25.01.2006 · Das einst geteilte Deutschland wächst weiter zusammen - als habe sich bei Teilen der Bevölkerung eine Verkrampfung gelöst. Man darf vermuten, daß der Aufstieg zweier Ostdeutscher dazu beigetragen hat: Angela Merkel und Matthias Platzeck. Allensbach-Analyse.
Von Professor Dr. Elisabeth Noelle und Dr. Thomas Petersen„Maikäfer, flieg'! Der Vater ist im Krieg. Die Mutter ist in Pommerland, Pommerland ist abgebrannt. Maikäfer flieg.“ Das traurige Lied ist nach demoskopischen Ermittlungen in ganz Deutschland zu Hause, mehr als 350 Jahre nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges. Die Einzelheiten dieser grausamen Zeit, als die Bevölkerung in einigen Regionen auf ein Drittel reduziert wurde, sind weitgehend vergessen, doch ihr Nachhall ist bis heute zu spüren.
Als das Institut für Demoskopie vor einigen Jahren die Frage stellte „Wissen Sie das zufällig: Hat Luther vor dem Dreißigjährigen Krieg gelebt oder nach dem Dreißigjährigen Krieg?“ wußte weniger als die Hälfte der Bevölkerung die richtige Antwort. Doch das Lied „Maikäfer, flieg“ kennen heute fast drei Viertel der Deutschen.
Die „Mauer in den Köpfen“
Der in Glasgow lehrende Politikwissenschaftler Richard Rose hat einmal gesagt, ein verlorener Krieg präge eine Nation für Jahrhunderte. Wie lange wird wohl die vierzigjährige Teilung Deutschlands nachwirken?
Als die erste Begeisterung nach der deutschen Einheit verflogen war, zeigte sich, daß die über Jahrzehnte getrennte Entwicklung der östlichen und westlichen Bundesländer, die Prägung durch unterschiedliche politische und wirtschaftliche Bedingungen tiefe Spuren im Selbstverständnis und in der Weltsicht der Ost- und Westdeutschen hinterlassen haben. Es mag auch an der Eingängigkeit der Wortschöpfung gelegen haben, daß sich für die daraus folgenden Mißverständnisse und Gereiztheiten auf beiden Seiten der Ausdruck „Mauer in den Köpfen“ durchsetzte.
Ein historischer Glücksfall
Wer Mitte der neunziger Jahre die öffentliche Diskussion über die Folgen der deutschen Einheit beobachtete, konnte den Eindruck gewinnen, die Wiedervereinigung sei das Ergebnis einer kurzen emotionalen Aufwallung gewesen, die dem alltäglichen Lebensgefühl und den Bedürfnissen der Bevölkerung letztlich zuwidergelaufen sei. Doch diese Vermutung war immer falsch. Zu keinem Zeitpunkt seit 1990 ließ die Bevölkerung einen Zweifel daran, daß sie die deutsche Einheit als historischen Glücksfall empfand. Auf die Frage „Ist die deutsche Wiedervereinigung für Sie eher Anlaß zur Freude oder eher zur Sorge?“ antworten regelmäßig zwei Drittel der Ostdeutschen, die Einheit sei für sie ein Anlaß zur Freude, nur knapp ein Fünftel, aktuell sogar nur ein Zehntel, sagt, die Wiedervereinigung sei eher Anlaß zur Sorge.
In den alten Bundesländern sind die Reaktionen etwas weniger euphorisch, aber auch hier überwiegt die Freude im Verhältnis von 2 zu 1. Und fragt man nach den Sorgen der Bevölkerung, dann steht die Befürchtung „Daß es zu Spannungen zwischen Ost- und Westdeutschen kommen könnte“ seit eineinhalb Jahrzehnten stets am unteren Ende der Liste, genannt von rund 10 Prozent der Befragten.
„Wie Brüder und Schwestern“
Als das Institut für Demoskopie Allensbach im Frühjahr 1990 die ersten Interviews in der damaligen DDR durchführte, fiel zunächst auf, wie sehr sich die Deutschen in den beiden so lange getrennten Staaten ähnelten. So zeigte die Bevölkerung in der DDR zum Beispiel die gleiche Neigung zu ausgeprägt emotionalen Reaktionen, die auch die Westdeutschen kennzeichnete und die sie von anderen Völkern der westlichen Welt mit Ausnahme der Amerikaner unterschied. Die West- und die Ostdeutschen ähnelten sich „wie Brüder und Schwestern“, wie es damals im Untersuchungsbericht hieß. Daß sie sich auch in vielen Punkten unterschieden, schien nach der langjährigen Teilung des Landes selbstverständlich zu sein.
Doch dann geschah etwas, womit allenfalls Schwarzmaler gerechnet hatten: Statt sich aneinander anzunähern, entfernten sich Ost- und Westdeutsche in vielerlei Hinsicht zunächst voneinander. Zwar holte die Bevölkerung in den neuen Bundesländern wirtschaftlich rasch auf und paßte sich an westdeutsche Konsumgewohnheiten an, während die Westdeutschen sich in manchen weltanschaulichen Grundfragen auf die Ostdeutschen zubewegten, doch alles in allem schien die Verständigung zwischen den beiden Teilen Deutschlands eher schwerer als leichter zu werden. „Besser-Wessis“ und „Jammer-Ossis“ sind die vielzitierten Schlagworte, in denen sich die gegenseitigen Vorurteile bündelten.
Altbekannte Vorurteile
Auch heute noch ist das Verhältnis von Ost- und Westdeutschen von Mißverständnissen und Vorurteilen geprägt. Bittet man die Bevölkerung in Westdeutschland, die Menschen in Ostdeutschland - und umgekehrt - zu beschreiben, dann erhält man als Antwort die in den neunziger Jahren aufgebauten Stereotype: 72 Prozent der Ostdeutschen sind im Januar 2006 der Ansicht, daß Westdeutsche eher als Ostdeutsche arrogant seien. 61 Prozent meinen, Geldgier finde man eher im Westen als im Osten, immerhin 39 Prozent bescheinigen der westdeutschen Bevölkerung Oberflächlichkeit. Umgekehrt sind 50 Prozent der Westdeutschen der Ansicht, Ostdeutsche seien eher unzufrieden als Westdeutsche. Diese Ergebnisse unterscheiden sich nicht wesentlich von denen der neunziger Jahre.
Und doch hat sich in den letzten Jahren einiges im Verhältnis der Ost- und Westdeutschen zueinander getan. Dies zeigt sich in den Ergebnissen auf die Frage „Fühlen Sie sich im allgemeinen eher als Deutscher oder mehr als West- beziehungsweise Ostdeutscher?“
In den alten Bundesländern sagte immer eine deutliche Mehrheit der Bevölkerung, sie fühle sich in erster Linie als Deutscher, doch im Januar dieses Jahres hat diese Angabe mit 71 Prozent den höchsten Wert seit dem Jahr 1992 erreicht. In den neuen Bundesländern überwog dagegen stets die Zahl derer, die sich vor allem als Ostdeutsche fühlten und sich erst dann, in zweiter Linie, mit der Nation als Ganzes identifizierten. In diesem Jahr sagen nun zum ersten Mal 54 Prozent der Ostdeutschen, also die deutliche Mehrheit, sie fühlten sich in erster Linie als Deutsche (siehe Grafik).
Merkel und Platzeck als Krampflöser
Ein ähnlicher Trend zeigt sich auch bei der Frage „Wenn Sie jetzt einmal die Deutschen im Osten des Landes mit den Deutschen im Westen vergleichen: Überwiegen da die Unterschiede, oder überwiegen da die Gemeinsamkeiten?“ Nachdem über 15 Jahre hinweg klare Mehrheiten in beiden Landesteilen die Überzeugung vertraten, es überwögen die Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschen, äußert sich die Bevölkerung heute unentschieden: Rund ein Drittel meint heute noch, die Unterschiede überwiegen, ein weiteres Drittel widerspricht, der Rest ist unentschieden.
Auch weitere Umfrageergebnisse deuten darauf hin, daß die Auseinandersetzung zwischen Ost- und Westdeutschen an Schärfe verloren hat. Die vor allem in den neuen Bundesländern zu beobachtende Neigung, sich demonstrativ vom anderen Teil Deutschlands abzugrenzen, nimmt ab. Es fällt dabei auf, daß sich die größten Veränderungen erst in jüngster Zeit zugetragen haben. Der Anteil derer in den neuen Bundesländern, die meinen, es überwögen die Gemeinsamkeiten zwischen Ost- und Westdeutschen, hat sich in den letzten zwei Jahren verdoppelt. Es ist, als habe sich bei Teilen der Bevölkerung eine Verkrampfung gelöst. Dabei liegt die Vermutung nahe, daß die politischen Ereignisse der letzten Monate zu dieser Entwicklung beigetragen haben. Der Aufstieg Angela Merkels und Matthias Platzecks scheint als deutliches Signal dafür wahrgenommen zu werden, daß eine ostdeutsche Herkunft nicht gleichbedeutend mit einer Benachteiligung im öffentlichen Leben ist.
Des Ost-West-Gegensatzes müde
Die Bevölkerung ist des Ost-West-Gegensatzes müde geworden. 59 Prozent der Westdeutschen und 54 Prozent der Ostdeutschen stimmen der Aussage zu „16 Jahre nach der Wiedervereinigung hat es keinen Sinn mehr, immer noch auf den Unterschieden zwischen Ost- und Westdeutschland herumzureiten. Natürlich gibt es da auch Probleme, aber alles in allem ist es doch gut so, wie es jetzt ist.“ Und zwei Drittel in beiden Landesteilen bestätigen die These „Auch wenn es nach wie vor Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland geben mag - letztlich haben sich Ost- und Westdeutsche doch ziemlich aneinander gewöhnt.“ Hinzu kommt, daß mit dem steigenden Reformdruck in Westdeutschland so manche Klage aus den neuen Bundesländern verständlicher erscheint als noch vor zehn Jahren.
Unterdessen wird die Erinnerung an die politischen Umstände der Wiedervereinigung blasser. Auf die Frage „Wenn Sie einmal daran denken, wie die Bundesregierung unter Helmut Kohl 1989/90 die deutsche Einheit organisiert hat: War das eine große Leistung, oder hätte jede Regierung das so schaffen können?“ antworten heute noch 37 Prozent der Bevölkerung, die deutsche Einheit sei eine große Leistung der Regierung Kohl gewesen, 1991 waren es 45 Prozent. Eine relative Mehrheit von 46 Prozent meint heute, diese Leistung hätte jede Bundesregierung vollbringen können. Man kann diese Entwicklung als Mangel an historischem Bewußtsein beklagen, doch sie ist auch ein Symptom für eine Gewöhnung an die Lage. Mehr und mehr erscheint der Bevölkerung die deutsche Einheit als selbstverständlich, als gleichsam natürlicher Zustand.
„Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört“
Während die Einzelkenntnisse über die politischen Auseinandersetzungen vom Anfang der neunziger Jahre schwächer werden, bleibt die Erinnerung an die Emotionen während der Jahre 1989/90 ganz lebendig. Eine im Januar 2006 gestellte Frage lautete: „Wenn Sie an die Zeit des Umsturzes in der DDR und die anschließende Wiedervereinigung zurückdenken: Sind Ihnen damals bei allem, was sich da zutrug, irgendwann einmal die Tränen gekommen?“ 46 Prozent der Westdeutschen und 55 Prozent der Ostdeutschen, die heute 35 Jahre und älter sind, sagen, daß ihnen damals die Tränen gekommen seien. Im November/Dezember 1989 machten 44 Prozent der Westdeutschen diese Angabe.
Die Allensbacher Umfragen zeigen: Ganz allmählich macht die innere Einheit Deutschlands Fortschritte. Willy Brandt hatte recht, als er nach dem Fall der Mauer ankündigte: „Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört.“ Der Prozeß dauert nur etwas länger, als Brandt vermutlich angenommen hat. Man wird wohl weitere eineinhalb Jahrzehnte warten müssen, bis sich Ost- und Westdeutsche vollends aneinander gewöhnt haben. Mit den psychologischen Folgen des für Deutschland katastrophalen 20. Jahrhunderts mit all seinen Verbrechen, Kriegen, Vertreibungen und schließlich der Teilung des Landes werden sich die Deutschen noch wesentlich länger beschäftigen. Seine Schockwellen werden auch in 350 Jahren noch spürbar sein. Welche Lieder dann wohl gesungen werden?
Wie weit sind wir zusammen gewachsen?
Thomas Fahrig (tf14)
- 25.01.2006, 18:33 Uhr