06.06.2003 · Deutschlands Gesellschaft verändert sich noch dramatischer als angenommen: Nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes könnte die Einwohnerzahl des Landes auf bis zu 67 Millionen im Jahr 2050 schrumpfen.
Die Alterung und Abnahme der Bevölkerung in Deutschland wird schwerwiegendere Auswirkungen auf die Gesellschaft und die Funktionsfähigkeit der Sozialversicherungen haben, als sie bisher einkalkuliert sind.
Der Präsident des Statistischen Bundesamtes, Hahlen, stellte am Freitag in Berlin die jüngste Vorausberechnung zur Bevölkerungsentwicklung in Deutschland zum Jahr 2050 vor und knüpfte an diese Daten etwa die These, daß die Rentenversicherungen in den nächsten Jahrzehnten durch eine Steigerung des Renteneintrittsalters nicht entlastet würden: Selbst wenn es gelinge, den durchschnittlichen Zeitpunkt des Rentenbeginns von gegenwärtig 60 Jahren um fünf Jahre auf 65 Jahre zu heben, werde diese Entlastung aufgewogen durch eine gleichermaßen steigende durchschnittliche Lebenserwartung.
Die Vorausberechnung der Bevölkerungsentwicklung des Bundesamtes ruht auf mehreren Annahmen. Sie geht davon aus, daß die Geburtenrate auch in den nächsten Jahrzehnten bei dem gegenwärtigen statistischen Wert von 1,4 Geburten je Frau bleibt, auch wenn durch diverse familienpolitische Maßnahmen Änderungen erstrebt würden. Für die Annahme einer gleichbleibenden Geburtenrate spreche, daß sie in Westdeutschland seit der Einführung moderner Verhütungsmittel Ende der sechziger Jahre auf diesen Wert gesunken sei und sie sich in den neuen Bundesländern nach einem staatlich gestützten Geburtenboom zu DDR-Zeiten und einem Geburtenknick in den Jahren nach der vollzogenen Einheit nun dem Wert von 1,4 wieder annähere.
Drei Varianten
Weitere notwendige Annahmen zur Vorausberechnung der Bevölkerungsentwicklung sind das Ausmaß der Einwanderung und die Steigerungsrate der Lebenserwartung. Der Bericht des Bundesamtes stellt drei Varianten vor. Bei der Lebenserwartung sind sie durch eine erwartete Zunahme von rund fünf, sechs oder sieben Jahren markiert, bei der Einwanderung durch einen angenommenen positiven Wanderungssaldo von 100.000, 200.000 oder 300.000 Personen.
In der jeweils mittleren Variante wird die Bevölkerung bis zum Jahr 2050 um acht Millionen auf etwa 75 Millionen Menschen sinken, in der Variante mit hoher Zuwanderung und hoher Lebenserwartung schrumpft sie auf 81 Millionen, in der Variante mit den niedrigsten Annahmen auf 67 Millionen.
Die grundlegenden Veränderungen, die sich im Altersaufbau der Gesellschaft vollziehen werden, bleiben jedoch in allen drei Varianten ähnlich und entfalten ihre Wirkungen noch nachhaltiger über das Jahr 2050 hinaus, da sie von der niedrigen Geburtenrate verursacht werden. Diese Konstante führt nach den Berechnungen des Statistischen Bundesamtes dazu, daß die Reproduktionsgrundlage der Bevölkerung unaufhörlich schrumpft.
Stark steigernder Sterbe-Überschuß
Die Zahl der Frauen im "geburtenfähigen Alter" (15 bis 49 Jahre) sinkt demnach von 20 Millionen im Jahr 2001 auf 14 Millionen im Jahr 2050; ihr Anteil an der Bevölkerung sinkt im selben Zeitraum von 24 auf 19 Prozent. Die Dramatik des Bevölkerungswandels zeigt sich in der Vorausberechnung des Bundesamtes auch durch den stark steigenden Sterbe-Überschuß. Während gegenwärtig die Zahl der Gestorbenen die Zahl der Neugeborenen in Deutschland um etwa 94.000 übersteigt, wird dieser Sterbeüberschuß auf fast 600.000 im Jahr 2050 anwachsen und dann dazu führen, daß in der Bevölkerung nicht einmal die Hälfte der Verstorbenen in einem Jahr durch Neugeborene ersetzt werden.
Nach Angaben des Präsidenten des Statistischen Bundesamts wird sich eine "kritische Beschleunigung der Alterung" schon in den Jahren zwischen 2010 und 2030 ergeben, wenn die sogenannten geburtenstarken Jahrgänge aus den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts in die höheren Altersgruppen hineinwachsen. Die 50 bis 65 Jahre alten Erwerbstätigen, die gegenwärtig 15 Millionen Menschen umfassen und rund 30 Prozent des Erwerbspersonenpotentials bilden, werden dann fast 40 Prozent der Bevölkerung im Erwerbsalter stellen. Die fernere Dramatik der Alterung zeigt der Bericht in der Vorausberechnung, daß die Zahl der Achtzigjährigen und Älteren von gegenwärtig 3,2 Millionen oder knapp vier Prozent der Bevölkerung im Jahr 2050 nach der mittleren Rechnungsvariante auf rund neun Millionen oder zwölf Prozent der Bevölkerung wachsen wird.