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Deutscher Herbst 1977 : „Wir waren auf dem Weg zum Polizeistaat!“

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Mitarbeiter der Generalbundesanwaltschaft untersuchen den Dienstwagen von Siegfried Buback. Der höchste Ankläger der Bundesrepublik wurde am 7. April 1977 in Karlsruhe durch Schüsse aus einer Maschinenpistole getötet. Bild: dpa

1977 war das blutigste Jahr des Terrors der Rote Armee Fraktion. Höhepunkt der Mord- und Entführungsserie der RAF war der „Deutsche Herbst“ mit der Todesnacht von Stammheim. Im FAZ.NET-Interview erinnert sich einer der Chefermittler der Bundesanwaltschaft an jene Zeit.

          Der ehemalige Generalstaatsanwalt und Mitarbeiter der Bundesanwaltschaft Klaus Pflieger gehörte zu dem Ermittler-Team, das die Todesnacht von Stammheim untersuchte, und war einer der Ankläger gegen die RAF-Terroristen Christian Klar und Brigitte Mohnhaupt. Ihr Komplize Peter-Jürgen Boock legte seine Lebensbeichte bei ihm ab. Im Interview mit FAZ.NET erinnert sich der Jurist an den Deutschen Herbst 1977 und spricht über noch offene Fragen, RAF-Terroristen, zu denen er noch Kontakt hat, und über die Gefahr des Linksextremismus heute. 

          Das, was als der „Deutsche Herbst“ in die Geschichtsbücher eingegangen ist – von der Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer über die Entführung der Lufthansa-Maschine „Landshut“ bis zur Todesnacht von Stammheim – liegt in diesen Tagen 40 Jahre zurück. Wie fühlt sich das für Sie an, wie blicken Sie zurück?

          Es kommt mir so vor, als ob es vorgestern passiert wäre. Da kommen Erinnerungen hoch, die ich damals hautnah erlebt habe. Es war für uns alle eine neue Dimension der Gewalt. Wir hatten natürlich schon fünf Jahre vorher Mordanschläge der RAF erlebt - etwa auf amerikanische Einrichtungen - aber jetzt wurden gezielt Prominente angegriffen.

          Auch wenn die Taten lange zurück liegen, sind noch zahlreiche Fragen offen. Welche ungeklärte Frage beschäftigt sie noch heute?

          Was mich am meisten interessiert, ist die Frage: „Wer hat Hanns-Martin Schleyer erschossen?“ Ich war von 1987 an - zehn Jahre nach der Schleyer-Entführung – Sachbearbeiter des Schleyer-Komplexes. Es ist mir gelungen aufzuklären, wer die vier Attentäter waren, die Schleyer entführt und seine Begleiter ermordet haben. Außerdem konnte ich ermitteln, dass Schleyer nach seinem ersten Gefängnis in Erfstadt-Liblar drei Tage lang in einem Reihenhaus in Den Haag eingesperrt war. Wir wissen zwar auch, dass er dann von Holland nach Belgien verschleppt wurde, aber seinen letzten Aufenthaltsort in Brüssel haben wir nicht ausfindig machen können. Genauso wenig wissen wir, wer letztlich der Todesschütze war. 

          Sie schreiben in Ihrem Buch ,,Gegen den Terror“, dass die Öffentlichkeit mehr Interesse an der geschichtlichen Wahrheit habe, als an einer strafrechtlichen Verfolgung. Die noch lebenden RAF-Terroristen sind nicht mehr die Jüngsten. Werden wir die historische Wahrheit noch erfahren?

          Als Staatsanwalt gebe ich die Hoffnung nie auf. Haben wir doch die eine oder andere Überraschung erlebt:, dass etwa frühere Mitglieder der Terrorgruppe doch bereit waren Angaben zu machen. Peter-Jürgen Boock zum Beispiel. Er hat – nachdem er lange bestritten hatte, dass an seinen Händen Blut klebt – zugegeben, dass er in Köln dabei war und einen der Polizeibeamten, die Schleyer begleitet haben, erschossen hat. Wir haben alle 20 RAF-Leute, die im Herbst 1977 im Untergrund lebten, identifiziert; 17 wurden festgenommen, zwei erschossen. Das heißt: Uns fehlt nur eine einzige Person, nämlich Friederike Krabbe. Sie ist nach der Schleyer-Entführung in Bagdad geblieben, hat einen Palästinenser geheiratet und lebt heute wohl im Libanon.  Vielleicht erleben wir noch etwas Ähnliches wie 1990 nach dem Fall der Mauer, als wir in der DDR ehemalige RAF-Terroristen entdeckt und verhaftet haben, die dann teilweise als Kronzeugen ausgesagt haben. Ich habe außerdem den Vorschlag gemacht, bei allen RAF-Mördern, die eine lebenslange Freiheitsstrafe verbüßt haben, von weiterer Strafverfolgung abzusehen, wenn sie einen weiteren Mord zugeben. Gemeinsam mit vielen Angehörigen von RAF-Opfern bin ich der Auffassung, dass man so die geschichtliche Wahrheit in Erfahrung bringen könnte.

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