25.11.2009 · Gibt es die international bespottete „German Angst“ tatsächlich, oder ist unser Volk viel entspannter, weil es auf die eigenen Fähigkeiten vertraut? Wie sehen uns die Nachbarn? Eine Konferenz diskutierte über Wohlstandssorgen und die „Angstindustrie“.
Von Klaus-Dieter Frankenberger und Wulf Schmiese, BerlinIst das Selbstbild der Deutschen gar nicht so, wie die Deutschen von sich glauben? Gibt es die international bespottete „German Angst“ tatsächlich, oder ist unser Volk viel entspannter, weil es auf die eigenen Fähigkeiten vertraut, auch in der Globalisierung zumindest wirtschaftlich zu bestehen? Darüber diskutierten am Mittwoch lebhaft namhafte Akteure aus Politik, Wirtschaft, Militär, Kultur und Medien in der Berliner Hauptstadtrepräsentanz der Deutschen Bank. „Denk ich an Deutschland“ war das dem Gedicht von Heinrich Heine entlehnte Motto der Konferenz, zu der die F.A.Z. und die Alfred Herrhausen Gesellschaft eingeladen hatten.
Sechzig Jahre nach ihrer Gründung und zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung ist die Bundesrepublik Deutschland ein, alles in allem, erfolgverwöhntes Land in den besten Jahren. Sie steht heute da wie jemand, der auf ein erfolgreiches Leben zurückblickt, nun aber voller Sorge in die Zukunft schaut und sich fragt, ob die bewiesene Kraft und Leistung ausreichen, um weiter dieses Niveau halten zu können. Eigentlich gebe es wenige objektive Gründe für Minderwertigkeitskomplexe der Deutschen; darin waren sich die Redner einig. Wieso also die Sorge vor dem, was kommt?
Köcher: Pessimismus eine Ausnahme
Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank, Josef Ackermann, pries als Erfolgsrezept für Selbstvertrauen das seines Hauses: „Zu Hause die Nummer Eins zu sein, ist auch international der beste Weg, um an der Spitze zu bleiben.“ Auch Günther Nonnenmacher, Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, die sich mit ihrer Gründung vor 60 Jahren dem Anspruch verschrieb, „Zeitung für Deutschland“ zu sein, sah im Bestehen auf nationalem Terrain die Voraussetzung dafür, international anerkannt zu sein. Der in Polen geborene und mit seinen Eltern vor dem Kommunismus nach Deutschland geflohene Publizist Henryk Broder schaute, soeben von einer Reise aus Indien zurückgekehrt, von außen auf Deutschland: Während in Indien die Gesellschaft rücksichtslos nach Wohlstand strebe, empfinde er in Deutschland Gelassenheit. „Wir sind wieder wer – auf eine entspannte, freundliche und vollkommen unaggressive Weise“, lobte Broder sein Deutschland. Er sei zwar nicht stolz darauf, Deutscher zu sein, wohl aber froh und glücklich, hier zu leben. Der anerkannte Kritiker mancher Zustände warnte vor überzogenem Missmut und dem Schlechtreden der hiesigen Verhältnisse.
Die Meinungsforscherin Renate Köcher, die als Leiterin des Instituts für Demoskopie Allensbach seit Jahren die Befindlichkeit der Deutschen erforscht, spiegelte anhand von Umfragen, wie sich die Deutschen selbst sehen: Sie schwankten zwischen Stolz auf das Erreichte und einer „gewissen Bangigkeit, wie weit die eigene Erfolgsgeschichte in die Zukunft verlängert werden kann“. Zur allgemeinen Überraschung sagte sie, Pessimismus sei eine Ausnahme in der Geschichte der Bundesrepublik. Die Deutschen sähen sich trotz mancher Krise nicht als ängstliches, sondern als gelassenes, selbstbewusstes, verlässliches und pragmatisches Volk, das – wie dessen Führung – immer in der Lage gewesen sei, auf Risiken entsprechend zu reagieren. Die Deutschen glaubten, sie seien beliebt in der Welt, auch weil ihr Land für Qualität und Präzision stehe, führend sei in Industrie und Technik.
Zugleich gebe es aber derzeit mehr denn je einen bedenklichen „Hang zur Romantik“. Die Zeit zwischen 1969 und 1985 empfänden die meisten als die besten Wohlstandsjahre. Diese Zeit sei vorbei; nun fürchte die Mehrheit sinkenden Wohlstand und Einschnitte ins soziale Netz. Diese Sichtweise aber sei nun die eigentliche Gefahr. „Ein Land, dass fürchtet, die besten Jahre hinter sich zu haben, entwickelt sehr beharrende Kräfte, den Status quo zu halten“, sagte Frau Köcher.
Von einer „Angstindustrie“, die vor allem Massenmedien betrieben, sprach der Medienwissenschaftler Norbert Bolz. Der „Negativismus“, das Aufzeigen von Gefahren, seien es Sozialabbau, Seuchen oder Inflation, sei wie eine Ware, die von den Deutschen begehrt und gekauft werde. Auch die Politik mache mit dem Schüren von Ängsten Politik. Bolz stimmte mit Broder darin überein, dass derzeit die Linke eine vermeintlich fehlende soziale Gleichheit propagiere und dadurch Zustimmung erhalte.
Der Wirtschaft allerdings könnten die Zukunftssorgen der Deutschen nützen, widersprach Keith Ulrich, Leiter des Technologiemanagements der Deutschen Post AG. So habe etwa die Sorge vor dem Klimawandel neue Geschäftsfelder eröffnet, auf denen Deutschland bereits führend sei und weltweite Standards setze.
„Deutschland ist eine betonierte Gesellschaft“
In der Debatte über das Verhältnis von sozialer Gerechtigkeit und Freiheit prallten die Gegensätze aufeinander. Während der Schweizer Publizist Roger Köppel die soziale Mobilität durch staatlichen Zwang und Umverteilung erdrückt sah und rigoros für wirtschaftliche Freiheit plädierte, verlangte der hessische Grünen-Politiker Tarek Al-Wazir eine Stärkung der (staatlichen) Institutionen. Das soziale Aufstiegsversprechen werde nicht mehr gehalten: „Deutschland ist eine betonierte Gesellschaft, in der der soziale Aufstieg nicht mehr funktioniert.“ Konservative und Marktradikale müssten ihre Staatsfeindlichkeit aufgeben.
Die Journalistin Inge Kloepfer pflichtete Al-Wazir bei: Soziale Mobilität gebe es nicht mehr. Sie sieht Deutschland auf dem Rückweg zu einer Ständegesellschaft, in der die materielle Ausgangslage über den Aufstieg entscheide. Frau Kloepfer plädierte für die Stärkung einer sozialen Infrastruktur, um insbesondere die Unterschichten zu erreichen. (Siehe auch: Denk ich an Deutschland: Nichts geht mehr)
Der Mainzer Historiker Andreas Rödder, der eine Krise der Globalisierungstechnokratie diagnostizierte, führte die „Unterschichtung“ der deutschen Gesellschaft weitgehend auf die Einwanderung zurück. Einen generellen Versagensvorwurf gegen die staatlichen Institutionen wies er ab. Ob soziale Immobilität nun ein Einwanderungs- oder eher ein Schichtenproblem ist – Einigkeit herrschte im Grundsatz darin, dass das Aufstiegsversprechen wieder mit Leben zu füllen sei.
Denk ich an Deutschland
Gemeinsam haben die Alfred Herrhausen Gesellschaft und die Frankfurter Allgemeine Zeitung eine neue Konferenz entwickelt, die sich mit Deutschlands Stärken, Schwächen und Problemen beschäftigt. Ziel ist es, frei von jeglichen „Denkverboten“ der Parteien, eine objektive aber leidenschaftliche Bestandsaufnahme der deutschen Politik, Wirtschaft und Kultur - aus deutscher und internationaler Sicht - zu präsentieren. Weitere Informationen finden Sie unter: www.denkichandeutschland.net.
Grandios!
Holger Sulz (H._Sulz)
- 25.11.2009, 20:27 Uhr
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Klaus-Dieter Frankenberger Jahrgang 1955, verantwortlicher Redakteur für Außenpolitik.
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