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BdV-Präsidium : Ein Grüner bei den Vertriebenen

Freund Dutschkes und Weggefährte Cohn-Bendits: Milan Horáček im August 1982 bei der Landesversammlung der Grünen in Hofheim am Taunus Bild: Picture-Alliance

Milan Horáček war immer ein Wanderer zwischen den Welten. In Frankfurt wohnte er mit Rudi Dutschke zusammen und war Mitbegründer der Grünen. Dann begegnete er Erika Steinbach – und wandte sich dem Bund der Vertriebenen zu.

          Der großgewachsene Mann wirkt ein wenig unsicher. „Ich bin das erste Mal bei so einer Versammlung“, sagt er in einem Deutsch, das mehr als 46 Jahre nach der Flucht aus seiner tschechischen Heimat belegt, wo er aufgewachsen ist. Milan Horáček hält eine Vorstellungsrede, er bewirbt sich um einen Platz im Präsidium des Bundes der Vertriebenen, des BdV. Natürlich hat er, ein Politiker mit viel Erfahrung, vorher ausgelotet, ob er Chancen hat, nicht nur gewählt zu werden, sondern das auch mit einem ordentlichen Ergebnis.

          Eckart Lohse

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Man weiß ja nicht. Immerhin hat es so etwas noch nie gegeben: ein Grüner, der bei den Vertriebenen ins höchste Führungsgremium will. Und was für ein Grüner! Ein Gründungsmitglied aus dem Frankfurt der wilden siebziger Jahre, ein Freund von Rudi Dutschke und Weggefährte von Daniel Cohn-Bendit, einer, der zu den Flügeltreffen der Fundis bei den Grünen ging. Kurzum: einer, der unter den konservativen Vertriebenenfunktionären, die oft mit einem Parteibuch von CSU oder CDU ausgestattet sind, bislang nicht zu finden war.

          Da steht Horáček also im November vorigen Jahres in einem Konferenzsaal der hessischen Landesvertretung in Berlin und wirbt für sich. Wenige Tage zuvor ist er 68 Jahre alt geworden. Auch von daher also ein Achtundsechziger, wenn auch alles andere als ein typischer. Und der will ein führender Vertriebenenfunktionär werden? Er erzählt von seiner Flucht, die – wie sollte es anders sein? – 1968 stattfand. Er spricht leise. Doch das ist nicht der effekthascherische Versuch, seinen Worten Bedeutung zu geben. Vielleicht ist es der Nervosität geschuldet. Vielleicht auch dem Umstand, dass der große, extrovertierte Auftritt, die Show, wie sie manche Grüne seiner Generation lieben und beherrschen, nicht seine Sache ist.

          Horáček erzählt eine Anekdote. Von denen hat er einige auf Lager. Nach der Besetzung der Tschechoslowakei durch sowjetische Truppen habe er mit einem Freund die Flucht gewagt. Als sie schließlich an der bundesdeutschen Grenze angekommen seien, hätten die Beamten die beiden jungen Kerle gebeten, die Nacht zu bleiben, weil erst am nächsten Morgen ein sudetendeutscher Kollege da sein werde, der des Tschechischen mächtig sei und die erforderlichen Formalitäten erledigen könne. Zur Übernachtung wurde den Flüchtlingen eine Zelle angeboten. Selbstverständlich werde die Tür offen bleiben, versicherte man ihnen. Anschließend brachten die Grenzer Kaffee, belegte Brötchen und eine Ausgabe des „Playboy“. „So wird man normalerweise nicht als Flüchtling empfangen“, scherzt Horáček in der hessischen Landesvertretung.

          Im Saal sitzt Erika Steinbach. Die CDU-Bundestagsabgeordnete ist seit 1994 Mitglied im Bund der Vertriebenen, seit 1998 war sie dessen Präsidentin. An jenem Nachmittag im vorigen November kandidiert sie nicht wieder für dieses Amt, zu ihrem Nachfolger wird der CSU-Bundestagsabgeordnete Bernd Fabritius gewählt. Steinbach gehört zum konservativen Teil der CDU. Ein Bündnis ihrer Partei mit den Grünen ist nicht gerade ihr Lebensprojekt. Sie kennt Horáček schon eine kleine Ewigkeit.

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