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Deutschlands billigstes Krematorium Ein echtes Schnäppchen

 ·  Autoschieber klauen einen Transporter in der Nähe von Berlin. Mit an Bord: zwölf Tote. Eigentlich sollten die Leichname ins billigste Krematorium Deutschlands gebracht werden.

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© dapd Abgeladen: Die Särge stellten die Autodiebe in einem Wald bei Posen ab. Einen Sargdeckel hebelten sie etwas auf

„Wollen Sie drücken?“ Jörg Schaldach zeigt auf einen Knopf. Gedrückt. Die Ofentür ruckelt nach oben. Beim zweiten Knopfdruck setzt sich der Sarg in Bewegung. Er fährt auf einer Schiene zur Ofenöffnung. Davor geht ein Sprinkler an und sprüht Wasser, damit der Sarg nicht zu früh entflammt. Dann rein in den Ofen, wo bis zu 1300 Grad herrschen. Auf dem glühenden Rost bleibt der Sarg stehen und geht in Flammen auf. Die Tür schließt sich.

Auf der Rückseite des Ofens ist ein Guckloch. Heiße Luft strömt heraus. Der Sarg kracht nach sieben Minuten zusammen. Die Leiche liegt allein auf dem Rost, Flammen zuckeln drumherum. „Sehen Sie, wie sie langsam vergeht?“, fragt Schaldach. „Die wasserhaltigen Organe brauchen etwas länger.“ 35, höchstens 45 Minuten, dann ist es vorbei, Asche und Knochenreste fallen durch den Rost. Eine Etage tiefer landen sie in einer Schaufel.

Die Menschen haben Angst vor dem Tod

Schaldach steigt die schmale Treppe hinunter, die Räume sind eng, jeder Quadratmeter ausgenutzt. Er nimmt die Schaufel mit der Asche und stellt sie auf einen Tisch. Sie ist noch ganz warm. Die Luft ist stickig, auf den Lippen liegt Grillgeschmack. Schaldach nimmt ein Stück Knochenrest in die Hand: „Das Knie.“ Das Gold der Zähne bleibt beim Toten, nur das künstliche Hüftgelenk wird aussortiert, in einen Pappkarton mit anderen künstlichen Hüften, Kniegelenken und Herzschrittmachern, denen das Feuer nichts anhaben kann.

Ein Mitarbeiter macht die Urne schön. Sie ist federleicht, aus billigem Blech und wird aufgepeppt durch eine farbige Schrumpffolie, die um sie herumgelegt wird. In einen Küchenherd geschoben, backt die Folie sofort an der Urne fest. Die Urne ist jetzt marineblau. Die Asche wird hineingeschüttet, dann kommt sie ins Schließfach, wo sie entweder abgeholt oder per Post an den Friedhof geschickt wird. An der Wand hängen Pin-up-Kalender. Leichtbekleidete Frauen posieren an Särgen. Manchmal, erzählt Schaldach, hätten die jüngeren Mitarbeiter Probleme, wenn sie auf Brautschau gingen. Bestattungs- und Leichenwesen, das ist kein typischer Beruf, mit dem man Frauen imponiert.

Die Menschen haben Angst vor dem Tod, sagt Schaldach. Deswegen beschwerten sich Bürgerinitiativen, wenn ein Krematorium in ihrer Nachbarschaft gebaut werden soll. Und deswegen auch der Aufschrei, als kürzlich ein Transporter geklaut wurde, in dem zwölf Leichname lagen. Sie sollten zweihundert Kilometer weit zu Schaldach ins sächsische Meißen zum Einäschern gefahren werden. Da interessierten sich plötzlich alle für das Geschäft mit dem Tod. Bei Schaldach riefen Journalisten an und wollten wissen, was für ein Discounter-Krematorium er da leite. Und die Bestatterinnung in Berlin fand es nicht sehr würdevoll, dass Leichen in so hoher Zahl quer durch Deutschland gebracht würden. Das bringe die Branche in Verruf.

1000 Leichen pro Monat

Sammeltransporte seien schon immer üblich gewesen, sagt Schaldach, schon vor der Wende, als die Leichen von Ost nach West überführt wurden und umgekehrt. Und als nach der Wiedervereinigung in Berlin viele Krematorien saniert wurden, habe die Stadt die Toten zum Einäschern nach Brandenburg gekarrt: „in großen, grünen Lkws.“ Heute fahren Bestatter aus Hessen mit Särgen nach Thüringen und kehren mit Urnen zurück, und zwar meist mit mehreren gleichzeitig. Einzelfahrten sind zu teuer.

Der nächste Leichnam liegt schon im Feuer, gleichzeitig ein anderer im Ofen daneben. Zwei Öfen, alle 35 Minuten eine Einäscherung, das schafft niemand sonst in Deutschland. Die meisten können nur alle zwei Stunden einäschern. „Wir sind das schnellste Krematorium. Wer heute kommt, ist morgen schon in der Urne“, sagt Schaldach. Er lacht nicht. 188,90 Euro kostet die Einäscherung, inklusive Mehrwertsteuer, Kühlung und Leichenschau. Bei der Konkurrenz geht es ab 219 Euro los und endet bei 800 Euro.

200.000 Leichen habe er hinter sich gebracht, sagt Schaldach. 1000 pro Monat. In den vergangenen Jahren sind es immer mehr geworden. Sein Einzugsgebiet hat sich wie von selbst ausgeweitet, ohne, dass er viel dafür tun musste. Die Bestatter kamen von immer weiter angereist, aus Bayern, aus Niedersachsen und manchmal auch aus Hamburg. Konkurrenz im nahen Polen gibt es nicht, dort sind sie zu katholisch und hängen an der Erdbestattung. Und die Tschechen sind auch nur acht Euro billiger. Da lohnt die Fahrt nicht.

Jetzt liegen die Toten in der Gerichtsmedizin in Posen

Die Bestatter fahren meist noch vor Tagesanbruch los, um den Transport vor dem eigentlichen Tagesgeschäft zu erledigen. So auch das Fuhrunternehmen in Hoppegarten bei Berlin. Die Fahrer luden zwölf Särge ein, banden sie fest und gingen dann noch mal zurück ins Gebäude. Zum Händewaschen, wie sie sagen. Nichts wies auf einen Leichenwagen hin, der weiße Mercedes-Sprinter hatte keine Aufschrift. Das Gelände wird von mehreren Firmen genutzt. Etwa um fünf Uhr morgens knackte die Autoschieberbande den Wagen auf, dazu noch einen weiteren Sprinter und einen Pritschenwagen. Und fuhr los. Die Staatsanwaltschaft vermutet, die Diebe hätten erst später gemerkt, dass sie Leichen an Bord hatten. Eine Woche später fand man die Särge in Polen, eilig nebeneinander abgestellt im Wald. Ein paar Blätter lagen darauf, ein Sargdeckel war etwas aufgebogen. Die Polizei nahm drei Tatverdächtige fest. Es wird wegen Diebstahl im besonders schweren Fall ermittelt.

Jetzt liegen die Toten in der Gerichtsmedizin in Posen, wo sie identifiziert wurden und noch allerhand Bürokratie ansteht. Leichenpässe werden ausgestellt, aus Berlin reisten Rechtsmediziner an. Die Angehörigen müssen selbst dafür aufkommen, dass die Toten in den vorgeschriebenen Metallsärgen nach Deutschland zurückgebracht werden.

In Schaldachs Krematorium erwartet man die Leichname frühestens in einer Woche, einige sollen erst noch nach Berlin gefahren werden, um sie aufzubahren, weil die Angehörigen ein zweites Mal Abschied nehmen wollen. Oder sich nach der Irrfahrt vergewissern wollen, dass wirklich die verstorbene Mutter im Sarg liegt.

Oft zahlt das Sozialamt für die Beerdigung

Dass die Leichen eine Woche lang unterwegs waren, sei nicht weiter schlimm, sagt Schaldach. „Jetzt ist es schön kalt. Im Durchschnitt fünf Grad, also ideale Lagertemperatur, wie im Kühlschrank. Da hält sich das Fleisch am optimalsten.“

Schaldach steht in einem kalten Raum voller Särge. Die Deckel liegen nur lose darauf. Gerade war der Gerichtsmediziner da. Zweite Leichenschau. Er prüft, ob die Todesursache auf dem Totenschein auch stimmt. Manchmal entdeckt er einen Mord. Gleich auf dem ersten Sarg klebt ein Zettel: „gesperrt“. Die Todesursache war unklar, der Leichnam muss jetzt in Dresden untersucht werden. Alle anderen Särge sind freigegeben. In der Mitte des Raumes stehen ein paar besonders ärmliche Kisten, einfach zusammengezimmert aus Kiefernholz. Wie die Särge der zwölf gestohlenen Leichname. „Die hier sind auch aus der Stadt“, sagt Schaldach. „In Städten ist wenig Trauer.“ Und oft zahlt das Sozialamt für die Beerdigung.

In seinem winzigen Büro öffnet Schaldach einen Aktenschrank. Er nimmt ein Glas heraus, darin liegt ein weißer Knochen. Er gehörte einer Engländerin. Sie war der erste Mensch, der in Deutschland eingeäschert wurde. Neben dem Knochen steckt eingerollt das Titelblatt der Dresdner Nachrichten vom 10. Oktober 1874. Dort heißt es, die Engländerin habe diese Beisetzungsform verlangt: „Verbrennung durch heiße Luft“. Behörden und Wissenschaftler hätten dem Akt beigewohnt, „während jede andere Teilnahme mit Recht ausgeschlossen war“.

„Ich lebe in der Welt des 19. Jahrhunderts“

Im Regal daneben stehen russische Bücher, Schaldach hat in Moskau Verfahrenstechnik studiert. Danach leitete er ein Glaswerk, das nach der Wende geschlossen wurde. Die Stelle als Leiter des städtischen Krematoriums in Meißen wurde frei. Schaldach ist in einem Nachbarort aufgewachsen. Und Ofenbau war Teil seines Studiums. „Passt.“ Ein Bestatter wird nicht reich, aber er kann gut leben.

„Ich lebe in der Welt des 19. Jahrhunderts“, sagt er und blinzelt durch die Brillengläser. „Ich suche technische Lösungen mit normalen Materialien.“ Am Montagmorgen muss er einmal richtig anheizen, danach entsteht die Hitze durch chemische Prozesse. „Alles Verfahrenstechnik.“ So braucht er viel weniger Strom und Gas.

Sein Krematorium ist nicht nur das billigste, es kann auch die gewaltigsten Leichen einäschern. Der schwerste Sarg bisher wog 461 Kilogramm, 395 davon waren die Leiche, der Rest war Sarg. Schaldach fasst sich an den Bauchansatz, den ein weiter Wollpulli bedeckt: „Das ist alles Heizöl“, sagt er.

Die Abwärme fließt in eine Fußbodenheizung unter der Straße

Bald, nach Totensonntag, haben Schaldach und seine Mitarbeiter wieder rund um die Uhr zu tun. Vier-Schicht-System, rollende Woche. Im Winter wird mehr gestorben. Den Infektionskrankheiten erliegen nicht nur Alte, sondern auch junge Mädchen, die stark untergewichtig sind. Deswegen ermahnt er stets die Zehntklässler, die vom Ethiklehrer ins Krematorium geschickt werden: „Magersucht kann tödlich sein. Und fahrt ordentlich Auto, kifft nicht, sauft nicht.“ Dann geht er mit ihnen runter zu den Öfen. Ein paar Schüler hätten daraufhin mit dem Rauchen aufgehört.

Schaldach macht einen Rundgang durch den Garten. Von da hat er einen schönen Blick auf die Stadt und den Meißner Dom. „Vom Krematorium sieht man fast nichts, weil es sich in den Berg reinkuschelt“, sagt Schaldach. Sein Krematorium macht keinen Lärm, pustet keine Abgase aus dem Schornstein, alles wird herausgefiltert, mit Schaldachs Verfahrenstechnik natürlich, bis nur noch Kohlendioxid und Wasser übrig sind. Die ganze Abwärme fließt in eine Fußbodenheizung unter der Straße, acht Kilometer lang. Man könnte auch einen Wohnblock damit heizen. „Wir würden die Abwärme ja sogar verschenken. Aber die wenigsten wollen sie haben.“ Nur die Kirche, die heizt damit ihre Friedhofskapelle, gleich nebenan.

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