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Deutschtürken im Zwiespalt : „Ich liebe Erdogan!“

Der türkische Staatspräsident Erdogan spaltet mit seinem Verfassungsreferendum die Deutschtürken. Bild: dpa

Immer mehr Deutschtürken werben für ein „Nein“ beim türkischen Verfassungsreferendum. Von Erdogan-Befürwortern werden sie im Netz und auf der Straße beschimpft.

          „Erdogan ist unser Präsident“, ruft ein junges Mädchen aufgebracht, „ich liebe Erdogan!“ Dann stürmt sie davon, eine Fußgängerzone in Frankfurt-Höchst herunter, und ruft dabei noch „Allahu akbar“. Hier, in einem Stadtteil mit 50 Prozent Ausländern, wirbt eine Gruppe junger Deutschtürken Mitte März dafür, beim Verfassungsreferendum am 16. April gegen die Ausweitung der Macht des Präsidenten zu stimmen. Einer von ihnen hat das schätzungsweise 14 Jahre alte Mädchen gerade noch gefragt, warum sie für Erdogan und den Ausbau seiner Macht sei. Die Antwort vor ihrem dramatischen Abgang lautete – beinahe kleinlaut, aber gleichzeitig aggressiv im Ton: „Meine Brüder und mein Vater sind alle für Erdogan. Sie könnten euch auch erklären, warum. Ich bin dafür noch zu jung.“

          Leonie Feuerbach

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft.

          Die Türkei ist gespalten dieser Tage. In Erdogan-Befürworter und -gegner, in Gülen-Anhänger und Kemalisten, in Kurden, Sunniten, Schiiten und Aleviten. Das färbt auch auf die Deutschtürken ab, von denen die meisten eine klare Meinung zum türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan haben und auch zu seinem Plan, die parlamentarische Demokratie in ein Präsidialsystem umzuwandeln. Rund 1,4 Millionen Menschen mit türkischer Staatsbürgerschaft dürfen in den 13 türkischen Konsulaten in Deutschland zwischen dem 27. März und dem 9. April ihre Stimme für oder gegen die Verfassungsänderung abgeben. In der Öffentlichkeit werden oft vor allem die gut organisierten und lauten Erdogan-Anhänger wahrgenommen. Dabei formiert sich unter den Deutschtürken auch immer mehr Widerstand gegen den geplanten Machtausbau des Präsidenten – im Internet, aber auch auf der Straße.

          Das Beispiel des wütenden Mädchens in Frankfurt-Höchst zeigt: Ein wirklicher Dialog zwischen Erdogan-Anhängern und -Gegnern kommt dabei kaum zustande. Wer sich dem Stand nähert, an dem Luftballons hängen, auf denen das türkische Wort für „nein“ steht, hat meist ohnehin schon vor, mit „hayir“ zu stimmen. Viele, die beim Referendum mit „evet“, mit „ja“, stimmen wollen, meiden den Stand. Andere Befürworter der Verfassungsreform fotografieren die jungen Leute, beschimpfen sie als „ehrlos“ oder als Vaterlandsverräter und verschwinden dann, ohne sich auf ein Gespräch einzulassen. Auch das junge Mädchen in Jeans und mit offenem langen Haar hatte die Gruppe zuerst fotografiert und Beschimpfungen wie „ihr Terroristen“ gerufen, bevor sie von jemandem aus der Gruppe angesprochen wurde.

          Bringen sich die Nein-Sager in Gefahr?

          Während einiger Stunden neben dem Kampagnen-Stand lassen sich die verschiedenen Positionen wie unter einem Brennglas beobachten: Eine Kurdin sagt, sie werde nicht abstimmen, denn am Ende würde so oder so ein „Ja“ verkündet werden. Und sie fürchtet, dass die Nein-Sager dann „aussortiert“ werden. Auch eine Anhängerin des Predigers Fethullah Gülen, den Erdogan für den Putschversuch vom vergangenen Juli verantwortlich macht, sagt, sie werde nicht zur Wahl gehen: Sie habe Angst, ihren Pass in einem türkischen Konsulat vorzuzeigen. Was, wenn der gleich einbehalten werde? Andere wissen gar nicht so richtig, worum es bei dem Referendum geht. Sie halten das Ganze für eine Abstimmung für oder gegen Erdogan.

          Junge Deutschtürken werben in Frankfurt-Höchst für ein „Nein“ beim türkischen Referendum zur Verfassungsänderung.
          Junge Deutschtürken werben in Frankfurt-Höchst für ein „Nein“ beim türkischen Referendum zur Verfassungsänderung. : Bild: privat

          Ein Siebzehnjähriger darf noch nicht wählen, würde aber mit „Ja“ stimmen: „Weil ich nicht will, dass die Türkei kaputt geht.“ Er hat die Argumentation des Erdogan-Lagers, dass ein Präsidialsystem Stabilität bedeute und viele andere Länder der Türkei diese Stabilität nicht gönnen, sondern sie ins Chaos stürzen wollen, verinnerlicht. Seine Mutter, mit der er gerade aus einem Supermarkt kommt, deutet gar an, die Proteste um den Gezi-Park seien 2013 von anderen Ländern gesteuert worden, um die Türkei zu schwächen.

          Die beiden und viele andere, die stehen bleiben und den Stand mit etwas Abstand kritisch beäugen, finden, in deutschen Medien werde nur schlecht über die Türkei berichtet – wobei Erdogans Politik meist als Synonym für das ganze Land angesehen wird. Bei einigen besteht auch das diffuse Gefühl, die negative Berichterstattung werde von irgendjemandem vorgegeben. Manche sagen, sie wüssten nicht von wem, manche aber auch: „vom Westen“ oder „von Amerika“.

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