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Deutschland vor der Wahl : Weltpolitik auf dem Bauernhof

Und die Kuh hört zu: Erich Gussen (links) mit drei weiteren Landwirten aus dem Kreis Düren. Bild: Stefan Finger

Viele Landwirte sehen sich als Opfer von „Bauernbashing“ – was sie wählen? Ganz sicher nicht die Grünen. Über glückliche Kühe und das Gefühl, Spielball der Weltpolitik zu sein. Aus der F.A.Z.-Serie „Aufs Maul geschaut“.

          Auf dem Bauernhof von Erich Gussen fließt die Weltpolitik zusammen. Im kleinen Ort Güsten im Landkreis Düren bei Aachen hat Gussen 68 Hektar Land, auf denen Zuckerrüben und Getreide wachsen. Wenn es im nahe gelegenen belgischen Tihange, wo ein störungsanfälliges Atomkraftwerk steht, tatsächlich zum Reaktorunfall kommt, ist auch die deutsche Seite verstrahlt. „Die Menschen können sich in ihre Autos setzen“, sagt Gussen, „an anderer Stelle neu anfangen. Unser Geld steckt in Äckern, Tieren, Gebäuden – wir verlieren alles.“

          Timo Steppat

          Redakteur in der Politik.

          Wenn an der Schwarzmeerküste in Russland wegen des guten Wetters die Getreidekontore überlaufen, steigt das Angebot, und der Preis sinkt. Noch bietet er sie nicht zum Verkauf an, er weiß noch nicht, wie viel er bekommt. Entscheidend ist, was an den Terminbörsen gehandelt wird. Die sind in Chicago, Frankfurt, Paris. Weit weg vom Versammlungssaal der Landwirtschaftskammer Düren, in der an den Wänden Bilder von Raps, Getreide und Zuckerrüben hängen. Neben Gussen sitzen hier drei weitere Landwirte, man trifft sich zur Vorstandssitzung der Kreisbauernschaft.

          Gussen hat Äcker, die anderen Milchvieh. Die letzten Jahre waren nicht einfach, da fiel die Milchquote, Polen und Holland produzierten mehr, die Preise purzelten. Sanktionen gegen Russland führten dazu, dass dorthin keine Milchprodukte exportiert werden durften. Manche Bauern nahmen Kredite auf, um den Betrieb am Laufen zu halten. Jetzt ist es besser, auch in Düren bekommen sie etwas mehr Geld. „Kann sich aber auch jederzeit ändern“, sagt Milchbauer Robert Knops. Seine 250 Kühe stehen im 13 Kilometer entfernten Nörvenich. Ein moderner Stall, die Kühe können sich von einer Bürste schuppern lassen, entscheiden selbst, wann sie gemolken werden. Es bleibe mehr Zeit für das einzelne Tier, sagt Knops. Seine Frau und er behaupten von sich, jede Kuh beim Namen zu kennen. Die Technik im Melkstand testet immerzu die Milch. Ist die Kuh stierig? Weichen die Nährwerte ab?

          Landwirte müssen viele Richtlinien erfüllen, die eigene Arbeit dokumentieren und Nachweise erbringen. Das ärgert die Dürener. Einer der Männer berichtet von einer Verordnung, wonach der Weg vom Silage-Silo, in dem Tierfutter gelagert wird, künftig durchgehend betoniert sein muss. Wegen des Trinkwasserschutzes. Viele kleinere Höfe müssten aufgrund solcher restriktiven Regelungen schließen, sind die Landwirte überzeugt.

          Es gibt heute deutlich weniger Landwirte als noch vor zehn Jahren, aber die Zahl der Kühe ist konstant geblieben und sogar leicht gestiegen. Wenige Höfe werden größer. „Wir müssen so effizient wie möglich sein“, sagt Robert Knops. Das Verständnis dafür in der Bevölkerung ist nicht besonders groß. Wenn große Landmaschinen auf ihren Feldern ihre Bahnen ziehen, ist das manchen Ausflüglern aus der Stadt ein Indiz für Industrialisierung. „Weil viele Tiere gehalten werden, heißt das nicht, dass es den Tieren schlechtgeht“, sagt Landwirt Reiner Hoffmann. Es ist die Geschichte einer Entfremdung: Die romantische Vorstellung vom Landleben, von der Arbeit des Bauern – und die modernen Betriebe. Dabei ist Hoffmann wie die anderen Landwirte davon überzeugt, dass es den Kühen in den modernen Ställen deutlich bessergeht als in den alten, als sie wie vor 50 Jahren noch einzeln angebunden waren. „Wenn mir Leute sagen, wir sollten arbeiten wie vor 100 Jahren, frage ich zurück, ob die auch wie vor 100 Jahren leben wollen“, sagt Erich Gussen. Und ob sie bereit wären, ein Vielfaches für Lebensmittel zu zahlen.

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          Wenn das Umweltministerium wie vor ein paar Monaten „Bauernregeln“ veröffentlicht, kochen die Landwirte – auch in Düren. „Steht das Schwein auf einem Bein, ist der Stall zu klein“, lautet Regel eins. „Es wird so getan, als würde bei uns allen irgendwas Krummes laufen“, sagt Landwirt Karl-Heinz Steffens. Sie sehen eine Form der Propaganda gegen ihre Zunft, die in diesem Fall staatlich finanziert würde. Besonders groß ist der Ärger unter den Landwirten über die Grünen, die als Triebkräfte eines „Bauernbashings“ gesehen werden. Keiner von ihnen kennt einen anderen Bauern, der die Grünen wählt. Dabei hat die Bauernschaft auch den Grünen-Politiker zu sich eingeladen, der in Düren für den Bundestag kandidiert. Er hat sich nicht gemeldet. Die Kandidaten von SPD, CDU und FDP wollen dagegen in den Tagen vor der Wahl auf die Höfe kommen. Es geht um ein Kennenlernen. Wie ist der Bezug zur Landwirtschaft? Das Verständnis soll wachsen, könnte man sagen. „Wenn im Bundestag dann mal abgestimmt wird, haben die uns vielleicht im Hinterkopf“, sagt Gussen.

          Quelle: F.A.Z.

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