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Die Grünen Keine Chance gegen Captain Atom

25.10.2009 ·  Protest muss heute schnell gehen, bequem sein oder zumindest Spaß machen. Weil die Grünen das nur bedingt bieten können, geraten sie bei ihrer einstigen Stammklientel zunehmend ins Hintertreffen.

Von Marie Katharina Wagner, Münster
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Eine Gruppe junger Menschen steht vor dem Hauptbahnhof und zieht weiße Schutzanzüge über grellbunte Kleidung. Im Gesicht haben sie große Sonnenbrillen und asymmetrische Pony-Frisuren, auf der Ladefläche eines Lastwagens wummern Boxen. Das Internet-Bündnis „Campact“ hat aufgerufen zur „Endlagersuche“, einer Protestaktion gegen den Ausstieg aus dem Ausstieg aus der Atomkraft. Wären da nicht die bekannten Symbole, man könnte glauben, hier bereiteten sich Techno-Anhänger auf eine Party vor. Dann ergreift „Captain Atom“ das Wort, ein junger Mann in hautengem Glitzeranzug und mit weißem Schutzhelm. Er spricht durch eine Flüstertüte: „Ich verteile jetzt die Kassettenrekorder an die mobilen Einsatzkommandos. Wenn Ihr Play drückt, dann spielen sie Geigerzählergeräusche ab. Wer von Euch nicht mehr weiß, wie Kassetten funktionieren, der fragt einfach die Alten.“

Die Alten stehen da, wo man sein Wort noch verstehen kann. Von dort schielen sie herüber zu den bunten Jugendlichen, zu dem selbst beklebten Lastwagen mit der Aufschrift „Atomtransport“. Man sieht ihnen an, dass sie selten an solchen Aktionen teilnehmen, dass sie von früher vielleicht Anderes gewöhnt sind, aus Wyhl, Brokdorf oder Wackersdorf. Geblieben von damals ist das Logo – die lachende, rote Sonne auf gelbem Grund, darüber der Spruch „Atomkraft? Nein Danke“. Sonst aber ist alles anders. Noch nicht einmal mehr „Demo“ nennt sich das, was in Münster passiert. Auf der Internetseite von „Campact“ kann man die „Tour“ der Endlagersuche durch 13 deutsche Städte im Tourblog nachverfolgen wie ein Popkonzert.

In Münster ziehen die Demonstranten den ganzen Tag durch die Stadt, gefolgt vom Lastwagen mit der Musikanlage. Mit ihren Kassettenrekordern und überdimensionalen Lupen tun sie so, als seien sie Nuklearwissenschaftler auf der Suche nach einem geeigneten Endlager für Atommüll. Zwei grellgrün gekleidete Greenpeace-Aktivisten laufen mit, ein betagtes Mitglied des globalisierungskritischen Bündnisses „Attac“ schwingt eine Fahne, die blutrote Warnweste einer Demonstrantin verkündet stolz: „Die Linke ist da!“ Nur von den Grünen, die einst von Menschen wie denen in Münster gegründet wurden, ist weit und breit keine Spur.

„Wir haben ein längeres Gedächtnis als die Partei“

Kurz nach der Bundestagswahl verkündeten die Grünen, nun wieder mehr mit Umweltorganisationen und sozialen Bewegungen zusammenarbeiten zu wollen. Das hatten sie auch 2005 schon getan, als sie frisch in die Opposition zurückgekehrt waren. Seitdem haben sie viel versucht, um sich den außerparlamentarischen Aktivisten, die sich in den sieben rot-grünen Regierungsjahren enttäuscht abgewandt hatten, wieder anzunähern. Zuletzt wurden bekannte Leute von Nichtregierungsorganisationen abgeworben, wie Sven Giegold von Attac oder Barbara Lochbihler von „Amnesty international“, die inzwischen beide für die Grünen im Europaparlament sitzen. Bloß hat sich in den vergangenen Jahren nicht nur die Partei, sondern auch die sozialen Bewegungen um sie herum verändert. Fleisch vom Fleische sind sie längst nicht mehr.

Campact und „Ausgestrahlt“, zwei der größten Internet-Bündnisse gegen die Atomkraft, wollen generell möglichst wenig mit Parteien zu tun haben. Und wenn, dann sind die Grünen nicht mehr die einzige Option. Jochen Stay, Gründer von Ausgestrahlt, sagt mit Frohlocken in der Stimme, heute gebe es im Bundestag schließlich drei atomkritische Parteien. Dabei hat die Linkspartei gegenüber Grünen und SPD den Vorteil, dass sie an dem unter Atomgegnern verhassten Atomkonsens zwischen Regierung und Energieversorgern nicht beteiligt war.

Spätestens seit 1998 ist die Beziehung zwischen den Grünen und ihrem außerparlamentarischen Umfeld zu einer Hassliebe geworden. Jochen Stay fasst das so zusammen: „Früher war Jürgen Trittin in Gorleben mit uns auf der Straße. 1998 wurde er Umweltminister und hat die Demos verboten. Jetzt will er wieder mit uns demonstrieren. Aber wir haben ein längeres Gedächtnis als die Partei.“ Mit den Globalisierungsgegnern verscherzten es sich die Grünen spätestens 2007, als die Parteiführung einen Demonstrations-Aufruf gegen den G-8-Gipfel in Heiligendamm nicht unterzeichnen wollte. Oskar Lafontaine hatte seinen Namen längst unter das Papier gesetzt.

Seit Jahren dümpelt die Grüne Jugend, die Jugendorganisation der Partei, bei einer Mitgliederzahl von etwa 7000 vor sich hin. Der Altersdurchschnitt aller Grünen-Mitglieder liegt bei 46 Jahren. Campact dagegen existiert seit fünf Jahren und hat mittlerweile knapp 180 000 Adressen im eigenen E-Mail-Verteiler, über den Aktionen wie die Endlagersuche organisiert werden. Ausgestrahlt erreicht mit seinen Mails 20.000 Sympathisanten. Überhaupt wimmelt es im Internet vor Aktionsbündnissen, Mailing-Listen, Blogs und Facebook-Gruppen für alle möglichen grünen Themen, für die Rettung des Regenwalds, der Wale und Delfine, für das Klima oder gleich allumfassend für eine bessere Welt. Und Online-Petitionen, die man mit einem Mausklick unterzeichnen kann, schießen wie Pilze aus dem Boden des Web 2.0. „Viele junge Leute wollen sich eben gezielt für ein Thema und für kurze Zeit engagieren“, sagt Malte Spitz, der mit 25 Jahren im Bundesvorstand der Grünen sitzt und zuvor drei Jahre lang politischer Geschäftsführer der Grünen Jugend war. Klassische Parteiarbeit müsse diese Möglichkeiten heute auch anbieten.

Aber die Parteien kommen spät mit dieser Einsicht, das Internet hat auf das Bedürfnis nach unverbindlicher Anteilnahme schon vor langem reagiert. Inzwischen ziehen die Parteien und auch klassische Nichtregierungsorganisationen wie Greenpeace nach – sie alle bieten jetzt Portale an, auf denen man „Aktionen planen“, „sich vernetzen“ oder „aktiv werden“ kann, ohne Mitglied zu werden. Engagement funktioniert so ohne zähe Versammlungen in muffigen Kneipen, ohne Aktenberge, Schwarzbrottermine und den mühsamen Marsch durch die Institutionen, dafür in wenigen Minuten und von zuhause aus.

Auch Campact schaffe „einfache Beteiligungsmöglichkeiten für Menschen mit wenig Zeit“, sagt Christoph Bautz, einer der Gründer des Bündnisses. Viele Menschen seien heute „nicht mehr mit Haut und Haaren politisch“. Ihre Bereitschaft, sich in Gruppen zu engagieren, habe abgenommen. Also schuf Bautz nach amerikanischem Vorbild „Campact“, eine Mischung aus „Campaign“ und „Action“. Um die Leute zu mobilisieren, müssten die Aktionen „niedrigschwellig“ sein, sagt er. Das heißt, dass niemand etwas mitbringen muss zu den Demonstrationen, dass für alles gesorgt ist, für die Kostümierung, für Getränke und Musik. Argumente und Parolen kann sich jeder vorher im Internet unter der Rubrik „5-Minuten-Info“ durchlesen, zu Themen wie Atomkraft, Erneuerbare Energien, Exportsubventionen, Gentechnik. Immer, wenn Themen in der Gesellschaft „skandalisierungsfähig“ sind, nimmt die Organisation sie auf, testet das Erholungspotential der Anhänger durch E-Mail-Fragebögen und beginnt dann, sich öffentlichkeitswirksame Events auszudenken. Dann müssen die Leute nur noch kommen.

„Wir wollen uns nicht vereinnahmen lassen“

Zur größten Anti-Atomkraft-Aktion der vergangenen Monate, einer traditionellen Demonstration, kamen im September mehrere Zehntausend Menschen in Berlin zusammen. Aufgerufen hatten alte und neue Umweltorganisationen, darunter Campact. Auch die Grünen wollten dabei sein, schließlich war es nicht mehr lange bis zur Bundestagswahl. Ein paar Spitzenpolitiker der Grünen hätten gerne Reden gehalten, sagt Bautz. Aber die Veranstalter hätten sich dagegen entschieden, „in der Tagesschau wäre sonst nur Jürgen Trittin gezeigt worden“. Immerhin waren Parteiflaggen erlaubt, und über der Masse wogte ein Meer aus grünen Fahnen. In Münster, bei der Endlagersuche, herrscht Flaggenverbot für Parteien. Christoph Bautz sagt: „Wir wollen uns nicht vereinnahmen lassen.“

Die Grünen geben ihre Annäherungsversuche indes noch nicht auf. Von einer Spaltung zwischen Partei und Straßenprotest will Malte Spitz nichts wissen. Seine Partei könne die Aktionen der Organisationen schließlich auch auf andere Weise unterstützen als durch Reden, etwa durch materielle oder logistische Hilfe. Und natürlich würden sie weiterhin mit protestieren, auch ohne Fahnen.

Am Abend erreicht der Protestzug in Münster den Domplatz. Dort ist eine Diskussionsveranstaltung mit Politikern aus dem Wahlkreis geplant – Ruprecht Polenz (CDU) ist da und auch die Grünen-Abgeordnete Bärbel Höhn. Auf einem Spezialwaffeleisen werden Waffeln gebacken, auf denen das Sonnen-Logo eingebacken ist. Aber jetzt, wo es inhaltlicher wird, etwas trocken vielleicht auch, weil ja nun die Profipolitiker sprechen, jetzt schlägt die Stunde der Älteren, die bis zum Ende bleiben und aufgebracht mit den Politikern diskutieren. Die Jugendlichen sind müde, sie schälen sich aus ihren Anzügen und gehen. Die Aktion ist vorbei, sie haben sich engagiert. Vielleicht sind sie beim nächsten Tour-Stop wieder dabei. Vielleicht interessiert sie dann aber schon etwas ganz anderes.

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Jahrgang 1981, Redakteurin in der Politik.

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