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Der Landesbischof von Hannover im Gespräch „Gottes dunkle Seiten lassen wir kaum noch zu“

03.09.2011 ·  Landesbischof Ralf Meister spricht über die Bücher seiner Vorgängerin Kässmann, die Verflachung der Religion, die Politisierung von Predigten und typische Journalistenfragen.

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Herr Landesbischof, Sie hatten sich mit der sensiblen Frage zu beschäftigen, welchen Dienstwagen Sie nehmen. Ihre Vorgängerin hatte den VW Phaeton.

Das ist in der Tat ein sensibles Thema. Es ist der Phaeton, natürlich, weil VW in Niedersachsen produziert. Dieses Auto erregt nicht annähernd das Aufsehen, das die Oberklasse-Limousinen anderer deutscher Hersteller erregen.

Hatten Sie überlegt, den Passat zu nehmen?

Mal im Ernst: Für mich ist das ein rollendes Büro, in dem ich im Jahr etwa 100.000 Kilometer zurücklege. Deshalb brauche ich auf dem Rücksitz genügend Platz für Akten, Postmappen und für mein Netbook, um die Fahrzeit zum Arbeiten nutzen zu können.

Wenn Sie im Volkswagen durch die Gemeinden reisen, haben Sie dann das Gefühl, fortdauernd mit Ihrer Vorgängerin verglichen zu werden?

Das ist ein typischer Journalisten-Trick. Die Einzigen, die solche Fragen stellen, sind Sie! Nun können Sie sagen, die Menschen sprechen das nicht offen an. Könnte sein. Aber das Thema taucht kaum auf. Ich treffe in den Gemeinden auf unglaublich warmherzige Menschen. Bei diesen Begegnungen spielt die Vorgängerin keine größere Rolle als alle anderen Vorgänger. Neulich war ich in einer Kirchengemeinde, da war mitten in der Woche am Vormittag die Kirche voll. Der Pastor erzählte mir hernach, es war das erste Mal seit 1948, dass hier ein Bischof war.

Hat Margot Käßmann in Hannover ein bestelltes Haus hinterlassen?

Die hannoversche Landeskirche ist sehr gut organisiert. Und es hat nach Margot Käßmann über ein Jahr mit Bischofsvikar Jantzen eine hervorragende Vertretung gegeben.

Haben Sie ihre Bücher gelesen?

Ich habe ihr Buch „In der Mitte des Lebens“ angelesen. Sie schreibt weniger für die Theologenzunft. Sie erreicht in bewundernswerter Weise viele, indem sie über die persönliche Seite einer christlichen Existenz schreibt.

Margot Käßmanns Bücher verkaufen sich blendend. Wie erklären Sie sich das?

Es besteht ein Zusammenhang zwischen dieser Spiritualität und der Säkularisierung. Mitten in der Entzauberung der Welt gibt es eine gegenläufige Strömung – Menschen sehnen sich nach Geheimnis und innerer Erfüllung.

Margot Käßmann befasst sich in ihren Büchern intensiv mit den Brüchen in den Biographien. Es geht in der neuen Spiritualität um „Ankommen“ und „Ganz-Sein“ trotz aller Brüche.

Das stimmt. Was mich allerdings daran stört, ist dieses: Man verharrt letztlich in der Selbsterfüllung – das Ziel ist das Wohlsein in einem überschaubaren Zeitraum. Dafür gibt es dann eine Fülle von Rezepten, und eine Reihe davon sind geistlicher Natur. Aber die Kirche verspricht nicht das Heil dieser Welt. Es kann einem Christen passieren, dass sein ganzes Leben ein Hiob-Martyrium sein wird. Wir können dieser Frau oder diesem Mann oft dann nicht mehr sagen als dieses eine: Der Gott, an den wir glauben, hatte die Schmerzerfahrungen auch selbst. Mir gibt das in meinem Leben Trost. Und das ist mehr als die Hoffnung, dass nach einem guten Abendessen mit Freunden alles wieder gut ist.

Wird die Toskana-Theologie prägend für die Religion werden?

Was der Einzelne zur Erbauung auf dem Nachttisch liegen hat, bewegt die Gesellschaft nicht grundlegend. Dem Boom der Wellness-Spiritualität fehlt die gesellschaftliche Wucht. Was die Kirche angeht, so wünsche ich mir eine stärkere Hervorhebung des Zusammenhangs zwischen Glauben und Vernunft. Spiritualität darf nicht als Freiheit verstanden werden, sich der Vernunft der Welt zu entziehen.

Die zunehmende Polarisierung der Politik vollzieht sich auch in den Kirchen. Die Mitte wird schwächer. Die Stimme derer, die erst nachdenken müssen, was ihr Glaube für diese oder jene Frage bedeutet, dringt kaum an die Öffentlichkeit.

Wenn das stimmt, wäre das eine Katastrophe. Wer seinen Glauben ohne intensiven Zweifel vorträgt, der hat vom Glauben nicht viel verstanden.

Was heißt Zweifel für Sie?

Der Zweifel, von dem ich spreche, ist eine intensive Suche, die es sich eben nicht an dieser Welt genügen lässt. Das ist für mich ein wesentliches Kriterium für Religion. Spirituelles Gewaber erkennt man daran, dass es in einem Binnenzirkel verbleibt und nicht mehr nach dem Transzendenten fragt. Das führt dann entweder zur Banalisierung des Sakralen oder zur Sakralisierung des Alltäglichen.

Das Problem ist also die Verflachung?

Genau. Es wird vom Fußballgott und ähnlichen Gestalten geredet – aber das hat doch mit Gott nichts zu tun! Der sogenannte Fußballgott besteht aus unseren Wünschen und Sehnsüchten und allem, was uns sonst noch einfällt. Echte Frömmigkeit greift nach etwas vollständig anderem. Und genau das muss die Kirche deutlich machen.

Hat die Kirche auch selbst zur Verflachung beigetragen?

Man muss ehrlich sagen, dass die Theologie an der ein oder anderen Stelle fast aufgehört hat. Kein Mensch redet mehr über das Gericht. Wir reden nur noch sehr vage über das ewige Leben. Die dunkle Seite Gottes, die verborgenen Seiten – dieses Gottesbild lassen wir kaum noch zu.

Was ist mit der Auferstehung?

An die unversehrte und körperliche Vollständigkeit, die sich die alte Tradition vorstellte, glaube ich nicht. Wir wissen nicht, in welcher Gestalt Jesus Christus uns entgegenkommt und in welcher wir nach unserem Tod aufgehoben sein werden – sicherlich nicht in unserer gegenwärtigen Körperlichkeit, in der wir hier sitzen.

Wie dann?

Das weiß ich nicht.

Das hört man selten von einem Bischof.

Wenn ich Paulus lese, „unser Wissen ist Stückwerk“ – der bleibt doch selbst immer wieder im Rätsel stecken. Er sagt: „Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht“. (1. Korinther 13)

Kann ein Bischof dabei eine gute Figur machen, wenn er sagt: Ich weiß es nicht.

Der Bischof sagt jedenfalls nicht: Ich allein bin im Besitz der Wahrheit. Ob er damit eine gute Figur macht, müssen andere entscheiden.

Fürchten Sie, dass dann wieder über die Protestanten gesagt wird: Die wissen selbst nicht, was sie glauben?

Für evangelische Christen ist klar: Sowohl in ethischen als auch in religiösen Fragen kann nicht das Wort des Bischofs entscheidend sein. Protestant zu sein heißt: Die alleinige Berufung auf den „Glauben der Kirche“, ein Bischofswort oder die Tradition reicht nicht. Nur die Gewissheit, die du für dich selbst formulierst und die in deinem Leben Wahrheit sein kann, wird dir auch helfen, das Leben zu bestehen.

Zu Ihrer Amtseinführung haben Sie gesagt, zuerst das Religiöse, dann das Gesellschaftspolitische. War das eine bewusste Positionierung?

Diese Akzentsetzung ist Teil meiner Erfahrung, dass beides aufeinander bezogen sein muss. Ein Beispiel: In Berlin haben Christen damit begonnen, am Karfreitag das Kreuz durch die Stadtmitte zu tragen. Da kann man jetzt sagen: Da wird der Glaube zum Event. Jeder, der das miterlebt, bemerkt jedoch, dass es um den Kern unseres Glaubens geht. Wir legen beispielhaft Zeugnis ab vom Leiden Jesu. Es geht mir um Formen, bei denen man spürt: Die Kirche ist nicht nur eine kulturelle Tradition, nicht nur ein gesellschaftspolitischer Akteur, sondern lebt auf ihrem religiösen Fundament und gibt diesem Leben auch eine äußere Form. Das kann übrigens auch zu einer scharfen politischen Attacke führen. Aber generell gilt: Gesellschaftspolitik ist nicht das primäre Handlungsfeld der Kirche – das entspricht nicht ihrem Auftrag.

Dennoch tun sich die Kirchen mit politischen Stellungnahmen hervor. Glauben Sie, dass jemand diese Ratschläge hören will?

Meine Weihnachtspredigten sind unpolitisch – Sie hören da in der Regel keine Forderung nach Erhöhung der Hartz-IV-Sätze.

In den Gemeinden kommt es dabei sehr auf den Pfarrer an. Wenn hingegen der Bischof predigt, verlässt man nie den Gottesdienst, ohne politisch instruiert worden zu sein.

Aber das ist doch ein medialer Reflex! Ich bin jetzt 100 Tage Landesbischof. Die Journalisten sagen mir: Wenn Sie nichts Politisches sagen, dann schreiben wir nicht darüber. Die Medien berichten über eine gut reflektierte Theologie kaum noch. Gleichwohl: Ein Bischof sollte nicht politisieren, nur weil er sich am Frühstückstisch beim Aufschlagen der Zeitung geärgert hat. Das schmälert nicht, dass Theologie eine scharfe Waffe sein kann! Denken Sie zum Beispiel an die Propheten mit ihrer klaren Forderung nach einer gerechten Gesellschaft – eine sehr aktuelle Mahnung.

Hat sich in der Kirche eine Funktionärsschicht abseits der Gemeindepfarrer gebildet, die von der Politisierung lebt?

Entschuldigen Sie, aber das ist eine Karikatur. Eine Kirche, die nur noch hochliturgisch ihre Gottesdienste feiern würde, aber den Nächsten in der Armut fallen lässt, wäre genauso problematisch wie eine Kirche, die morgens aufsteht und sagt: Ich tue heute irgendetwas Gutes, lese aber nicht in der Bibel.

Das Gespräch mit dem Landesbischof von Hannover führte Reinhard Bingener.

Quelle: F.A.Z.
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