http://www.faz.net/-gpf-81k75

Deutsche Muslime und Juden : Integrationspolitik auf dem Friedhof

Michael Müller, der regierende Bürgermeister von Berlin, und Raed Saleh, Fraktionsvorsitzender der Berliner SPD, vor der Sehitlik-Moschee. Bild: dpa

In Berlin lebende Muslime lassen sich bislang meist in muslimischen Ländern beerdigen. Das liegt auch daran, dass es in der Hauptstadt zu wenig Platz auf muslimischen Friedhöfen gibt. Das soll sich ändern.

          Raed Saleh und Michael Müller haben am Freitag zusammen die Synagoge am Kreuzberger Fraenkelufer und die Sehitlik-Moschee in Neukölln besucht. Es werden die internationale Woche gegen Rassismus begangen, der SPD-Fraktionsvorsitzende im Abgeordnetenhaus und der Regierende Bürgermeister (ebenfalls SPD) wollten „ein Zeichen setzen“. Alle zeigten sich in Bestform. Die Gemeinden schoben die Jungen und die Frauen nach vorn; sie wissen, dass sie im Verdacht stehen, Honoratiorenvereine zu sein. Für die SPD beginnt der Wahlkampf. Müller hat seine ersten hundert Tage im Amt gut überstanden, er erfreut sich größerer Beliebtheit als der vermeintliche Popstar Klaus Wowereit. Gewählt wird zwar erst im Herbst 2016, aber bis dahin soll sichtbar werden, dass mehr Bürgernähe, die Müller mehrfach versprochen hat, nicht nur ein guter Vorsatz war.

          Mechthild Küpper

          Politische Korrespondentin in Berlin.

          Berlin hält sich viel darauf zugute, eine bunte, tolerante und weltoffene Stadt zu sein. Politiker aller Parteien berufen sich auf dieses Selbstbild, wann immer es geht. Lauscht man jedoch denen, die zwar seit Jahrzehnten in Berlin leben, aber weder „bio-deutsch“ noch christlich sind, klingt die Geschichte oft anders: Hasan Choudury etwa kam vor dreißig Jahren aus Bangladesch nach Berlin. Damals seien die Bengalen eine winzige Gruppe gewesen, inzwischen leben 3000 von ihnen in Berlin. „Es gibt kein Zurück“, sagte Choudury bei der gemeinsamen Versammlung der Bürgerplattformen Neukölln und Treptow-Köpenick in dieser Woche: „Die man kannte, sind auch ausgewandert oder sie sind gestorben.“ Im vergangenen Jahr hat Choudurys Frau ein totes Baby zur Welt gebracht. Er habe „ganz Berlin durchsucht“ nach einem muslimischen Friedhof und sei nach Gatow geschickt werden, weit weg vom Neuköllner Stadtteil Rudow, wo er wohnt. Es wäre schöner, wenn Muslime dort begraben werden könnten, wo sie lebten, sagt er.

          Seit über 50 Jahren lebten Muslime in Berlin und seien längst „hier zu Hause und keine Gastarbeiter mehr“, sagte Bahri Denis, dessen Firma Hicret seit 1997 islamische Bestattungen anbietet. Bis vor wenigen Jahren hieß das meistens, jedenfalls bei den Türken, dass der Leichnam in die alte Heimat übergeführt wurde. Inzwischen aber, so sein Eindruck, lasse sich die Mehrzahl der Berliner Muslime hier beerdigen. In Berlin ist seit langem bekannt, dass ein muslimischer Friedhof gebraucht wird. Nun hat sich die Bürgerplattform Neukölln der Sache angenommen. Die Mitglieder solcher Bürgerplattformen - es gibt inzwischen drei - einigen sich darauf, was die dringendsten Missstände ihres Stadtquartiers seien, und suchen diese im direkten und gleichberechtigten Gespräch mit Behörden und Politikern zu beheben. Mehrere Redner betonten beim gemeinsamen Treffen von „So! Mit uns“, der Plattform aus Berlin-Südost, und „Win“ (Wir in Neukölln), dass allein diese Veranstaltung eine beträchtliche Integrationsleistung darstelle: So viele Muslime sehe man in Köpenick sonst nicht.

          Eine Integrationsleistung ist sicher auch, dass Muslime aller Richtungen in der Bürgerplattform gemeinsam für einen Friedhof kämpfen. Bisher kümmert sich die türkische Religionsbehörde Ditib, die auch die Sehitlik-Moschee betreibt, um den Friedhof am Columbiadamm und um den weit draußen in Gatow, in Berlins Westen.

          Weitere Themen

          Jerusalem-Proteste werden fortgesetzt Video-Seite öffnen

          Berlin : Jerusalem-Proteste werden fortgesetzt

          In Berlin haben abermals hunderte Menschen gegen die Anerkennung Jerusalems als israelische Hauptstadt durch Donald Trump protestiert. Teilnehmer äußerten sich äußerst aufgebracht.

          Easyjet-Einstieg bei Air Berlin Video-Seite öffnen

          Kauf genehmigt : Easyjet-Einstieg bei Air Berlin

          Die EU-Kommission hat die Übernahme von Teilen von Air Berlin durch Easyjet erlaubt. Sie sieht darin sogar Vorteile für die Verbraucher.

          Topmeldungen

          Senats-Wahl in Alabama : Amerika ist so gespalten wie nie zuvor

          In Alabama haben fast drei Viertel der weißen Männer und rund zwei Drittel der weißen Frauen für den umstrittenen Roy Moore gestimmt – die Afroamerikaner gaben zu 90 Prozent dem Demokraten Jones ihre Stimme. Nie war der Graben tiefer, der mitten durch Amerika geht.
           Nur nicht durch die Decke gehen: Die Wintersport-Experten des ZDF für die Olympischen Winterspiele in Pyeongchang.

          ARD und ZDF haben Geld : Steigt der Rundfunkbeitrag doch nicht?

          Die Finanzkommission Kef hat die Finanzen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks für die Jahre 2017 bis 2020 unter die Lupe genommen. Sie kommt zu dem Schluss: Da lässt sich einiges sparen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.