Bijan Djir-Sarai steht auf dem Schulhof der Deutschen Schule in Teheran. An diesem heißen Vormittag soll der Bundestagsabgeordnete aus dem niederrheinischen Grevenbroich den neuen Spielplatz eröffnen. Der Hausmeister hat mit dem Gartenschlauch die letzten Blätter vom Gummiboden weggespritzt, die Kinder warten in der großen Pause ungeduldig hinter einem roten Band auf den kleinen Festakt. Der junge Mann, der auch stellvertretender Landrat im Rhein-Kreis Neuss ist, greift geübt zur Schere. Schnipp. Die Kinder stürmen das Spielgerät, eine Lehrerin begrüßt den Gast aus Deutschland. Es ist Angelika Nodjavan. „Bijan? Du bist doch der Bijan!“, sagt sie. Schnapp. Der Abgeordnete senkt den Kopf und schweigt einige Sekunden.
Bijan Djir-Sarai hasst noch heute den Frankfurter Flughafen, wo seine Reise zurück in das Land seiner Kindheit beginnt. Hier kam er im August 1987 im Alter von elf Jahren an. Sein Vater hatte in Deutschland studiert. Da sollte er auch hin. Sein Onkel wohnte hier. Also musste er zum Onkel. „Das war ein großer Schock“, sagt Djir-Sarai. Er hatte einige Monate Zeit, sich mit dem Gedanken anzufreunden, Monate, in denen Frau Nodjavan mit ihm nachmittags deutsche Vokabeln paukte. Doch der kleine Bijan war wie blockiert. Kein Wort Deutsch habe er gekonnt, als er in Frankfurt angekommen sei. Immer, wenn er am Rhein-Main-Flughafen ist, überkommen ihn jene Gefühle von damals, als er wie betäubt tat, was der Vater ihm sagte.
Eigentlich ist die Stadt leergefegt
In der Qoba-Straße im alten Zentrum Teherans steht das frühere Elternhaus der Djir-Sarais. Es ist ein großes Anwesen, umgeben von einer Mauer. Wenn Bijan in den achtziger Jahren, während des Krieges gegen den Irak, zu Fuß zu seiner Grundschule ging und Fliegeralarm gegeben wurde, rannte er zurück nach Hause. Die Familie ging dann in den Keller und der Vater setzte dem Sohn seinen Motorradhelm auf.
Der Vater hat das Haus vor vielen Jahren verkauft. Als sein Sohn 24 Jahre nach seiner Auswanderung wieder vor den Mauern seines Elternhauses steht, sammeln sich unweit davon an einer Kreuzung zwei Dutzend Polizisten, die ihre Motorräder abstellen und den Weg versperren. Eigentlich ist die Stadt leergefegt: Es ist der 22. Todestag Ajatollah Chomeinis, die politische Klasse begeht den Gedenktag am Mausoleum des Imams, viele Teheraner nutzen das Wochenende zur Sommerfrische am Kaspischen Meer. Vor einigen Tagen gab es Hinweise, die Reformkräfte des Landes könnten den Gedenktag für größere Demonstrationen in der Hauptstadt nutzen. Doch es tut sich nichts.
Djir-Sarai hat eine Antwort parat
1979 hatte die Islamische Revolution den Vater aus der Bahn geworfen. Der säkulare Mann, der in der Schah-Zeit Karriere machte, verlor seinen Job in der Erdölindustrie. Bald begannen die Angriffe von Saddam Husseins Luftwaffe. Kurz bevor der Sohn die Grundschule beendete, beschloss der Vater, seinen Sohn fortzuschicken. Er wolle nur das Beste für ihn, sagte er. Sechs Jahre sollte Bijan seine Mutter nicht wiedersehen, gelegentliche Telefonate endeten meist in Tränen. Die Entscheidung des Vaters wurde zur Belastung für die Ehe.
Kurz nach der Begegnung mit Frau Nodjavan sitzt Bijan Djir-Sarai in der neunten Klasse der Deutschen Schule. Die Schüler haben sich auf den Bundestagsabgeordneten vorbereitet. Sie fragen ihn, wie es damals gewesen sei, allein nach Deutschland zu gehen, wie er es geschafft habe, als Deutsch-Iraner in den Bundestag zu kommen. Und sie berichten aus ihrem Leben: tagsüber Schule nach deutschem Lehrplan, abends auf verbotenen Partys, die schon mal von der Sittenpolizei unterbrochen werden und mit einer Nacht im Gefängnis enden. Djir-Sarai hat auf das eine wie das andere eine Antwort parat: Im Leben gebe es häufig Prüfungen. Und die müsse man bestehen, sagt er. „Auch wenn der Druck von außen groß ist, ich kenne ihn - bleibt euch treu.“
„Papa, es hat geklappt. Ich sitze im Bundestag“
Bijan Djir-Sarai ist das, was man einen „Politiker mit Migrationshintergrund“ nennt. Es gibt inzwischen mehrere von ihnen: deutsch-türkische, deutsch-indische und eben deutsch-iranische. Wenn der FDP-Abgeordnete Djir-Sarai vor Eröffnung einer Plenarsitzung des Bundestages Omid Nouripour in den Reihen der Grünen-Fraktion sieht, beginnt zwischen beiden ein Spiel. Aus der Ferne gestikulieren sie dann miteinander, legen die rechte Hand aufs Herz und deuten auf ihren Sitz. Iraner können das minutenlang machen, bevor einer von ihnen endlich als Erster aus dem Fahrstuhl oder durch die Tür tritt. Für die beiden Abgeordneten bedeutet das kleine Spiel wohl: Du dort, ich hier - wir haben es geschafft.
Am 27. September 2009, dem Abend der Bundestagswahl, rief Bijan Djir-Sarai seinen Vater an: „Papa, es hat geklappt. Ich sitze im Bundestag.“ Da hörte er seinen Vater zum ersten und einzigen Mal weinen. Der Vater konnte stets stolz sein auf seinen Bijan. Der Onkel, ein Tierarzt aus Grevenbroich, lässt den Jungen nach dessen Ankunft wöchentlich eine Seite aus dem Wörterbuch auswendig lernen. Nach den Sommerferien besucht er das Gymnasium. Die Lehrer bemühen sich um den begabten Schüler. Und auch die Nachbarskinder kommen vorbei: Ob der Bijan mit Fußball spielen wolle? Integrationsprobleme gibt es keine. Bijan macht das Abitur, studiert in Köln Betriebswirtschaftslehre. Er engagiert sich bei den Jungen Liberalen, wird 2004 Spitzenkandidat der FDP bei den Kommunalwahlen und danach Vorsitzender der FDP-Kreistagsfraktion. 2008 wird er von der wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Köln zum Doktor promoviert. So wie der Vater, der Doktor der Chemie.
Am Ende könnte ihm der Doktortitel entzogen werden
Auf der Homepage des Bundestagsabgeordneten steht: „Ich habe Kenntnis, dass die Universität Köln meine Doktorarbeit überprüft.“ Man möge es ihm nachsehen, dass er „derzeit keinen Anlass für eine weitergehende Stellungnahme sehe“. Der Lokalpresse am Niederrhein sagt er noch, er weise den Plagiatsvorwurf zurück. Die Plagiatsjäger der Internetplattform „Vroniplag“ sind ihm schon seit einigen Wochen auf der Spur. Dort wird seine Dissertation „Ökologische Modernisierung der PVC-Branche in Deutschland“ durchforstet. Bislang haben die anonymen Fahnder auf 55 von 180 Seiten Plagiatsfunde aufgelistet, darunter befinden sich sieben Seiten mit mehr als 75 Prozent Plagiatstext und eine Seite mit 50 bis 75 Prozent. Der Vorwurf lautet meist: Verschleierung. Es geht um wörtliche Übernahmen fremder Texte mit nur kleinen Änderungen, bei denen Quellenangaben fehlen. Jedoch taucht die Quelle häufiger im folgenden Fließtext auf, aber ohne dass deutlich wird, dass nicht nur der vorherige Gedanke, sondern der ganze Absatz fast wörtlich von einem anderen Urheber stammt.
Für die Arbeit hat Djir-Sarai viele Interviews geführt. So wollte er die PVC-Branche untersuchen und ein Modell entwickeln, wie sich ökologische Modernisierung messen lässt. Das hört sich doch gut an, warum sollte er also seine Quellen verschleiern? War er von seinem Werk so beeindruckt, dass er den Ehrgeiz nicht mehr nötig hatte? Der Fall hat eine Dynamik, die durch die Causa Karl-Theodor zu Guttenberg in Gang gesetzt wurde und die mittlerweile auch zwei FDP-Kollegen Djir-Sarais getroffen hat. Am Ende könnte ihm der Doktortitel entzogen werden.
Er stellt das iranische Protokoll vor eine Herausforderung
Die deutsche Botschaft hat ein dichtes Programm „anlässlich des Besuchs von Herrn Dr. Bijan Djir-Sarai, MdB“ zusammengestellt. Erstmals reist der Doppelstaatler nicht als Iraner, sondern als Deutscher in das Land. Anlass der Reise ist ein dienstlicher: Als Mitglied des Auswärtigen Ausschusses führt er Gespräche im Parlament und im Außenministerium. Was er von dem Regime hält, hatte er den Jugendlichen in der Deutschen Schule gesagt. Er sei zwar nicht hier, um den Iranern zu sagen, wie sie regiert werden sollten. Es gebe aber „Potential nach oben“. Da die iranischen Behörden eigentlich keine doppelten Staatsbürgerschaften akzeptieren, Djir-Sarai aber nun einmal deutscher Abgeordneter ist, stellt er das iranische Protokoll vor eine Herausforderung. Die deutsche Botschaft hat ihm daher empfohlen, bei seinen offiziellen Gesprächen Deutsch und nicht Farsi zu sprechen.
So kommt es, dass er in seinem Mutterland beim Treffen mit dem einzigen jüdischen Abgeordneten im Majlis, dem iranischen Parlament, von einer Dolmetscherin begleitet wird. Sijamak Moreh-Sedeq empfängt den Deutschen im „Dr. Sapir Hospital“, dem jüdischen Krankenhaus, wo er Direktor ist. Der Mediziner wird gerne von ausländischen Gästen aufgesucht, die sich danach erkundigen wollen, wie es den iranischen Juden in der Islamischen Republik ergeht. Moreh-Sedeq hat für derlei Besuche einen Monolog vorbereitet: In Iran gebe es eine große Toleranz gegenüber den Juden, im Mittelalter seien jüdische Flüchtlinge aus Spanien aufgenommen worden, im Zweiten Weltkrieg aus ganz Europa. „Es gibt keine antisemitischen Parteien in Iran“, sagt er. Die jüdische Gemeinde habe auch keine größeren Probleme: In Teheran gebe es zwanzig Synagogen, sieben koschere Metzger und drei koschere Restaurants. Dass die Gemeinde seit Jahren schrumpft, weil junge Leute keine Zukunft in Iran sehen und auswandern, davon sagt er nichts.
Die Loyalität zur deutschen Heimat auf die Probe gestellt
Djir-Sarai weiß, dass sich sein Gesprächspartner sehr vorsichtig äußern muss, der schließlich die Autonomie seiner Gemeinde nicht gefährden will. Djir-Sarai, der nicht nur schiitische, sondern auch jüdische Vorfahren hat, sagt deshalb, zur jüdischen Identität gehöre doch aber auch der Bezug zu Israel. Was sei mit der Holocaust-Leugnung Ahmadineschads? Empfinde Moreh-Sedeq die Politik Teherans gegenüber Israel nicht als Beleidigung? Der scheint auch diese Frage zu kennen: „Der Staat Israel und das iranische Judentum sind zwei unterschiedliche Themen. Wir kritisieren die Politik Israels.“ Der Deutsche hakt nicht nach. Das Gespräch ist wenig ertragreich.
Djir-Sarai ist kein Haudrauf, nicht zu Hause in Berlin und schon gar nicht im Ausland. Er ist stets zurückhaltend. Beim Treffen in der evangelischen Gemeinde in Teheran berichtet eine deutsche Pastorin über einen Konfirmanden, den sie in Saudi-Arabien betreut: „Konfirmand, sagt Ihnen das was?“, fragt sie den Bundestagsabgeordneten. Djir-Sarai nickt. Später wird er über die Frage der Pastorin sagen, man müsse die Dinge manchmal einfach im Raum stehenlassen. Zu Hause in Berlin, wenn Delegationen aus islamischen Staaten den Auswärtigen Ausschuss besuchen, können viele Djir-Sarai nicht recht einordnen. Nicht selten kommt es zu Versuchen, ihn zu vereinnahmen. Auch die Botschaften Irans, Israels und Amerikas in Berlin zeigen mitunter ein reges Interesse an der Expertise des Abgeordneten, so rege, dass mitunter Djir-Sarais Loyalität zu seiner deutschen Heimat auf die Probe gestellt wird. Djir-Sarai reagiert stets höflich. So höflich, dass Ruprecht Polenz, der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses, schon einmal deutlich werden muss: „Herr Djir-Sarai ist Mitglied des Deutschen Bundestages!“
Besuch bei den Eltern
Ist die Zurückhaltung, die Abneigung, sein Gegenüber einmal zurechtzuweisen, ein Verhaltensmuster von Politikern mit Migrationshintergrund in bürgerlichen Parteien? Bloß nicht anecken? Djir-Sarai bestreitet das. Es sei wohl seine kulturelle Prägung. „Ich bin so erzogen worden, älteren Menschen stets respektvoll zu begegnen.“ In der Familie und außerhalb der Familie.
Die neue Wohnung der Eltern liegt im Nordwesten Teherans, wo sich wohlhabende Bewohner der Stadt schicke Apartments mit Blick auf die schneebedeckten Berge gekauft haben. Seine Eltern hat er Weihnachten das letzte Mal besucht. Damals war die Welt für ihn noch in Ordnung. Der Vater hat inzwischen von den Vorwürfen gegen seinen Sohn gehört. Die Mutter öffnet wenige Sekunden nach dem Klingeln die Wohnungstür, schlingt ihre Arme um den Sohn und vergießt Freudentränen: „Bijan, Bijan!“
Wenig später kommt der Vater um die Ecke, ein freundlicher älterer Herr mit lachenden Augen und bedächtigem Schritt. Er reicht seinem Sohn die Hand und fragt auf Deutsch: „Bijan, geht es gut?“
An einer Wohnzimmerwand hängen Fotos: Bijan und seine Schwester, die in Mainz Medizin studiert, Bijan und seine deutsche Freundin, deren Eltern aus Italien stammen, Bijan neben den Jungparlamentariern Christian Lindner und Johannes Vogel im Bundestag. Darunter hängt noch ein weiteres Bild: Auf dem sitzt er mit Doktorhut auf der Albertus-Magnus-Statue vor dem Hauptgebäude seiner Universität in Köln-Lindenthal. Er strahlt nicht, deutet nur ein Lächeln an. Sein Kopf ist zur Seite gerichtet, als ob er in die Ferne schaut.
Die Prüfungen des Bijan Djir-Sarai
faribors Maleknasri (fariborsm)
- 15.06.2011, 22:02 Uhr
Was hat sein Migranten Hintergrund
karin stutz (strohausen)
- 16.06.2011, 01:29 Uhr
peinlich
Closed via SSO (raul_C)
- 17.06.2011, 13:57 Uhr