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Deutschland 2017 : Schon wieder nicht untergegangen

Ein neues Gipfelkreuz für Deutschlands höchsten Berg - die Zugspitze Bild: dpa

Die ewigen Gassenhauer auf dem Weg nach Armageddon wurden 2017 wieder inbrünstig gesungen oder gebrüllt. Umsonst. Und auch Angela Merkel ist immer noch Kanzlerin.

          Das Abendland geht unter, Angela Merkel hat ihren Zenit überschritten, Deutschland schafft sich ab. Die ewigen Gassenhauer auf dem Weg nach Armageddon wurden auch 2017 wieder inbrünstig gesungen oder gebrüllt. Untergang war immer schon in Mode. Im Mittelalter stand das jüngste Gericht beinahe täglich vor der Tür. Der Maya-Kalender endete angeblich am 21. Dezember 2012, manche glaubten, dann sei alles vorbei. Auch die bevorstehende Kollision mit einem Himmelskörper oder der Ausbruch des Yellowstone-Vulkans, schätzungsweise alle 600000 Jahre, ist wieder ein Stückchen näher gerückt.

          Andererseits hatten in den vergangenen Jahrzehnten diejenigen Erfolg, die auf bessere Zeiten gewettet haben. Zumindest in Europa und auf jeden Fall in Deutschland.

          Der ewige Kampf zwischen Licht und Finsternis tobte während der vergangenen zwölf Monate weiter. Wieder gab es Terroranschläge mit teilweise Hunderten Toten, entsetzliche Naturkatastrophen. Bürgerkriege, Hungersnöte, Verbrechen und Ungerechtigkeiten sind nicht abgeschafft. Diejenigen, die es nicht traf, bleiben aufgerufen, zu helfen, zu trösten, die Folgen zu lindern.

          Aber auch das Gute hat kleine Siege errungen: Rund 800000 Kinder kamen zwischen Rügen und Garmisch auf die Welt. Ihre Aussichten auf ein behütetes Aufwachsen sind besser denn je. Junge Talente sind herzlich willkommen. Wie weit das Land alles in allem vorangekommen ist, das zeigt schon ein Blick auf Bilder von 1918 oder 1948. Fotos vom Winter 1988 in der DDR gibt es wenige, da war dort alles grau, rottig und rußig.

          Das vergangene Jahr hatte mit Hoffnungen begonnen, auch bei der SPD. Vor allem aber mit düsteren Prognosen, von denen viele nicht eingetreten sind: Europas freudigste Stunde war der Wahlerfolg von Emmanuel Macron, der in Frankreich die rechtsextreme Marine Le Pen besiegte und damit bewies, dass überzeugte Europäer noch immer Massen begeistern und Wahlen gewinnen können.

          Keine Frage, der Kontinent steckt in ernsten Schwierigkeiten, aber der angekündigte Zusammenbruch blieb aus. Börsenberichte sehen unter den zwanzig erfolgreichsten Aktien fast ausschließlich europäische Papiere, darunter griechische, italienische, französische und natürlich deutsche. Aktienkäufe sind eine Wette auf die Zukunft. Die Aussichten für Europa scheinen also nicht schlecht. Selbst wenn es manchen schwer fällt im Schlamassel die Besserung zu sehen: Russland erwägt eine Wiederannäherung an den Westen. Der türkische Staatspräsident Erdogan merkt, dass sein Kurs der Willkür, der Beschimpfung und Inhaftierung Deutscher vor allem der Türkei und den Türken schadet. Er wirkt zum Jahresende jedenfalls geradezu entgegenkommend. Wir warten also auf weitere Freilassungen.

          Doch zurück ans Eingemachte: Hat sich Deutschland weiter abgeschafft? Nur dann, wenn man Exportrekorde als den Ausverkauf heimischer Werte ins Fremdländische begreift. Ansonsten: Hochkonjunktur für die Wirtschaft und damit für Viele. Die Bundesagentur für Arbeit hat ihre angekündigten Rekordüberschüsse von mehreren Milliarden kurz vor dem Jahreswechsel um eine weitere Milliarde nach oben verbessert. Die Arbeitslosenquote ist auf 5,3 Prozent gesunken. Das bedeutet nicht, dass alle nun im Glück schweben. Viele Arbeitsplätze sind befristet, schlecht bezahlt oder machen keine Freude. Dennoch schätzen die meisten Deutschen trotz allgemeiner Ängste vor Altersarmut, Verbrechen und Überfremdung ihre individuelle Situation optimistisch ein.

          Hunderttausende Flüchtlinge, die vor zwei Jahren alle Kräfte gefordert haben, bleiben eine große, schwierige Aufgabe. Vor allem für die Sicherheitsbehörden, die mit jungen, entwurzelten Männern umgehen müssen. Aber wenn man dieser Tage den Bürgermeistern oder Ministerpräsidenten zuhört, überwiegt trotzdem der Eindruck, vieles laufe recht gut. Weit über einhunderttausend Kinder aus Syrien oder anderen Katastrophenländern gehen nun bei uns in die Kitas, in die Schulen. Gut, dass wir sie nicht mit ihren Gummibooten ertrinken ließen. Wenn der Deutsche Städtetag für maßvollen Familiennachzug wirbt, kann das jedenfalls nicht bedeuten, dass man sich dort dem Untergang nahe sieht.

          Und Angela Merkel ist immer noch Kanzlerin, zumindest geschäftsführend. Und das, obwohl ihr schon seit ihrem ersten Amtstag, lange ist es her, prophezeit wurde, sie werde sich nicht lange halten. Natürlich wird sie irgendwann demnächst nicht mehr Bundeskanzlerin sein. So ist das in der Demokratie und immer dann, wenn die Jüngeren sich stark genug fühlen, die Älteren herauszufordern oder die Mehrheiten sich ändern. Aber wenn sie es noch eine kleine Weile bliebe, würde der Weltuntergang oder das Ende Deutschlands wahrscheinlich auch keinen Tag früher kommen. Vielleicht sogar ein paar Minuten später.

          Peter Carstens

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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