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Veröffentlicht: 03.12.2012, 10:38 Uhr

Die CDU und die Stadt Mit dem Weihnachtsbaum gegen die Bionadebourgeoisie

Während die Grünen einen postmaterialistischen Lebensstil bedienen, hat die Union die Großstadt verlernt. Ein Ortsbesuch in Frankfurt.

von
© Schmitt, Felix Nicht mehr nah dran: Die CDU hat in den Großstädten ein Problem - vor allem in jüngeren, alternativen Vierteln wie dem Frankfurter Nordend.

Es ist ein feierlicher Augenblick im Frankfurter Gallusviertel: Dr. Matthias Zimmer legt den Schalter einer Mehrfachsteckdose um. Der Bundestagsabgeordnete hat den Weihnachtsmarkt des von seinen Bewohnern wegen seiner Ranzigkeit innig geliebten Viertels eröffnet. Der Baum leuchtet, der CDU-Mann lächelt, und Apfelweinkönigin Melanie I. friert.

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Ein Pflichttermin für Zimmer, denn zwischen den wenigen Büdchen haben sich die Multiplikatoren des Quartiers versammelt: der Vorsitzende des Gewerbevereins, der Vorsitzende des Karnevalsvereins „Die Kameruner“ und Würstchen bratende Mitglieder des Sportvereins. Auch der politische Gegner schläft nicht: Gregor Amann von der SPD ist ebenfalls da. Ihm hat Zimmer 2009 den Frankfurter Wahlkreis 182 abgenommen. 2013 will Amann sein Land zurück.

Eine Viertelstunde später sitzt Zimmer ein paar Schritte weiter in einer türkischen Grillstube und wärmt seine Hände am heißen Schwarztee. Mit Blick auf seine Partei machen ihm weniger die SPD, sondern vielmehr die Grünen Sorgen. Sie fahren nicht nur im Gallus mit seinen vielen Einwanderern regelmäßig hervorragende Ergebnisse ein, sondern auch in gutsituierten Vierteln Frankfurts wie dem Nordend. „Bionadebourgeoisie“ nennt Zimmer dieses Phänomen. Je mehr Leute in Städte ziehen, desto größer wird das Problem für die CDU. Verlorene Wahlen in den Metropolen Hamburg, Stuttgart und Frankfurt sind für Zimmer nur die Symptome einer kulturellen Sprachlosigkeit seiner Partei. Die Union hat die Großstadt verlernt.

Klassische CDU-Themen wirken nicht mehr

Mit einem Kollegen hat Zimmer deshalb das Papier „Die CDU in der Großstadt“ verfasst: Der Beitrag hat einiges Aufsehen erregt und dazu beigetragen, dass Zimmer immer stärker die Rolle eines Vordenkers einer modernen Großstadt-CDU zugeschrieben wird. Der Politologe meißelt seine Begriffe aus dem Steinbruch der Geistesgeschichte heraus. Er blickt auf die Plastiktischdecke und zitiert Hegel: „Ist das Reich der Ideen erst revolutioniert, hält die Wirklichkeit nicht stand.“ Übertragen auf die CDU soll das heißen: Die Grünen bedienen das Lebensgefühl jener Schichten, die sich mit ihren schönen Gehältern einen postmaterialistischen Lebensstil leisten können und Zeit für die Segnungen einer „öffentlich subventionierten Dienstleistungsgesellschaft“ haben. Die klassischen CDU-Themen Sicherheit und Wirtschaft wirken hingegen in einer „saturierten Gesellschaftsordnung“ mehr und mehr selbstverständlich. „Wir dürfen als CDU nicht zufrieden sein mit unserer Fähigkeit, Probleme zu lösen“, fordert Zimmer. „Wir müssen zeigen, dass wir die Probleme auch emotional verstehen.“ Zu oft wirkten Unionspolitiker wie kalte Technokraten. Statt sich um ein konservatives Image zu mühen, sollte die Partei die emotional wärmenden Quellen des Christentums wieder nach vorne stellen.

Die imaginäre Party der Buchmesse findet am Kiosk im Turm an der Frankfurter Galluswarte statt. © Pilar, Daniel Vergrößern Und wen wählen Sie? An der Frankfurter Galluswarte

Selbstredend sind Zimmers Empfehlungen auch als Beitrag zum innerparteilichen Richtungsstreit zu verstehen. Zimmer vertritt die CDA, die Christlich-Demokratisch Arbeitnehmerschaft. Diesen linken Flügen sieht er nach Jahren schwindenden Einflusses wieder in der Vorhand: „Seit dem Leipziger Parteitag 2005 ist das Neoliberale wieder schwächer geworden.“ Zimmer wünscht, dass die Union sich als „Anwalt der kleinen Leute“ darstellt, die gut entlohnte Arbeitsplätze nicht nur fordert, sondern auch schafft.

Zimmer unterbricht sich selbst und merkt auf: Aus dem Radio der Dönerbude tönt die Nachricht, dass Merkel sich kurz vor dem Parteitag gegen die Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften ausgesprochen hat. Der Familienvater Zimmer gehört zu den 13 Unionsabgeordneten, die eine Gleichstellung fordern. Denn konservativ heißt für ihn, dass die Menschen Eigenverantwortung und eine stabile Perspektive bekommen. Das gilt für Homosexuelle - genauso wie für die Bewohner des Gallusviertels. 2000 Wohnungen werden dort neu gebaut. Er werde sich dafür einsetzen, dass „das Gallusviertel seinen unverwechselbaren Charme behält“, hat Zimmer ihnen auf dem Weihnachtsmarkt versprochen.

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Quelle: wahlrecht.de
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