitiativen gegen Atomkraftwerke kamen.

Apokalyptischer Absolutheitsanspruch

Die Altrevolutionäre hatten (teilweise) eine Phase des Sektierertums hinter sich, dessen potentielle Menschenverachtung sich beispielhaft in einem Ergebenheitstelegramm einer maoistischen „K-Gruppe“ an die Völkermörder von Kambodscha widerspiegelte. Immer noch erscheint es befremdlich, dass der damalige Absender später in ministeriellen Stäben die deutsche Politik mitgestalten sollte oder dass der einstige Straßenschläger „Joschka“ Fischer Außenminister der Bundesrepublik werden konnte. Wer hört, wie mancher frühere Angehörige solcher K-Gruppen heute eine politische Situation klar, nüchtern und nicht humorfrei analysiert, kann sich den Widerspruch zu dem verquasten und verbissenen Zeug, das damals geschrieben und offenbar geglaubt wurde und das eine fatale Nähe zum linksextremen Terrorismus hatte, kaum erklären. Gewiss ist jeder Fall anders. Doch will es scheinen, als schleppten die Grünen da - trotz einer zu Regierungszeiten geführten Debatte - noch ein Stück unaufgearbeiteter Vergangenheit mit sich herum. Es wird von der Entwicklung der Partei zeugen, ob der Anstoß zu einem solchen Aufarbeitungsversuch aus den Reihen der Grünen selbst kommen wird.

Kommentar: Die Grünen werden 30 Jahre alt

Offensichtlich hat die neue Partei von dem Macht- und Organisationswissen dieser Leute profitiert. Es kann kein Zufall sein, dass so viele von ihnen später hohe Partei- und Staatsämter in Bund und Ländern eroberten. Allein mit Bürgerbewegten wäre die Partei wahrscheinlich bald im eigenen Chaos erstickt. Umgekehrt haben die bürgerlich bewegten Basisströmungen so viel Bedeutung behalten und Überzeugungskraft entwickelt, dass sich die Partei zur Mitte hin bewegen konnte.

Hinzu kam in der Gründungszeit jene tief emotionalisierte Strömung, die sich als Friedensbewegung verstand und besonders nach dem Nato-Doppelbeschluss der Parteineugründung ihren Schwung weitergab. Dass diese Bewegung teils von der DDR manipuliert wurde und zumindest in ihrem apokalyptischen Absolutheitsanspruch vom Verlauf der Geschichte widerlegt wurde, hat die Partei der Grünen erstaunlich gut verkraftet. Das gilt auch für die verheerende und potentiell vernichtende Niederlage bei der Bundestagswahl nach der Wiedervereinigung, als alle von der Einheit redeten, nur die Grünen vom Wetter - und darauf auch noch stolz waren.

Die Grünen waren robust und erneuerungsfähig genug, um diesen selbstverschuldeten Niederschlag zu überstehen. Ihr Glück war, dass sie mit der Gruppe „Bündnis 90“ einige bemerkenswerte Persönlichkeiten im Bundestag hatten, die ihnen als ostdeutsche Stellvertreter eine gewisse Kontinuität im Parlament sicherten. Von denen ist kaum einer mehr dabei. Auch viele Bürgerbewegte der Gründungszeit sind längst in den Hintergrund gerückt. Das ist die Kehrseite der Professionalisierung der Grünen, wie auch der manchmal erbarmungslose Verschleiß an Führungspersonal die Kehrseite der Vielgestaltigkeit war. Dabei kam ihnen zugute, dass sie nie von einer einzigen charismatischen Führungsfigur abhängig waren.

Variierende Koalitionen zeugen von Stärke

Den tiefsten Einschnitt aber markierte nicht ein Misserfolg, sondern die Beteiligung an der rot-grünen Bundesregierung von 1998 bis 2005. Die Grünen konnten dort, vor allem in der Gesellschaftspolitik, einige ihrer Vorstellungen durchsetzen. Doch wurde die Partei auch in eine Realpolitik gezwungen, die so nicht einmal ihr „realpolitischer“ Flügel vorgedacht hatte.

Die Distanzierung von manchen dieser Entscheidungen in der folgenden Oppositionszeit ist wahrscheinlich ein unvermeidlicher Prozess. Manche Ernüchterung hat den Grünen geholfen, sich von der Verbindung mit einem „rot-grünen Projekt“ zu lösen. Dass sie nunmehr in Ländern von Rot-Grün über Schwarz-Grün bis zu „Jamaika“ in den verschiedensten Farbkombinationen regieren, zeugt von ihrer Stärke. Ob sie ausreicht, sich einer abermaligen Lagerbildung zu entziehen, wird eine der spannenden Fragen der kommenden Jahre sein.

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Jahrgang 1968, politischer Korrespondent in Berlin.

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