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Der Fall Guttenberg : Dialektik der Aufklärung

Karl-Theodor zu Guttenberg: Anwälte pochen auf Persönlichkeitsrechte Bild: dapd

Die Universität Bayreuth versucht ihren Ruf zu retten und will den Abschlussbericht über die Arbeit ihres ehemaligen Doktoranden veröffentlichen. Das vitale Interesse, Licht in den Fall Guttenberg zu bringen, kollidiert mit dessen Persönlichkeitsrechten.

          Die Universität Bayreuth versucht ihren Ruf zu retten. Sie hat sich entschlossen gezeigt, zumindest das Ergebnis des Kommissionsberichts zur „Selbstkontrolle in der Wissenschaft“ zu veröffentlichen. Damit hat sie die Anwälte des früheren Verteidigungsministers zu Guttenberg auf den Plan gerufen. Sie werfen der Universität eine Vorverurteilung ihres Mandanten und eine Verletzung seiner Persönlichkeitsrechte vor.

          Heike Schmoll

          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          Auf dieses Problem hat schon zu Beginn der Plagiatsaffäre der Münchner Arbeitsrechtler Volker Rieble hingewiesen. Er hatte den raschen Entzug des Doktortitels aufgrund eines Verwaltungsverfahrens für rechtlich einwandfrei erklärt und zugleich festgestellt, dass es nicht zulässig sei, „überschießende Schuldfeststellungen zu treffen und auf diese Weise ohne Sachgrund in Persönlichkeitsrechte des plagiierenden Doktoranden“ einzugreifen.

          Rechtliche Grundlage gegen den ehemalige Doktoranden fehlt

          Die sogenannte Kommission zur „Selbstkontrolle in der Wissenschaft“, die wissenschaftliches Fehlverhalten überprüft, hat das Recht, gegenüber Studenten, Promotionsstudenten, Hochschullehrern und Mitarbeitern zu handeln, solange sie immatrikuliert sind oder an Lehrstühlen arbeiten. Der vollständig externe ehemalige Doktorand Guttenberg ist aber nicht Mitglied der Universität und deshalb auch nicht ihrer korporativen Gewalt ausgesetzt.

          Der Präsident der Universität Bayreuth, Rüdiger Bormann mit der Doktorarbeit zu Guttenbergs

          Bayreuth fehlt also, so meint zumindest Rieble, die rechtliche Grundlage für Beanstandungen gegenüber Nicht-Mitgliedern und Nicht-mehr-Mitgliedern wie Guttenberg. Es war mithin zu erwarten, dass Guttenbergs Anwälte dagegen vorgehen würden – und es wäre kaum verwunderlich, wenn sie in den kommenden Tagen eine einstweilige Verfügung gegen die Universität Bayreuth erwirkten, die deren Bestreben, die Ergebnisse des Berichts zu veröffentlichen, ein Ende setzte.

          Nahezu zwei Drittel abgeschrieben

          Nach den Recherchen des Gemeinschaftsprojekts der Internetnutzer, „Guttenplag“, finden sich auf mehr als 94 Prozent der Seiten in Guttenbergs Dissertation kopierte oder abgeschriebene Fragmente, fast 64 Prozent der Arbeit, also nahezu zwei Drittel des gesamten Textes, bestehen aus Abgeschriebenem. Angesichts dieses Befundes noch von einem Versehen zu sprechen – wie Guttenbergs Anwälte das tun – wirft nach wie vor Fragen auf.

          Die Universität Bayreuth wiederum versucht mit ihrem Vorpreschen sich des Vorwurfs zu erwehren, dass sie willfährig die Version übernehme, die ihr ehemaliger Doktorand über das Zustandekommen seiner Arbeit öffentlichkeitswirksam lancierte.

          Dieser Eindruck war in Teilen der Öffentlichkeit entstanden, weil der Entzug des Doktortitels unmittelbar auf Guttenbergs Bitte folgte, ihn zurückzunehmen. Insbesondere in der Wissenschaft sähen viele gerne offiziell festgestellt, dass der ehemalige Doktorand Guttenberg ein vorsätzlicher Täuscher, gar ein Wissenschaftsbetrüger sei.

          Universität Bayreuth will größtmögliche Transparenz

          Der Druck der Wissenschaftsorganisationen auf Bayreuth ist jedenfalls gewaltig. Viele Fakultäten, die unbedingt auf Drittmittel angewiesen sind, fürchten, durch die Plagiatsaffäre geradezu in Kollektivhaftung genommen zu werden.

          Die Universität Bayreuth will größtmögliche Transparenz bei der Aufklärung walten lassen. Sie hat auch das Recht, Guttenberg an seine beiden Erklärungen vom 18. Februar und 1. März dieses Jahres zu erinnern, dass es sein „aufrichtiges Anliegen“ sei, an der Aufklärung mitzuwirken. Dass es ein kluger Schachzug war, vor der offiziellen Fertigstellung des Berichts an die Öffentlichkeit zu gehen, wird freilich vielfach bezweifelt.

          Offenkundige Versäumnisse des Doktorvaters

          Aufschlussreich bleibt, inwiefern die Kommission die Mitverantwortung von Guttenbergs Doktorvater Peter Häberle bedenkt, der schließlich der Universität Bayreuth angehört. Die Dienstaufsicht im beamtenrechtlichen Sinne besitzt sie zwar nicht, aber sie könnte die offenkundigen Versäumnisse benennen. Wissenschaftsrechtler rechnen allerdings damit, dass es dazu kaum kommen dürfte. In den meisten Fällen werden die beteiligten Professoren aus naheliegenden Gründen geschont.

          Völlig unklar ist auch noch, ob die Universität ihren internen Bericht für den Präsidenten eigentlich an die Staatsanwaltschaft Hof, die wegen Verletzung des Urheberrechts in mehreren Fällen ermittelt, herausgeben darf. Auch dagegen könnten Guttenbergs Anwälte einschreiten. Wenn die Staatsanwaltschaft mit der Beschlagnahme drohen würde, könnte die Universität den Bericht an sie herausgeben und gleichzeitig Widerspruch dagegen anmelden. Doch das strafrechtliche Verfahren wird aller Voraussicht nach ohnehin ergebnislos verlaufen, weil keiner der plagiierten Autoren oder Zeitungen gegen Guttenberg geklagt hat.

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