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Veröffentlicht: 27.03.2015, 17:06 Uhr

Deutsche Muslime und Juden Integrationspolitik auf dem Friedhof

In Berlin lebende Muslime lassen sich bislang meist in muslimischen Ländern beerdigen. Das liegt auch daran, dass es in der Hauptstadt zu wenig Platz auf muslimischen Friedhöfen gibt. Das soll sich ändern.

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© dpa Michael Müller, der regierende Bürgermeister von Berlin, und Raed Saleh, Fraktionsvorsitzender der Berliner SPD, vor der Sehitlik-Moschee.

Raed Saleh und Michael Müller haben am Freitag zusammen die Synagoge am Kreuzberger Fraenkelufer und die Sehitlik-Moschee in Neukölln besucht. Es werden die internationale Woche gegen Rassismus begangen, der SPD-Fraktionsvorsitzende im Abgeordnetenhaus und der Regierende Bürgermeister (ebenfalls SPD) wollten „ein Zeichen setzen“. Alle zeigten sich in Bestform. Die Gemeinden schoben die Jungen und die Frauen nach vorn; sie wissen, dass sie im Verdacht stehen, Honoratiorenvereine zu sein. Für die SPD beginnt der Wahlkampf. Müller hat seine ersten hundert Tage im Amt gut überstanden, er erfreut sich größerer Beliebtheit als der vermeintliche Popstar Klaus Wowereit. Gewählt wird zwar erst im Herbst 2016, aber bis dahin soll sichtbar werden, dass mehr Bürgernähe, die Müller mehrfach versprochen hat, nicht nur ein guter Vorsatz war.

Mechthild Küpper Folgen:

Berlin hält sich viel darauf zugute, eine bunte, tolerante und weltoffene Stadt zu sein. Politiker aller Parteien berufen sich auf dieses Selbstbild, wann immer es geht. Lauscht man jedoch denen, die zwar seit Jahrzehnten in Berlin leben, aber weder „bio-deutsch“ noch christlich sind, klingt die Geschichte oft anders: Hasan Choudury etwa kam vor dreißig Jahren aus Bangladesch nach Berlin. Damals seien die Bengalen eine winzige Gruppe gewesen, inzwischen leben 3000 von ihnen in Berlin. „Es gibt kein Zurück“, sagte Choudury bei der gemeinsamen Versammlung der Bürgerplattformen Neukölln und Treptow-Köpenick in dieser Woche: „Die man kannte, sind auch ausgewandert oder sie sind gestorben.“ Im vergangenen Jahr hat Choudurys Frau ein totes Baby zur Welt gebracht. Er habe „ganz Berlin durchsucht“ nach einem muslimischen Friedhof und sei nach Gatow geschickt werden, weit weg vom Neuköllner Stadtteil Rudow, wo er wohnt. Es wäre schöner, wenn Muslime dort begraben werden könnten, wo sie lebten, sagt er.

Seit über 50 Jahren lebten Muslime in Berlin und seien längst „hier zu Hause und keine Gastarbeiter mehr“, sagte Bahri Denis, dessen Firma Hicret seit 1997 islamische Bestattungen anbietet. Bis vor wenigen Jahren hieß das meistens, jedenfalls bei den Türken, dass der Leichnam in die alte Heimat übergeführt wurde. Inzwischen aber, so sein Eindruck, lasse sich die Mehrzahl der Berliner Muslime hier beerdigen. In Berlin ist seit langem bekannt, dass ein muslimischer Friedhof gebraucht wird. Nun hat sich die Bürgerplattform Neukölln der Sache angenommen. Die Mitglieder solcher Bürgerplattformen - es gibt inzwischen drei - einigen sich darauf, was die dringendsten Missstände ihres Stadtquartiers seien, und suchen diese im direkten und gleichberechtigten Gespräch mit Behörden und Politikern zu beheben. Mehrere Redner betonten beim gemeinsamen Treffen von „So! Mit uns“, der Plattform aus Berlin-Südost, und „Win“ (Wir in Neukölln), dass allein diese Veranstaltung eine beträchtliche Integrationsleistung darstelle: So viele Muslime sehe man in Köpenick sonst nicht.

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Eine Integrationsleistung ist sicher auch, dass Muslime aller Richtungen in der Bürgerplattform gemeinsam für einen Friedhof kämpfen. Bisher kümmert sich die türkische Religionsbehörde Ditib, die auch die Sehitlik-Moschee betreibt, um den Friedhof am Columbiadamm und um den weit draußen in Gatow, in Berlins Westen.

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