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Der Fall Schavan Wie aus einem früheren Leben

 ·  Das Gutachten über Annette Schavans vor 32 Jahren abgegebene Dissertation bringt die Bildungsministerin in höchste Not. Für sie steht mehr als ihr Amt auf dem Spiel.

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© dapd Vergrößern Lange Zeit konnte sich niemand vorstellen, dass Annette Schavan selbst ins Visier der Plagiatsjäger gelangen würde

Unterschiedlicher könnten sie kaum sein, Karl-Theodor zu Guttenberg und Annette Schavan. Der eine ein großspuriger Blender aus großbürgerlichem Hause, die andere zurückhaltend, auf leise Töne setzend, sachorientiert, ein Kind des Bildungsaufstiegs. Sie war die erste in ihrer Familie, die studierte. Der eine schreibt wörtlich ab, seitenweise, schon zu Beginn seiner Arbeit ein dreistes Plagiat, das er wie alle weiteren standhaft bestritt. Die gesamte Arbeit ein Produkt des „Copy&Paste“-Verfahrens.

Lange hat die Wissenschaftsministerin damals geschwiegen. Selbst bei einem Hintergrundgespräch mit Berliner Journalisten war ihr auch nicht ein einziger kritischer Halbsatz über den Freiherrn zu entlocken. Er sei schließlich Kabinettskollege, war die exkulpierende Antwort und dabei blieb es vorerst. Erst am Ende der Guttenberg-Affäre ließ sie sich jenen Satz entlocken, der den Minister einst endgültig zu Fall brachte: „Als jemand, der vor 31 Jahren promoviert hat und in seinem Berufsleben viele Doktoranden begleiten durfte, schäme ich mich nicht nur heimlich“, sagte sie, die enge Vertraute der Kanzlerin. Der Verteidigungsminister trat zurück.

Niemand konnte sich damals vorstellen, dass Annette Schavan, einst Leiterin des Bischöflichen Cusanuswerks, das Stipendien an Studenten vergibt, selbst jemals in das Visier der anonymen Plagiatsjäger geraten würde. Nun muss sie selbst sich gefallen lassen, an den strengen Maßstäben gemessen zu werden, die sie einst an Guttenberg anlegte. Im Mai hat sie der Plagiatsvorwurf kalt erwischt. Pünktlich zu einer Bundespressekonferenz mit Schavan hatte „Robert Schmidt“, so das Pseudonym des ursprünglich an „Vroni-Plag“ beteiligten Plagiatsjägers, seinen Alleingang öffentlich gemacht. Fast ein Dreivierteljahr hat der Mann damit zugebracht, jeden Satz der Arbeit über „Person und Gewissen“ durchzustöbern, am Dienstag vergangener Woche hat er seinen 92 Seiten langen Bericht vorgelegt.

Drei Tage später erfährt die Bundesbildungsministerin, dass die Zeitschrift „Spiegel“ im Besitze eines weit gewichtigeren Textes ist: des Promotionsgutachtens aus Düsseldorf, seit Mai ungeduldig erwartet. Dem Promotionsausschuss gehören zwei wissenschaftliche Mitarbeiter, drei Professoren und ein Studentenvertreter an, der Vorsitzende ist der Prodekan der Philosophischen Fakultät der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf: der Judaist Stefan Rohrbacher. Er hat das Gutachten, das auf den 27. September datiert ist, auch unterzeichnet.

Der Gutachter hat nicht weniger akribisch gearbeitet als die Plagiatsjäger. Die gesamte Sekundärliteratur musste im Original besorgt werden. „Technische Hilfsmittel wie ,Plagiatssoftware’ oder andere Werkzeuge für einen automatisierten Textvergleich wurden nicht eingesetzt“, heißt es in den einleitenden Bemerkungen. Wort für Wort, Fußnote für Fußnote wurden verglichen, aber nicht nur verglichen, sondern auch bewertet: Häufig spricht er von Collage oder gar „Verunähnlichung“, von einem „Anschein der Eigenständigkeit“ und wirft ihr schließlich eine „leitende Täuschungsabsicht“ vor. Die ehemalige Kultusministerin und Wissenschaftsministerin als Promotionsbetrügerin? Sie weist das entschieden von sich.

Auch damals gab es klare Regeln für Zitate

Das Thema ihrer Doktorarbeit lautet: „Person und Gewissen. Studien zu Voraussetzungen, Notwendigkeit und Erfordernissen heutiger Gewissensbildung“. Es ist vermutlich zu weit gefasst, birgt Gefährdungen in sich, denen die damals 25 Jahre alte Studentin wohl erlegen ist: der Kompilation einer großen Menge von Sekundärtexten mit Zettelkästen, Exzerpten und Sekundärzitaten. Das entschuldigt nichts, denn auch damals gab es klare Regeln für Zitate. Allerdings vermuten Professoren und Vertreter von Wissenschaftsorganisationen, dass die paraphrasierenden Teile von etwa 70 Prozent der geisteswissenschaftlichen Dissertationen den heutigen, weitaus strengeren Zitierregeln nicht mehr standhielten. Das gilt erst recht für die Dissertationen in der Erziehungswissenschaft.

Für Frau Schavan geht es jetzt politisch um alles. Entzieht ihr die Universität Düsseldorf den Doktortitel, wird sie als Bildungsministerin zurücktreten müssen. „Das hätte sie nicht verdient“, sagen selbst solche Wissenschaftler, die nicht zu ihren Freunden zählen. Die meisten wissen, dass es noch nie so viel Geld für Wissenschaft und Forschung gab wie jetzt. Auch die Honorarprofessur an der Freien Universität Berlin müsste ihr dann wohl wieder entzogen werden. Weil die Promotion ihr Studienabschluss war, stünde sie ohne Examen, ohne Magister, ohne Diplom da.

Für Doktorarbeiten gibt es keine Verjährung

Der Ombudsmann der Deutschen Forschungsgemeinschaft Wolfgang Löwer, Wissenschaftsrechtler in Bonn plädiert seit langem für eine Verjährung von Plagiatsfällen. „Die salvierende Wirkung der Zeit kennen wir ja sonst im Recht auch“, sagt der an vielen Plagiatsverfahren beteiligte Jurist. „Bei juristischen Examina ist nach fünf Jahren Schluss, bei Bachelor- und Masterstudiengängen steht häufig eine Zehnjahresfrist im Gesetz“. Nur für Doktorarbeiten gibt es keine Verjährung. Doch diese Diskussion wird die wissenschaftliche Öffentlichkeit erst mit einigem Abstand führen können. Zunächst gilt es die endgültige Beschlussfassung der Universität Düsseldorf abzuwarten. Bis dahin ist die Ministerin geschwächt.

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